Von Mond

Tatort Man kann die Kirche im Dorf lassen: Til Schweiger ist als LKA-Mann Nick Tschiller "Willkommen in Hamburg", weil er nicht alles selbst machen muss. Oder darf. However

Til Schweigers Figuren haben sich schon in Filmen verletzt, die weniger gefährlicher waren als der Tatort. Das Sich-Verletzen ist Teil eines Konzepts, das die Männlichkeit von Schweigers Figuren herausstreicht, weil Männer eben dahin gehen, wo es wehtut, zum Beispiel in den Krieg. Der ist im Tatort: Willkommen in Hamburg allerdings nicht so outstanding, dass man nicht täglich aus ihm zurückkehren könnte, was dem ganzen eine womöglich unfreiwillig heitere Note gibt: Es rummst zwar ordentlich, aber nie so schlimm, dass die Til-Schweiger-Figur zum Abendbrot nicht zurück wäre, und die Schrammen sind dann die ungewaschenen Hände des Sanitärinstallateurs – part of Dienstkleidung.

Da man aka wir nun aber in diesem Fall mit dem Schlimmsten rechnet, lautet die wichtigste Botschaft, dass die Kirche im Dorf bleibt. In doppelter Hinsicht, wobei die weitaus überraschendere Erkenntnis dabei ist, dass gehegte Befürchtungen, dieser Tatort Hamburg könnte Teil einer Schweiger'schen line extension werden, sich nicht erfüllen. Willkommen in Hamburg ist ein sehr ordentlicher Sonntagabend, saubere Pflicht, keine überragende Kür, er macht vieles richtig oder, um unser leicht paranoides Gefühl besser auszudrücken: wenig falsch.

Denn tatsächlich sind wir so in dieses Spiel gegangen, dass sich der Schweigerismus, den es ja nicht nur in Produzentenregisseursschauspieler-Gestalt gibt, sondern gleichzeitig noch als Standortpolitikkritikkritikerlobbyist seiner selbst, jetzt auch noch im Tatort Bahn bricht (Dass sich der Tatort durch Schweigers Beteiligung hätte neu erfinden, revolutionieren oder sonstwas lassen, haben wir eh nicht geglaubt; dafür müsste an anderen Stellen Veränderung her).

Kein Krippenspiel

Tut (also Bahnbrechen) er (also der Schweigerismus) aber nur dosiert, und das tut, wer hätte das gedacht, vor allem Til Schweiger gut. Wer dessen Werk kennt, wird zu schätzen wissen, wenn Regisseur Christian Alvart, der schon zweimal Borowski recht kraftvoll in Szene gesetzt hat, den Schauspieler eben so inszeniert, dass man sich nicht dauernd wie ein Elternteil bei der Schulaufführung aka dem Krippenspiel fühlen muss, bei dem man nur des eigenen Kindes wegen weilt: Goodwill in the house, und zwar massive.

Schweiger spielt so gut wie lange nicht, und der Geschichte kommt zugute, dass Christoph Darnstädts Buch dramaturgisch ohne zu straucheln über die Stadionrunde kommt, wenn die hier etwas ungewöhnliche Analogie zum 400-Meter-Hürdenlauf gestattet ist (Keinohrhasen und Kokowääh trippeln dagegen ja relativ stark). Und Ngo The Chau, der ebenfalls schon Borowski in Kiel fotografiert hat, lässt den Tatort so groß aussehen, so groß Fernsehen in Deutschland im Fernsehen aussehen kann.

Durch die Actionszenen etwa, deren Wiederbelebung Schweiger in seiner Regierungserklärung vor Drehbeginn versprochen hatte, kommt das Bild gut durch – auch hier befallen uns Analogien aus den Höhepunkten olympischer Sportprogramme, in denen dann Hinrich Romeike auf Marius beim abschließenden Springen am Doppeloxer nicht reißen darf, um die Medaille für die Mannschaft in der Vielseitigkeit zu retten. Oder so. Also Boxkampf mit Vater Abraham (der ja im richtigen Leben Boxer ist: Arthur Abraham) am Anfang gut bestanden, der Rein-raus-Jump am Ende ging gepflegt fix, und der Sprung aufs Auto zwischendrin: kann man machen.

Die Tochter von Figur und Verkörperer

Wobei einem da dann erst mal auffällt, dass Schweiger, obwohl er doch ein körperlicher Schauspieler ist, beim Rennen nicht richtig gut aussieht (trippelt er?). Was konsequenterweise nur zu dem Gedanken führen kann, dass dieser Hamburger Tatort auch dann i. O. gewesen wäre, wenn er sich besagte Action nicht aufgegeben hätte. Man kann aber auch sagen: Mit der Action ist es gelungen, wie es hierzulande selten gelingt, wenn Action dabei sein soll.

Bemerkenswert ist darüberhinaus, dass sogar die Inszenierung der Schweiger-Tochter als Tochter der Schweiger-Figur nicht arg unangenehm ausgeht. Der Stolz des Vaters mag eine worldwide und all the time foreveresk einmalige Angelegenheit sein, emotional ganz weiter vorn und oben, nur ist man als Nicht-Beteiligter doch froh wie hier, wenn man vom Stolz des Vaters übers eigene Kind nicht auch noch im Film betroffen wird in seinen Gefühlen und dauernd nach unten schauen muss statt auf die Knipse, gerade wenn einem der Vaterstolz schon aus den Erzählungen der Boulevardpresse bekannt ist.

In das Aufatmen wider unsere Befürchtungen gehört schließlich noch das Lob für die Arbeit des Szenenbilds (Thomas Freudenthal) und angeschlossener Bereiche. Statt des – vielleicht hatten wir aber nur zuviel Keinohrhasenkokowääh geguckt – Instant-Schicko-Brauns der Schweigerfilme begegnet einem hier (unterstützt von der eben distanziert-kühlen Kamera Ngos) ein doch atmosphärisch ambitionierter Style. Dieser Himmel aus gelben Lampen, unter dem das LKA tagt, macht was her, die Hochhauswelt vom Beginn ebenfalls. Fast subversiv (oder nur die mieseste Tour von Stadtmarketing?) ist das Reclaimen des neverending Elbphilharmoniebaus als Fluchtort für die Zwangssexarbeiterinnenpetze Tereza (what a Name: Nicole Mercedes Müller).

DTM gucken

Ein Highlight ist Fahri Yardim als Highend-Technologie Yalcin Gümer, ein Laberkopf, wie er für Hamburg in gewisser Weise typisch ist, der sehr schön spricht und dazu präzise Gelegenheit bekommt, allein über das "Gegooglet, ne?" könnte man Aufsätze verfassen. Nicht so sichtbar, aber groß: Britta Hammelstein als Kollegin Ines Kallwey, weil die ihre Sache – take that, Tante Lürsen, watch out, Lena Ödenthal – so verführerisch nüchtern und kurzangebunden macht, da steckt viel Reiz im Understatement, mit dem gesprochen wird.

Was dagegen bisschen verrutscht, ist die Sache mit der Selbstironie, und das liegt vielleicht noch nicht mal an Schweigers Fähigkeiten: Dieser Witz mit dem "Ich nuschel' n bisschen" kommt einfach an der falschen Stelle, weil das T- vor Schiller nicht zu verstehen, nicht das beste Beispiel für Nuscheln ist. Beim Nuscheln ist doch tendenziell zu viel drumrum um die Wörter und nicht zu wenig, so dass man sich diese Gag aufs eigene Image besser für eine andere Gelegenheit aufgehoben hätte. Auch auf die Gefahr hin, hier oberlehrerhaftfitzelig zu klingen: Solche Gags funktionieren in deutschen Filmen zumeist nur, wenn man froh ist, dass sie überhaupt versucht werden.

Schön ist, dass die Geschichte Luft hat, wie Mark Waschke Burner da einmal DTM im Fernsehen guckt, das ist so ein seltenes Bild (auch weil in Fernsehapparaten im Fernsehen absurderweise meistens Tierdokus laufen), dass ein Bösewicht mal Freizeit macht (die sich dann ja noch, gut eingeführt also, mit einem Hinweis für die Handlung verbindet). Etwas cheap und mit Blick auf das Hannover-Doublefeature kürzlich oder auch nur den Polizeiruf von letzter Woche ist die Themenwahl. Womöglich ist Zwangsprostitution ein in seiner Relevanz sträflich unterschätztes beziehungsweise rapide grassierendes Problem – es hat jedenfalls den Vorteil für den Fernsehfilm, dass man gegen die damit verbundenen Emotionen schlecht was haben kann.

Und noch auf der diskursiven Ebene gießt der Willkommen in Hamburg Wasser auf das Vorfeuer unserer schlimmsten Ahnungen, wenn man davon absieht, das Begehren auf Schweiger zielen und mit Homosexualität scheinbarlässig kokettiert werden muss: Es marschiert mit Nick Tschiller kein endkrasser Macho-Law-and-Orderism im Tatort ein, sieht man von der plakativen Schlussdemo nach der Zwangssexarbeiterinnenbefreiung einmal ab, auch wenn der Mann tagsüber im Krieg arbeitet, um sich zu verletzen.

Ein Satz, den man sich an die Bürotür heften kann: "Für Zusammenarbeit brauch' ich Kommunikation"

Ein heißer Kandidat, für das Berti-Vogts-Gedächtnis-Cameo-Auftrittseingangsstatement 2013: "Na, los hebt eure Ärsche, Mädels"

Etwas, das wir so nicht sagen würden: "Das war früher schon cheesy"

21:49 10.03.2013
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Ausgabe 14/2020

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