Matthias Dell
Ausgabe 0916 | 04.03.2016 | 06:00 6

Was Frösche schaffen

Dokumentarfilm In „Landstück“ begegnet Volker Koepp in der Uckermark den Storys von früher und der Ökonomie von heute

Das ist doch mal ein lustiger Titel für einen Volker-Koepp-Film: Landstück. Der verweist direkt aufs Werk, denn Volker-Koepp-Filme sind Landschaftsfilme, sie durchqueren Landstriche und porträtieren Bewohner, jeder dieser Filme wäre mit dem aktuellen Titel folglich treffend beschrieben. Zumeist heißen die Filme nach dem Landstück, das sie erzählerisch vermessen, weshalb man sich aus Koepps Werkverzeichnis einen Atlas zusammenstellen kann: Memelland, Berlin-Stettin, Pommerland, Livland, Kurische Nehrung, In Sarmatien.

Koepps dokumentarisches Projekt, zu dem mittlerweile über 50 Filme gehören, zielt allerdings nicht darauf, möglichst viel Land und irgendwann die ganze Welt filmisch kartografiert zu haben, sondern konzentriert sich auf den historischen Kernraum des Zweiten Weltkriegs, den Osten Berlins, den Westen Moskaus, das geografische Dazwischen, den Schauplatz von zwei gewaltigen Bewegungen. Es geht Koepp nicht nur um den Raum, sondern auch um die Zeit, und das bedeutet, dass dasselbe Gebiet mehrfach dokumentiert werden kann. Was demnach die pragmatische Lesart des Titels wäre: Uckermark konnte Landstück schlecht heißen (auch wenn der Film durch die dünnbesiedelte Gegend nordöstlich von Berlin reist), weil das der Name eines Koepp-Films von 2002 ist.

Schnapsgrundiert gesellig

Einigermaßen programmatisch darf man die Entscheidung verstehen, dass Landstück seine Erzählung von einem Gebiet, das als Wochenend-Arkadien des Berliner Bürgertums für seine Schönheit geschätzt wird, mit einem DDR-Altneubau und den dazugehörigen Garagenanlagen eröffnet – einem Wohnungsbau, der zu groß und unromantisch erscheint für die Gegend. Als vor dem Abriss bewahrter Atelierraum für Künstler wird das Gebäude hier als schätzenswertes Bauwerk perspektiviert, das in seiner Überdimensioniertheit eben auch Zeugnis einer Geschichte ist.

In solchem Sinne sind Volker Koepps Filme dissident und besonders, weil die Uckermark hier weder als Kulisse von Standortmarketing und Ausflugscafé-Tipps herhält wie in putzigen RBB-Dokumentationen, noch die Berliner Medienprominenz auf dem Landsitz besucht wird, um zu fragen, wie’s mit der Kreativität so läuft, wenn der Blick schön ist. Die Protagonisten von Landstück sind Leute, die man zumeist nicht kennt, denen das Recht auf eine, ihre Geschichte aber zugestanden wird.

Jene Frauen etwa, die ihr Leben in den Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften der DDR zugebracht haben und die nun länger leben als ihre Männer. Da finden sich, noch immer, tiefsitzende Gefühle gegenüber den „Russen“ nach dem Ende der Nazizeit und hübsche Anekdoten über den informellen Handel mit Westberlin vor dem Mauerbau. In ihrer Summe verdichten sich die Lebensbilanzen der trinkfreudigen Ladys auf Chroniken, in denen das Leben als Abfolge von mühsamer Arbeit und grundsätzlicher Feierbereitschaft erinnert wird. Gerade das Austauschbare erweist sich hier als das Interessante, weil der Blick in das Gesicht der menschlichen Existenz nicht verstellt ist von der Schminke eines Individualismus, der sich mit der eigenen Bedeutsamkeit über den Umstand seiner Vergänglichkeit täuschen will.

Diese Allerweltsbiografien, in denen sich die potenzielle Klage über die Schwere der Zeitläufte in schnapsgrundierter Geselligkeit auflöst, laufen Koepp scheinbar vor die Kamera, die erstmals Lotta Kilian führt. Landstück kombiniert mit leichter Hand verschiedene Fragmente, trifft hier auf wieder zurückgekehrte Nachkommen zweier Protagonisten aus Uckermark und lässt sich dort die Machtverhältnisse auf einem Bauernhof erklären: „Ich bin der Chef, was meine Frau sagt, wird gemacht“, scherzt der angebliche Patriarch.

Daneben nimmt der Film auch eine gesellschaftliche Entwicklung in den Blick, die aus der Vollautomatisierung der Landwirtschaft resultiert. Die riesigen Flächen, die von internationalen Konzernen gekauft und monokulturell oder mit Geistergeflügelfarmen bewirtschaftet werden, in denen noch ein Mitarbeiter gebraucht wird, wenn überhaupt. Prominentester Kritiker dieser Geschäftspraxen ist Michael Succow, der im letzten DDR-Kabinett stellvertretender Umweltminister war und dort für ein strenges Nationalparkprogramm verantwortlich. An Succow kann man sehen, was Individualität ist, einen solchen Menschen wird man nicht noch einmal finden: Er referiert aus der Hüfte agrarökonomische Globalzusammenhänge, die er aus eigener Anschauung kennt, so wie er kurzerhand sämtliche Pflanzen auf der Wiese bestimmen kann (auch am Geschmack). Und verfügt über Skills vom Schafehüten in den Kindertagen, die Eindruck machen wie die hohe Kunst des Ohrenwackelns.

Ein Gegenwert von 5,22 Mark

Man kann Landstück an dieser Stelle vorhalten, dass er die ökologische Gefahrenanalyse seiner Protagonisten teilt. Koepp bemüht sich nicht, einen Wiesenhof-Pressemenschen herbeizutelefonieren, der Sätze über die Sachzwänge der profitorientierten Massentierhaltung sagt. Dem Film liegt vielmehr daran, die eigenwilligen Blicke auf die Welt zu bewahren, wie sie etwa ein zarter Druckereibesitzer äußert, der beim ökologischen Bewirtschaften von Land mehr Solidarität erfahren hat als in dem Gewerbe, in dem er sein Geld verdient. In diesem Sinne ist Landstück ein eminenter Koepp-Film: Es soll aufgehoben werden, was gewesen war.

Dabei hat der Film ein feines Verständnis von seinen Möglichkeiten, in den gesellschaftlichen Diskurs zu intervenieren. Vergnügt wird die schöne Geschichte, wie ein DEFA-Naturfilmer einst tatsächlich etwas bewirkte: Er legte plausibel dar, dass eine bestimmte Maßnahme zur Verdrängung von Fröschen führen würde, die pro Tag einen Gegenwert von 5,22 Mark produzierten. Die zuständige Instanz überlegte – und ließ die Frösche weiterhin ihre wertvolle Arbeit tun.

Info

Landstück Volker Koepp D 2015, 127 Minuten

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 09/16.

Kommentare (6)

Anelim Aksnesej 04.03.2016 | 10:59

Hallo Herr Dell!Was für ein Artikel-ich freue mich sehr darüber.

Es ist schön,daß Sie auch über Herrn Succow berichtet haben,weil er für mich eine sehr kämpferische Person ist und wohl dicke Bretter gebohrt hat.Sozusagen dicke Bohlen in die uckermärkische Erde gerammt hat.

Gleichzeitig möchte ich Sie bitten,über einen ehemaligen Mitarbeiter aus dem Oderbruch zu berichten,der in Rente ging(ca 2012) und sich kenntnisreich für das Oderbruch einsetzte(besonders mußte er sich gegen unwissende Wichtigtuer wehren),weil im Oderbruch trotz seiner Arbeit bestimmte Fließe,Gräben etc. nicht gereinigt,geheegt und gepflegt worden sind.Ich habe leider keinen Namen in Petto.es würde mich freuen,wenn Sie weiter an diesem Thema dran bleiben.Zum Schluß noch diese Geschuchte,die mir in Erinnerung geblieben ist aus der regionalen Presse(MOZ).

Ein Politiker der Grünen hatte sich sinngemäß zu den abgesoffenen Kellern im Oderbruch geäußert,daß die Leute die dort gebaut haben,selber Schuld seien und blabla.Es war aber auch so,daß selbst die Keller von Häusern aus den 50èr Jahren betroffen waren.Da wurde einfach gespart-die drei heiligen Affen,kann ich da nur sagen.Vielleicht machen Sie diesen Oderbruchkenner ausfindig,ob er aber darüber reden will,weiß ich nicht.

Anelim Aksnesej 04.03.2016 | 11:01

Hallo Herr Dell!Was für ein Artikel-ich freue mich sehr darüber.

Es ist schön,daß Sie auch über Herrn Succow berichtet haben,weil er für mich eine sehr kämpferische Person ist und wohl dicke Bretter gebohrt hat.Sozusagen dicke Bohlen in die uckermärkische Erde gerammt hat.

Gleichzeitig möchte ich Sie bitten,über einen ehemaligen Mitarbeiter aus dem Oderbruch zu berichten,der in Rente ging(ca 2012) und sich kenntnisreich für das Oderbruch einsetzte(besonders mußte er sich gegen unwissende Wichtigtuer wehren),weil im Oderbruch trotz seiner Arbeit bestimmte Fließe,Gräben etc. nicht gereinigt,geheegt und gepflegt worden sind.Ich habe leider keinen Namen in Petto.es würde mich freuen,wenn Sie weiter an diesem Thema dran bleiben.Zum Schluß noch diese Geschuchte,die mir in Erinnerung geblieben ist aus der regionalen Presse(MOZ).

Ein Politiker der Grünen hatte sich sinngemäß zu den abgesoffenen Kellern im Oderbruch geäußert,daß die Leute die dort gebaut haben,selber Schuld seien und blabla.Es war aber auch so,daß selbst die Keller von Häusern aus den 50èr Jahren betroffen waren.Da wurde einfach gespart-die drei heiligen Affen,kann ich da nur sagen.Vielleicht machen Sie diesen Oderbruchkenner ausfindig,ob er aber darüber reden will,weiß ich nicht.