Matthias Dell
20.05.2012 | 21:45 5

Vielleicht ohne Bart

Polizeiruf Wer einmal an dem Trauma krankt, der tut es immer wieder: Der vorletzte Hallenser "Polizeiruf: Bullenklatschen" mit the two Herberts und Frau Lindner gibt sich falladös

Hölle an der Saale, wie es in dieser dem Städtescherz nahestehenden Sonntagskrimibetrachtung heißen muss, überrascht auf seine alten Tage – Bullenklatschen ist die vorletzte Folge mit den beiden Onkels und der nun wahrlich nicht mehr ganz so Neuen – mit decent Style. Zu loben ist, neben Regie (Thorsten Schmidt) und Kamera (Ralph Netzer), vor allem das Licht (Oberbeleuchter: Wilfried Kleburg, Zusatzbeleuchter: Henryk Olk).

Ein Licht, das schöne Schatten wirft und allein dadurch gewisse Ambition artikuliert, nicht ewig Krimigeschichten in diesem besseren Fernseh-Video-Realism zu erzählen (wie etwa beim letzten Auftritt Halles). Wobei das Schöne daran ist, dass Bullenklatschen nicht dort landet, wo Style-Wollen meistens hinführt: in einem Allerweltscool für Neobürgers zu Hause, in einen grobschlächtigen Chic, wie ihn – hat vermutlich eh keiner gesehen – etwa Nicolai Rohde in seinem Fluglotsentraumatisierungschocker 10 Sekunden von 2008 (by the way: in Halle gedreht) performte. Und den man sich vorstellen muss als ein Photoshop-Tool, bei dem einfach auf den Filter "Cool" gedrückt wird, und alles dann so: cool.

Nein, nein, das Licht hier arbeitet auf eigene Rechnung, weil es vor der Grenze zum standardisierten "Look" haltmacht und  auf dem Absatz seines spezifischen Entwurfs von Künstlichkeit balanciert (vor allem in den Szenen bei der Täterinnenfreundin und Krankenschwester Astrid Pohl, gespielt von Klara Manzel), den man mit dem im Fernsehen doch interessanten leicht abstrahierten Bühnen-Realism einer amerikanischen Arthur-Miller-Inszenierung verbinden möchte. Die Musik (Andreas Koslik) rutscht leider drunter weg. Man kann nicht alles haben.

Platzsturm der Staatsgewalt

Treu bleibt sich Halle in dem knallharten Nebeneinander von Oben und Unten, die hier Vorn und Hinten heißen. In einem dieser Hallenser Hinterhöfe lebt ein Architekt (Stefan Jürgens), der sich noch gegen Verwertung sträubt und eine Art Relegationsgrillen um den Wiederaufstieg mit "Autonomen" und anderweitig unversöhnten Existenzen veranstaltet (dem Freigänger und Krankenschwesterfreund Majewski etwa, gespielt von Gerdy Zint). Musik ist etwas laut, Böller stecken bereit, als die Polizei zum Platzsturm bläst, und folglich geht's hoch her, so dass the two Herberts (Jaecki Schwarz, Wolle Winkler) von ihrer B-Day-Surprise-Sause als Zeichen der abgeschlossenen Integration von Nora Lindner (Isabell Gerschke) ablassen und anrücken müssen.

Die Geschichte (Drehbuch: Matthias "Matthew" Herbert) ist etwas unübersichtlich, vielleicht haben wir auch nur den Kopf noch nicht ganz frei, weil wir noch ewig an dem Fall von letzter Woche rumgerätselt haben. Irgendwann aber kapriziert sich die Geschichte auf ein nicht unspannendes Puzzlespiel (das in diesen finalen, präzisest modellierten Sandkastenabdrücken seinen Ausdruck findet), bei dem man anmerken könnte, dass die einzelnen Teile bei unserem favourite Realitätsmodell Cluedo etwas deutlicher auseinander gehalten werden – es verschwimmt einem doch einiges, wenn die Ermittler-Troika vor dem schönen Handmade-Schaubild die Lage noch mal "Paroli passieren" lässt (Horst Hrubesch).

Dafür entschädigt der Schluss des Polizeiruf, der eine eigene Wirkung entfaltet und über den Politik dann doch noch falladös Eingang in die Geschichte findet. Sah es lange Zeit so aus, als verzettele sich die Modernisierungserzählung im Kleinklein des emotional beef in der Revier-Menage-à-Trois um Nils "Quick Hands" Rotter (Daniel Breitfelder) in Gestalt von Frau Jenny (Stephanie Stumph) und Loverin Ilka (Theresa Scholze), weckt die Auflösung betretene Gefühle. Das Deja-Voodoo, das den Freigänger Majewski zum Schießen animiert, ist überzeugend angelegt (auch wenn man sich fragen kann, warum Rotter so schnell zieht – für Mörder hält sich der Rechtsstaat Gerichte, dear boy), schon die Abschiedsbriefverlesung der suizidierten Loverin aus dem Off hat poetische Qualitäten, die im Fernsehfilm nicht zur Grundausstattung gehören. So bleibt am Ende die eben falladöse Erkenntnis, dass, wer einmal aus dem Blechnapf frisst, es immer wieder tut. Dieser Schluss birgt zwar wenig emanzipatives Potential, dementiert aber immerhin die Aufstiegsversprechen der Gegenwart durch Zartheit. Manchmal ist der Kleinbürger in uns schon zufrieden, wenn dessen Seele gestreichelt wird.

Süße Suchbefehle

Groß ist der Umgang mit – what a name – Jürgen Baumann (für einen Gaststar ähnlich wie Stefan Jürgens erstaunlich unprominent: Sergej Moya) aka "Nam June" Paik. Der als langhaar'scher Bombenleger in den Verhören ordentlich vom Leder ziehen darf ("Ich habe diese dumme Bulette niedergeschlagen"), Schneider seine Angestelltenabhängigkeit vorhält ("Sie sind ein Roboter, man erteilt ihnen Befehle ... Sie lassen andere für sich denken") und sich also als Exemplar eines Milieus präsentiert, das zu ornithologisch-pädagogischen Erklärungen anderer motiviert ("'Bullenklatschen' heißt das bei Ihnen"). Highlight dieser großangelegten Bevölkerungsaufklärung über Art, Weise und Wesen des "Autonomen" ist aber der Suchbefehl im Zentralregister: "Staatsschutz, Stichwort: Autonome". Allein für diese Dialogzeile verdient Matthew Herbert Respekt.

Vor solchem Hintergrund muss sich mit dem halbgaren Motiv von Frau Lindners Arachnophobie nicht weiter beschäftigt werden. Hübsch ist erneut die Rollenverteilung im Actionbereich: Kollegin, geh du voran, du hast den schlanksten Körper an. Wenn die two Herberts nächstes Jahr ihr investigatives Geschäft beschließen werden, wird als größte Kulturleistung auf jeden Fall die leicht stullige Selbstverständlichkeit bleiben, mit der hier für die von dem Diktat der endlosen Selbstoptimierung unbeleckte Plautze geworben wurde.

Ein Satz, der aus Kollegen Freunde macht: Haben sie ihre Tabletten nicht genommen?

Ein Klassiker des Weltzweifels: Hört das denn nie auf?

Eine Rollenname, der Thomas-Brasch-Aficionados aka Braschianern Freude macht: (Nils) Rotter

Kommentare (5)

Jaques 21.05.2012 | 01:26

Nabend, Herr Dell!
Ich oute mich als "Dell-Aficionado" - Ihr Artikel ist besser als der Tatort.

"Stullig" stümmt - und noch schlimmer: Das Geläster über die Kollegin ("Und wenn sie in eine Spinne tritt?" - "Dann wirst Du das hören!"), na bruhaha, da ist mindestens eine Purzeltag-Party fällig.

Und ganz garstig auch der Schneider-Winkler,"Sie sind viel zu jung um zu wissen, was Unterdrückung bedeutet" - nee, Wolfgangs, nee.

DIe Story - eher klassisch - und alles andere steht oben anschaulich beschrieben. Merci.

Ich weiß nicht, Herr Artois, ob Sie schon so weit sind?

H.Hesse 21.05.2012 | 19:31

Der Beitrag von Herrn Dell ist stilistisch teilweise miserabel. Da scheint sich jemand gerne mit klug und eingeweiht anmutenden Begriffen darzustellen. Klingt ja wer weiß wie toll, ist aber schlecht. Frei nach der früheren WDR-Moderatorin Carmen Thomas: Alles lässt sich klar und verständlich sagen! Die fuhr jedem Gast in die Parade, der sich geschwollen ausdrückte und mit Fachbegriffen etc. hantierte.

H.Hesse 21.05.2012 | 19:31

Der Beitrag von Herrn Dell ist stilistisch teilweise miserabel. Da scheint sich jemand gerne mit klug und eingeweiht anmutenden Begriffen darzustellen. Klingt ja wer weiß wie toll, ist aber schlecht. Frei nach der früheren WDR-Moderatorun Carmen Thomas: Alles lässt sich klar und verständlich sagen! Die fuhr jedem Gast in die Parade, der sich geschwollen ausdrückte und mit Fachbegriffen etc. hantierte.