Was soll das sein?

Tatort Hoffnung in Leipzig! Vielleicht finden das Propere (Eva Saalfeld) und das Schüttere (Keppler) doch noch zueinander – der "Tatort: Rendezvous mit dem Tod"

Nicht zwingend konstruktiv, so was eine Woche nach diesem Bremer Tatort zu sagen, but Leipzig mit Eva "Schnute" Saalfeld (Simone Thomalla) und Sono Keppler (Martin Wuttke) hat sich bislang nicht hervorgetan als Tatort in dem Sinne, wie der Tatort hier vor allem geschätzt wird (gesellschaftliche Problemlagen, avancierte Genderperformances und ansonsten Spannung, Spannung, Spannung) – sieht man einmal davon ab, dass die letzte Folge Schön ist anders sich unterschwelligst als Sendegebietsberuhigung lesen ließ, weil nämlich der konzertierte Osten den Scheißwessi zur Strecke bringen durfte. Der Gossen-Goethe Franz Josef "Angeber-Wessi mit Bierflasche erschlagen" Wagner wouldn't have done it better.

Mit der Folge Rendezvous mit dem Tod wird zwar weiterhin keine Gesellschaftspolitik betrieben, die über eine Presseheftnotiz hinausginge: "2000 Internetkontaktbörsen, 9 Millionen, die schon einen Partner gefunden haben, 25 Prozent der über 60jährigen Nutzer lernten im Netz Partner kennen" (Dank an Bitkom). Aber es kommt doch ein wenig Leben in die Bude, die der Lebensraum des einstigen Liebespaars Schnute Saalfeld und Sono Keppler ist. Das ist dem Drehbuch (Clemens Schönborn, Meike Hauck) zu danken, das dem unwirschen Einzelgängerkeppler mal ein wenig mehr Text aufnötigt, und der Regie (Buddy Giovinazzo), die dem Burgtheaterwuttke ein wenig Verzweiflungspollesch entlockt, vor allem in der Szene, in der Saalfeld den Karren in den Dreck fährt, in den Keppler sie gesteuert hat.

Auf dem Spannungsbogen dieser Zwistigkeiten wandern die Abwanderungsgedanken von Keppler, der nach Wiesbaden will (wobei man sich fragt, wie man über 280.000-Einwohner-Wiesbaden von 500.000-Einwohner-Leipzig aus gesehen von "großer Stadt" sprechen kann), was "latürnich" (Asterix Obelix: Die Lorbeeren des Cäsar) mit Dr. Love (Oliver Bootz) zu tun hat, der neuerdings bei der ewig Korsettagen tragenden Frau Saalfeld übernachtet, gepflegt nach dem Abendessen per Beeper in die Klinik gerufen wird, worüber sich Frau Saalfeld dann immer noch beschwert (es hätte auch während des Essens geschehen können – think positive or never fall in love mit einem Notdienst habenden Arzt). Das Löbliche an der Bewegung, die zwischen Saalfeld und Keppler herrscht, ist auch, dass diese beiden Körper, hier das Propere, da das Schüttere, in einen Zusammenhang geraten, der uns vielleicht doch noch versöhnen könnte mit der ungleichen Besetzung.

Videofernsehstyle

Der Fall selbst ist auch nicht ohne Reiz, zumal es sich anfangs, passend zu besagten Zwistigkeiten, um zwei Fälle zu handeln scheint ("Komm, wir gehen zu dem anderen Fall, da gibt es wenigstens eine Leiche"), was der gewiefte Tatort-Beobachter freilich nie glauben wird: Es geht um nur um eine Sache, und das ist krasser Anti-Lustmord an alten Männern. Die große Renate Krößner darf als gewitzt-burschikose "Ex"-Frau kurz in das Fadenkreuz des Verdachts geraten (by the way: Wer kommt auf die Idee, in Hotelzimmern Koffer mit brisantem Inhalt unterm Bett zu verstecken?) ebenso wie die ewig frozene Nadeshda Brennicke als Klavierlehrerin, derweil das Abchecken der verschiedenen einsamen Herzen ein paar hübsche Miniaturen hervorbringt (André Hennicke, Hilmar Eichhorn), ehe es ans Eingemachte geht und zum subpantoffeligen Munz (Hennicke einmal nicht als schneidiger Anscheißer, sondern als verschluffter Tut-was-man-ihm-Sagt) zurückgespult wird – was nebenbei eine schöne Variante der Täterverunklarung darstellt; die Nummer mit der sich als fies entpuppenden, scheinbaren Parkinson-Frau (Franziska Walser) haben wir beim ersten Mal jedenfalls geglaubt.

Über diese gewagten Konstruktionen kommt das so genannte Motiv der Carla Schütz (Walser) logischerweise etwas kurz, dabei liegt darin ein Blick aufs Geschlechterverhältnis, der so trüb ist wie der Tümpel in dem schick-abgewrackten Randlagenhausgarten, von dem aus Schütz und Munz auf die Piste gehen: Wie viel Zurücksetzung eine Frau wie Frau Schütz erfahren haben muss, dass sie ihre Opfer derart zu Tode quält, hätte man dann vielleicht gern etwas genauer erfahren; auf den zweiten Blick macht sie einen recht munteren, eher pekuniär fixierten Eindruck. Letztlich bleibt das aber ebenso verzeihlich wie der radikale Videofernsehstyle von Giovinazzos Ästhetik (Kamera: Henning Jessel), den man schon mögen können muss.

Keppler als Mann, der noch weiß, wie Bildung geschrieben wird: "Le grand Macabre" – "Ligeti"
Saalfeld als Frau eines eher prekären Geschmacks: War das ein Dino am Autoschlüsselbund, der aus der Hosentasche lugte bei der Wohnungsbegehung im Hause Schütz?
Menzel (Maxim Mehmet) als Mann, der den Platz ausfüllt, der ihm zugewiesen wird: Was ein Pausenbrot!

21:45 20.02.2011

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