Wart schnell, Beat

Tatort Luzern hat's begonnen, Luzern bringt's zu Ende: Der Schweizer "Tatort: Skalpell" beschließt die Saison. Flückiger hat eine neue Kollegin, die an die alte erinnern soll

Legendäres Problem vor der Sommerpause: letztes Saisonspiel, geht um nichts mehr, Meisterschaft ist entschieden. Den Titel haben der Graf-Polizeiruf mit marvellous Meuffels (Meinungen gingen hier auseinander) und der canonicanonischen Folge aus Kiel unter sich ausgemacht. Für den internationalen Wettbewerb qualifizieren sich der Wiener Grand Slam of Death, der zweite Auftritt der feschen Conny in Bankfurt und der alte Schwede in Kiel, als Überraschung schafft es Bremens Psychopathologieprotokoll in die Euro-League.

Und nun also, wie am Saisonbeginn, Luzern, und damit arge Probleme, sich für das abschließende Spiel zu motivieren, was aus Gründen der Fairness (keine Wettbewerbsverzerrung!) aber geboten ist. Der strange US-Reimport Abby Lanning aka Sofia Milos ist in Skalpell stillschweigend ersetzt durch Liz Ritschard aka Delia Mayer, die auch irgendwann Erfahrung in Amerika gesammelt hat (Gubserns Flückiger "Liz, hast du das in Chicago gelernt, das halbe Büro mit auf den Tatort zu nehmen?"), weshalb man fast den Eindruck haben könnte, die SRG setzte auf Teilamnesie beim Zuschauer. Der – Frau, USA, da war doch was – wird schon nicht merken, dass die erste Wahl ausdelegiert wurde und jetzt ein neuer Anlauf versucht wird.

Der ist etwas längerfristig konzipiert, was man schon daran sehen kann, dass Flückiger (Stefan Gubser) diesmal nicht gleich steil geht und Nächte auf Lizens Liege verbringt. Er gesteht ihr stattdessen ziemlich unvermittelt vor Bahnhofshintergrund: "Ich weiß doch gar nichts von dir privat." Wo ist nur Retos womanizernder Charme hin? Bei der alten Schulfreundin aus der Klinik scheint er noch ein wenig zu verfangen, das Powermanagement von Liz am Schauplatz des Verbrechens hat ihn dagegen schon überflüssig gemacht: Männer aka Chefs, die nur das sagen, was eh schon gemacht ist, braucht kein Mensch. Und bei Sätzen wie dem mit dem Nichtwissen übers Private hat man überdies das Gefühl, ein Regie- oder Drehbuchassistent säße über dem Ausdruck der – holy, holy – Tatort-Rules, die der SWR per Fax geschickt hat, und entdeckte kurz vor Toresschluss den Posten "Privatleben der Ermittler": Assistent schreit auf, zeigt auf das Fax, aufgeregte Blicke im Team, dann eben flugs zum Bahnhof und solche Sätze.

Besondere Schönheit

Man hat überhaupt das Gefühl, dass in Skalpell noch ziemlich viel von dem zu sehen ist, was eigentlich nur Gehäuse für die Geschichte sein sollte. Wirkt alles so additiv: Der Mörder muss ein Fräser sein, der schießen kann, Moment, da gab's doch diesen Kandidaten (Vater Bucher). Das Behäbige an der Dramaturgie (Regie: Tobias Ineichen) kann aber auch daher rühren – um die Schweiz nicht gleich dem nächstliegenden Urteil aus dütscher Warte auszusetzen –, dass die Nachsynchronisierung ins angeschweizerte, emil-hafte Hochdeutsche schlichtweg alles kaputtmacht, was anderswo Atmosphäre hieße. Man müsste das einmal mit Untertiteln sehen. Zumal die schweizerische Grammatik, Wortwahl und Erstsilbenbetonung von besonderer Schönheit ist ("Sonst würde sie geplagt").

Der Fall (Buch: Urs Bühler) – kurz gesagt: DSDS in der Pilates-Klinik – entwickelt eigenartige Dynamiken. Ist der Streit am Rande des Jogginglaufs inklusive der Pinkelpause zu Beginn genauso wie das Mordwerkzeug (das titelgebende Skalpell) mal was anderes (dass Sarbachers Salimbenis da das Revier markiert hatte, ist ein hübscher Ansatz), so wird den Ermittlungen recht bald ein gesellschaftlich prekäres Thema aufgebrummt, an dem sie schwer tragen. Die Intersexuellengeschichte ist naturgemäß reiner Tatort-Stoff, nur wird sie hier wenig zimperlich runtergebrochen auf unterkomplexe Modi der Reflexion: Für Flückiger resultiert die Lehre aus den fatalen Frühoperationenen in der Einsicht, dass man einfach richtig operieren müsse, was den Diskurs doch pragmatisch verengt.

Der Amoklauf von Vater Buchern (Peter Jecklin) am Ende ist der letzte Versuch, aus Skalpell ein Drama von einiger Größe zu machen, was dem Film aber nie richtig gelingt. Vielleicht wäre er besser ein Kammerspiel geworden, so tritt er an den falschen Stellen etwas übermotiviert auf: Weder hätte die betroffene Kollegin Brigitte (Anna Schinz) in das Kabuff reingemusst, wo doch keine Geiselnahme zu erkennen war. Noch überzeugt diese Knallhärte von Alme Krasnici (Jessica Oswald), die erst Flückiger zusammenschlägt, dann hinter Gitter kommt, hinter denen man sonst nur kolumbianische Drogenbosse sieht und schließlich von Retos Empathie ("Die Wahrheit ist unser Job") befriedet wird und im Aktendwälzen mit the so-called Bri eine günstige Sozialprognose erhält. Noch ist der Furor von Buchern verständlich (wie sein Mord auch mehr nach Totschlag aussieht – so viele Zufälle wie bei dieser Planung eine Rolle gespielt haben müssen, ob das vor Gericht durchgeht?). Noch die Überfrachtung mit eidgenössischem Mythenmaterial (der Tell, die Armbrust, die Armbrust!).

Raus und gewonnen. Tatort will return im August.

Eine Frage von Format: "Wollen sie sich mit dieser Publizität für die Wiederwahl präsentieren?"

Letzte Worte, die für den Grabstein nicht taugen: "Hau ab"

Etwas, das man gern über jede sagen würde: "Hey, sie ist eine von uns"

Ein Wertehaushalt, der nicht ausgeglichen ist: "Der kassiert in einer Stunde so viel wie ich in einer Woche"

Ein Satz, der aus Kollegen Freunde macht: "Du kannst mir auch schon früh am morgen blöd kommen"

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21:45 28.05.2012
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Ausgabe 42/2021

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