Vier Leben ohne Kater

Porträt Richard Cohn-Vossens Biografie ist ein Aufenthaltsraum der deutschen Geschichte. Begegnung mit einem freundlichen Filmemacher, dessen Werk kaum jemand gesehen hat
Matthias Dell | Ausgabe 14/2013

„Sie müssen mich bremsen, wenn ich zuviel erzähle“, sagt Richard Cohn-Vossen zu Beginn. Ein 80-jähriger Mann, der nicht hausieren geht mit der eigenen Biografie, aus der es aber quellen kann, wenn man ihn fragt. Cohn-Vossens Lebensgeschichte hat keine Form in dem Sinne, dass sie erzählbar vorläge in festgezurrten Anekdoten oder dass sie erzählt würde als Teil von deutscher Filmgeschichte, Teilung, Emigration, kurz: des deutschen 20. Jahrhunderts. Obwohl Richard Cohn-Vossen als Dokumentarist gearbeitet hat, also potentiell im Dienste der Ewigkeit, und obwohl er herhalten könnte als Zeitzeuge für die geschichtlichen Komplexe NS-Diktatur und DDR, die aufzurufen das Fernsehen nicht müde wird, kann man auf den etwas albern scheinenden Gedanken kommen, dass es Richard Cohn-Vossen gar nicht gibt. Richard Cohn-Vossen ist nur der Rahmen für die Geschichte, die ihn gelebt hat – der Name des noch ungeschnittenen, reichen Filmmaterials, das sein Leben ist.

Das rollende R

Natürlich gibt es Richard Cohn-Vossen, aber er ist ein Außenstehender, ein Abwesender. Wenn man Filmemacher fragt wie Peter Kahane (Die Architekten), der als junger Mann bei der Defa Cohn-Vossen getroffen hat, oder Thomas Heise (Material), der noch, bevor er selbst Filme machte, von Cohn-Vossens Film In Sachen H. und acht anderer von 1972 beeindruckt war, dann legt sich in die Stimme dringlicher Respekt oder das Gesicht entspannt sich in leichtes Strahlen: Richard Cohn-Vossen war ein anderer unter den Defa-Leuten, einer, der sich unterschied nicht aus Dünkel, sondern durch seine Erscheinung, seinen Hintergrund. Tamara Trampe (Wiegenlieder), die Dramaturgin, Filmemacherin und auch eine Art Insel ihrer selbst im DDR-Filmbetrieb, sagt, sie habe sich mit Cohn-Vossen öfter auf Russisch unterhalten; die gemeinsame Muttersprache verband. Das Russisch hört man bei Richard Cohn-Vossen, das rollende R steht da noch rum im Fluss seines Sprechens; es hat sich nicht abgeschliffen.

Zürich, Moskau, Leipzig

Man kann Richard Cohn-Vossen schwer verorten, schon geografisch. Seit ein paar Jahren befindet er sich hier: in einem Dorf südlich von Chemnitz, wo das Erzgebirge beginnt. Die Landschaft ist schön, sie macht Hügel. Man braucht ein Auto, und zum Spazierengehen kann man fast Wandern sagen. Dass das Leben, das auf den Namen Richard Cohn-Vossen hört, hier gelandet ist, wirkt wie ein Zufall; in Wahrheit ist es die Konsequenz dieses Lebens. Es beginnt 1934 in Zürich, Geburt auf der Flucht. Der Vater ist Mathematiker und Jude und wird im Mai 1933 von der Universität Köln „beurlaubt“. Von Zürich nach Leningrad, bald nach Moskau, der Vater stirbt 1936, die Mutter heiratet Alfred Kurella, das berechtigt zur Datsche in Peredelkino, in der Nachbarschaft von Pasternak und Friedrichmarkuskonrad Wolf. Nach Kriegsende Kaukasus, Mitte der fünfziger Jahre DDR, „wir sagten immer Deutschland“, Leipzig, Studium der Physik beenden. Dann erst Deutsch als Muttersprache, dann erst Richard – mit vollem Namen heißt Cohn-Vossen David Hans Richard, in der Sowjetunion hieß er „Dodik“, in Kurellas Buch Ich lebe in Moskau David. Der Beamte auf dem Passamt fordert eine Entscheidung, Cohn-Vossen entscheidet sich für Richard. Ein neues Leben.

Hallo Niedersachsen

„Ich kann Ihnen erzählen bis morgen früh, passen Sie bloß auf“, sagt Richard Cohn-Vossen immer dann, wenn ein Pfad der Erzählung an eine neue Gabelung gerät. Dann setzt er kurz ab, schaut fast ein wenig unsicher, ob das nun Folgende tatsächlich noch gewusst werden will, ob es weitergehen soll. Es will, es soll. Zur Biografie von Richard Cohn-Vossen gehören mindestens vier Leben. Das zweite ist das in der DDR, wo er Dokumentarfilmemacher wird, bei Andrew Thorndike und Karl Gass. Das dritte beginnt am 11. Mai 1979, als Cohn-Vossen endlich ausreisen kann, nachdem er gegen die Ausbürgerung Biermanns unterschrieben hatte. Beide Male ist vorher etwas zu Ende gegangen. Das Physikstudium kann Cohn-Vossen nur sein lassen, nachdem die geliebte Mutter gestorben war 1957 bei einem Unglück im Kaukasus. Und ob er aus der DDR weggegangen wäre, wenn Kurella noch gelebt hätte? Ausreise heißt Hannover, NDR, Hallo Niedersachsen.

Der Alleinsegler

Das vierte Leben meint das Segeln. Vielleicht fangen wir damit an. Weil das Segeln das Ziel ist in diesem Leben, das, worauf alles zuläuft, das, worin sich entlädt, was als „Entfremdung“ verbucht wurde, bei der Defa, beim NDR. Mit 60 hört Richard Cohn-Vossen auf, verzichtet auf ein bisschen Rente, um auf die Freiheit nicht länger warten zu müssen, und die zweite Frau bleibt in Hannover: elf Jahre zwischen Cork und La Coruna, und dann im Mittelmeer, auf der griechischen Insel Leros. Segeln ist Stille, Einkehr, „man kann das erleben“, wie Richard Cohn-Vossen sagt, auch wenn es Plattitüden sind. Freiheit ist nicht grenzenlos, sondern ein Verhältnis zur Welt, in das man sich setzen muss. Durch Navigation. Sich orientieren. Mit den Winden kommunizieren. Zur Weltumsegelung hat es Cohn-Vossen nie gebracht, gerade weil sie gedanklich so nahe lag, die logische Folge von einer Entscheidung gewesen wäre – den Atlantik zu überqueren. Denn: Wer den Atlantik überquert, der fährt auch durch den Panamakanal, das kostet, 1.500 Dollar, danach sind es 1.000 Meilen bis zu den Galapagos Inseln, kein Süßwasser, immer heiß, immer Passatwind, und Passatwinde sind langweilig, und du es schaffst bis Tahiti, dann triffst du da doch nur die Leute aus Hannover; der Indische Ozean ist gefährlich wegen der Piraterie. So macht man Pläne, verwirft Ideen, wägt ab. Richard Cohn-Vossen sagt von sich, dass er ein Planer ist, ein Optimierer, Logistiker. 2005, im nachhinein: rechtzeitig vor der Krise, hat ihn der Cousin zurückgeholt.

Filme für niemanden

Dass er mal Filme gemacht hatte, die doch eigentlich der Grund sind, sich an Richard Cohn-Vossen zu erinnern, hatte er damals selbst abgehakt. Der Filmemacher war nur ein Kapitel in der Biografie. „Ich habe Filme gedreht, wie ich gesegelt bin“, sagt er nun im Gespräch, und weil man nachzufragen vergisst, was er genau damit meint, bleibt dieser schöne, aber auch ein wenig erratische Satz zurück im Kopf. Das Komische an den Filmen von Richard Cohn-Vossen ist, dass sie tatsächlich fürs Vergessen gemacht sind, dass kaum jemand sie gesehen haben wird. Zu DDR-Zeiten liefen sie als Beiprogramm im Kino: erst der Dokumentarfilm, dann Licht, dann die Wochenschau Der Augenzeuge, dann Licht, dann der Hauptfilm. Wer von Agitation verschont bleiben wollte, die diese kurzen Dokumentationen sein konnten, kam einfach später; das ist heute mit der Werbung nicht anders. „Wir hatten das Gefühl, wir produzieren fürs schwarze Loch.“ Auch wenn viele Gebrauchsfilme dabei sein mögen – es ist ein Jammer. Cohn-Vossen mag das Künstlergehabe abgehen, seine Filme zeigen einen entschiedenen Sinn fürs Ästhetische.

Wolfgang Thierse redet klug

Der schönste, rundeste ist Paul Dessau von 1967, für den er bei der Mannheimer Filmwoche den Goldenen Dukaten erhält, Juryvorsitz: Josef von Sternberg. Dessau ist eine eindrucksvolle Gestalt, die der Film in Szene zu setzen weiß, bei der Arbeit an der Musik – abwechselnd in der Schule, in der er Musikunterricht gibt, bei dem kleine Kinder das Komponieren lernen, und bei der Probe mit dem Orchester. Wolfgang Thierse hatte ihm seinerzeit geholfen, den Film durch zu argumentieren vor der Studioleitung, ein Student der Kulturwissenschaft damals, der so klug über Marxismus und den Klassenstandpunkt reden konnte, dass Cohn-Vossen seinen Film machen kann. In Sachen H. und acht anderer ist groß, fast eine Utopie: Was spricht aus Kriminalität und wie bringt man sie dazu zu schweigen? Gitarrenmusik, Stadtfahrten, feuilletonistische Gedanken, ehe der Film im Gerichtssaal Platz nimmt, wo neun Jugendliche wegen Rowdytums und Raub angeklagt sind. Negative Gruppierung, hätte man seinerzeit gesagt, aber der Film macht es sich nicht so einfach. Er zeichnet das ganze Bild: den fehlenden Jugendklub, die schwierigen Verhältnisse, die falsche Erziehung, und er votiert doch nicht nur für mehr Sozialarbeit. Abgeordnete in Rostock (1976) schwankt zwischen Komödie und Tragödie, ehrliche Arbeit an der Verbesserung der DDR, und unsicher ist nur, ob das Ende schon angefangen hat oder der Sozialismus vollendet sein wird, wenn es gelingt, die Busse vor der Werft mit Tafeln auszustatten, auf denen das Fahrtziel vermerkt werden kann.

Die Mutter, Kurella

Im Westen hat Cohn-Vossen nur noch fürs Fernsehen gearbeitet, Formate bedient, Aktualität. Eigentlich wollte er einen Film über die Mutter machen, die sich aus einer Pastorenfamilie in Eisenberg stammend ihren Wunsch, Medizin zu studieren, erst in der Sowjetunion erfüllen konnte. Ein Film über das entbehrungsreiche Leben, im Krieg, evakuiert, den todkranken Halbbruder durchzubringen, nebenher zu arbeiten und die Männertätigkeiten zu übernehmen. Später lebt die Familie den Traum vom Pschu, wie Kurellas Buch heißt, im Kaukasus, in einem im Winter abgeschnittenen Dorf, wo die Ärztin die Patienten auf Skiern besucht und das Flugzeug die Medikamente abwirft. „Der liebe Gott ist schlecht mit ihr umgegangen“, sagt Cohn-Vossen. Kurella ist für ihn „ein Buddenbrook“, eine romanhafte Figur, „den pack ich nicht mehr“, man müsste in Archiven sitzen. Ein gebrochener Mann, obwohl er immer wie der stramme Parteifunktionär aussah. Wandervogel, klassische Bildung, die Begeisterung für den Ersten Weltkrieg ausgetrieben, nachdem in seiner Truppe alle umkommen außer ihm. Spartakisten, KPD, Komintern, Moskau, wo der Bruder Heinrich stirbt unter Stalin, und Kurella die Säuberungen überlebt, weil er als Referent von Dimitroff unangreifbar ist. „Privat war Kaukasus, privat war Homer, privat war Petrarca. Dieser Mann ist ein Fragezeichen.“ Als Kurella, vielleicht, reden will kurz vor dem Tod, interessiert sich Richard Cohn-Vossen nicht mehr.

Das Dorf, der Vater

„Sie können ja bis morgen früh hier bleiben.“ Hier ist das Dorf, in dessen Gemeinschaft sich Cohn-Vossen integriert hat, der Stammtisch, der Gasthof, wo er den jungen Leuten zeigt, wie man feiert. Das hat er von Kurella, auf die Leute zugehen, mit den Leuten quatschen, nicht über Marx und die Planerfüllung, das Leben ist konkret. Richard Cohn-Vossen ist zu Hause, bei sich, er interessiert sich für Musik, bricht sich, wie er sagt, die Finger an der Barocklaute. Sucht seine Filme zusammen. Geht jeden Morgen spazieren. Und freut sich fast am meisten, dass dem Vater, an den er keine Erinnerung hat, späte Anerkennung zuteil wird. In Köln, in der Universität, in der Mathematik soll es ein Cohn-Vossen-Zimmer geben.

 

09:00 05.04.2013
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