Wenn der Vorhang aufgeht

Im Gespräch Wo und wie schaut man am besten Filme? Und wie viele? Erika und Ulrich Gregor, zwei Urgesteine der Berlinale geben Auskunft

Der Freitag: Warum sitzen Sie im Kino eigentlich nie nebeneinander?

Erika Gregor:

Doch, sitzen wir. Manchmal ja, manchmal nein.

Ulrich Gregor:

Wir sitzen zumindest in der Nähe. Es ist ganz schön, dass man noch einen freien Platz neben sich hat, denn die Sitze sind doch manchmal ein klein wenig eng. Das ist wie im Flugzeug.

Aber im Arsenal 1 am Potsdamer Platz sitzen Sie versetzt, soweit ich das beobachtet habe.

Erika Gregor:

Er sitzt gern in der dritten Reihe, ich in der zweiten.

Ulrich Gregor:

Hier, im Arsenal 2, sitzen wir immer in der ersten Reihe

Erika Gregor:

Da sitzen wir zusammen. Hier sind die Sitze schön breit.

Ulrich Gregor:

Das ist die Philosophie des Sitzefindens im Kino. Normalerweise sitzen wir gern am Rand. Da kann man schnell aufstehen...

Erika Gregor:

..was wir nicht tun...

Ulrich Gregor:

...und weiter vorn, wir sitzen gern vorne. Ich weiß gar nicht, wie ich das begründen soll. Man ist näher am Geschehen dran. Das Bild wirkt noch stärker.

Erika Gregor:

Im alten Arsenal in der Welserstraße hab ich immer hinten gesessen. Da habe ich mir einen Stuhl reingestellt, sonst konnte ich die Untertitel schlecht lesen. Und ich habe immer mit einem halben Ohr nach draußen gehört, was da los ist, weil ich mich verantwortlich gefühlt habe. Dass wir jetzt gern vorne sitzen, ist auch praktisch: Man geht an der Seite rein und ist gleich an seinem Platz. Ich liebe im Kino die Stufen nicht.

Es gibt diese Sichttheoretiker, die sagen, dass der beste Platz der in der Mitte ist, wo das Blickfeld mit der Leinwand abschließt.

Erika Gregor:

Theoretisch stimmt das, praktisch befolgen wir es nicht.

Ulrich Gregor:

Ich hab schon beobachtet, dass Leute, die zu mehreren kommen, sich hintereinander in die Mitte setzen. Aber das halte ich für ein wenig absurd.

Erika Gregor:

Ich sitze gern so, dass ich niemanden vor mir habe, denn ich möchte den Film sehen und nicht abgelenkt werden.

Bei 3D-Filmen ist die zentrale Position für die Wirkung angeblich noch wichtiger.

Erika Gregor:

Der letzte 3D-Film, den wir gesehen haben, war Oben in Cannes, und auch in Cannes haben wir unsere festen Plätze. Im Saal Debussy sitzen wir auf der linken Seite. Das war völlig in Ordnung mit der 3D-Brille.

Ulrich Gregor:

Ich hab die öfter mal ab­gesetzt, um zu sehen, wie es ohne ist. Das Bild ist ja viel heller, eigentlich schöner, aber es gibt dann Unschärfezonen.

Also richtet sich Ihr Sitzplatz nach dem jeweiligen Kino?

Erika Gregor:

Ja. Im großen Kino in Cannes, dem Saal Lumière, sitzen wir immer auf der rechten Seite. Wieso, weiß ich auch nicht, das hat sich so eingebürgert. Selbst wenn wir Plätze haben auf der anderen Seite, schleichen wir uns doch lieber rechts rein. Auch immer in die dritte, vierte Reihe.

Darf man im Kino reden?

Erika Gregor:

Wir reden im Kino, aber man sollte nicht. Wenn andere Leute reden, ärgere ich mich.

Ulrich Gregor:

Das ist ein interessanter Punkt. Wir wurden ein paar Mal heftig zur Ordnung gerufen.

Erika Gregor:

Dabei reden wir kaum, höchstens am Anfang des Films eine kurze Verständigungsfrage.

Ulrich Gregor:

Es gibt einen amerikanischen Film, ich glaube, von Paul Morrissey, da sitzen mehrere Frauen in einem Kino, die zu einer feministischen Gruppe gehören. Dann fangen andere ein Gespräch an, während der Film läuft. Die Frauen sind ärgerlich, aber die anderen reden weiter. Daraufhin werden die Frauen aggressiv, verprügeln die anderen und treiben sie aus dem Kino, das anschließend in Brand gesteckt wird. Ich weiß gerade nicht, welcher Film es ist.

Erika Gregor:

Es ist besser, im Kino nicht zu sprechen. Das hat etwas mit dem Fernsehen zu tun, wo man natürlich schon mal redet.

Wie standen Sie als Liebhaber des Kinos dem Fernsehen gegenüber? Hatten Sie von Beginn an ein Gerät?

Erika Gregor:

Nein, wir hatten keinen Fernseher.

Ulrich Gregor:

Zu Hause? Na sicher, ich war doch Fernsehkritiker!

Erika Gregor:

Ja, da haben wir einen gekauft. Als wir in den sechziger Jahren die Freunde der Kinemathek machten, haben wir ja acht Jahre lang ohne Bezahlung gearbeitet. Von irgendwas mussten wir aber leben. Die Sechziger waren gute Jahre für Westberlin, weil alle reichen Leute weggingen aus Angst vor dem Chruschtschow-Ultimatum. Man konnte sehr billig wohnen. Wir hatten eine 4 1/2 Zimmer-Wohnung, die wir, bevor es Wohngemeinschaft als Terminus gab, mit zwei Freunden bewohnten, für 248 Mark, warm. Und zum Essen brauchten wir auch wenig, Spaghetti kosteten 40 Pfennig, und angestoßene Tomaten kriegte man immer, damit konnte man wunderbare Sachen machen. Trotzdem musste man Geld verdienen, und Ulrich schrieb eben Filmkritiken. Irgendwann fragte ihn der Tagesspiegel, ob er die Fernsehkritik machen würde. Da haben wir dann einen Apparat gekauft.

Ulrich Gregor:

Daraufhin. Schwarzweiß natürlich.

Erika Gregor:

Es gab pro Fernsehkritik 25 DM, der Tagesspiegel erschien damals 6 Mal in der Woche, das waren 600 DM im Monat. Davon konnten wir bequem leben.

Wo sehen Sie denn heute die meisten Filme?

Erika Gregor:

Wir gehen natürlich ins Arsenal, das hat sowieso das beste Programm. Manchmal laufen auch interessante Filme im Fernsehen, leider sehr spät, ein normaler Mensch kann die gar nicht sehen. Aber wir müssen am nächsten Morgen ja nicht früh raus.

Ulrich Gregor:

Unsere normale Art Filme zu sehen, ist, dass wir auf ein Festival gehen und da fünf Filme am Tag schauen. Ununterbrochen. Auf diese Weise kriegen wir einen Überblick. Und sehen Filme, die vielleicht gar nicht ins Kino kommen.

Leidet da nicht die Aufnahme­fähigkeit?

Ulrich Gregor:

Wir haben so einen Hunger nach Filmen, der ist nie zu stillen. Wenn der Vorhang aufgeht, dann sind wir voller Erwartung.

Erika Gregor:

Wenn man viele Filme sieht, man darf nicht viel essen, und man darf nicht viel trinken, dann wird man müde. Wir sehen manchmal reihenweise Leute schlafen. Aber wenn man sich den Tag einteilt und vorsichtig beim Essen ist, hält man gut durch. Jeden Abend mache ich mir dann Notizen, schreibe auf, was mir aufgefallen ist, so dass ich später den Film wieder aufrufen kann.

Ulrich Gregor:

Ich trage alles in den Computer ein. Als die ersten PCs raus­kamen, habe ich sofort einen angeschafft, die waren damals noch wahnsinnig teuer...

Erika Gregor:

...und riesengroß

Ulrich Gregor:

… damit wir die Forums-Arbeit organisieren können. Wir haben seit den achtziger Jahren minutiös aufgeschrieben, was wir gesehen haben, auch die Urteile der Auswahlkomitees. Das ist zum Teil sehr lustig, das heute nachzulesen. Wenn man so viele Filme sieht, muss man das unbedingt machen, denn manchmal weiß man nicht mehr genau: Habe ich den Film eigentlich gesehen oder nicht?

Der Kinoschlaf ist aber nicht nur ein Ärgernis.

Erika Gregor:

Das ist kein Ärgernis, der überfällt jeden. Ich habe ein Mittel dagegen: Vitaminbonbons! Wenn ich merke, dass wir müde werden, bei mir oder bei Ulrich, dann reiche ich rasch einen Bonbon rüber. Das Interessante ist: Früher gab es diese russischen Kriegsfilme, und wenn die Kanonen donnerten, schlief ich am besten. So wie ich sah, da kämpfen sie jetzt wieder, der T-34 rollt, das Heulen der Geschütze, habe ich meine Augen zugemacht und beruhigt geschlafen. Das würde mir bei einem leisen Film von Antonioni nie passieren.

Ulrich Gregor:

Es gibt so Übergangszustände, bei denen man die Filmbilder mit irgendwelchen anderen Bildern verbindet. Das ist gefährlich, die Vorstufe zum Einschlafen.

Bekommt man nicht eine Aschenputtel-Wahrnehmung, wenn man den fünften Film sieht: Taugt, taugt nichts?

Erika Gregor:

In Japan haben wir einen sehr guten Ruf, weil wir so fleißig sind.

Ulrich Gregor:

Und wenig abbrechen.

Erika Gregor:

In Japan gibt es, einzigartig auf der Welt, eine private Stiftung, die sich um den japanischen Film kümmert. Man muss sich anmelden und kann dann die neuen japanischen Filme schauen. Die Kawakita Foundation. Kawakita war ein berühmter Produzent und Einkäufer, der auf Hochzeitsreise mit seiner Frau nach Berlin kam. Sie hatte damals keine Ahnung von Film, ist aber mit in Mädchen in Uniform gegangen. Alle Leute sagten, das ist ja nichts. Auch Herr Kawakita fand den Film nicht gut, aber seiner Frau gefiel er, und weil sie auf Hochzeitsreise waren, hat er ihr geschenkt, den Film für Japan zu kaufen. Dort wurde er einer der größten Erfolge. Daraufhin hat Herr Kawakita seine Frau immer mitgenommen, wenn er auf Sichtungsreise ging. Als wir in den achtziger Jahren an die Stiftung kamen, lebte nur noch Madame Kawakita, eine Ehrfurcht gebietende ältere Dame, immer im Kimono. Morgens um 10 Uhr wurde uns ein Vorführer gestellt, und Angestellte erzählten, im Allgemeinen sehen die Leute morgens anderthalb Filme, mittags machen sie lange Pause, nachmittags noch mal einen. Wir sagten, wir haben keine Zeit und dann durchgeguckt bis auf eine kleine Pause für ein Sandwich und etwas Tee. Weil wir so fleißig waren, durften wir ab 18 Uhr, wenn der Vorführer aufhörte, im Privatbüro von Madame Kawakita Videos sehen. Bis 22 Uhr. Dann schloss das Haus, und wir kriegten noch einen Videorekorder mit ins Hotel, wenn wir noch was sehen wollten.

Schauen Sie Filme im Netz?

Ulrich Gregor:

Selten. Höchstens kurze Filme. Das Festival in Wien, die Viennale, gibt jedes Jahr einen Trailer in Auftrag bei einem Filmemacher aus der experimentellen Ecke. Das sind eigentlich Meisterwerke.

Erika Gregor:

Die Trailer von Karlovy Vary zeigst du unseren Enkeln. Die lieben diese Trailer, weil die irgendwie sehr komisch sind.

Ulrich Gregor:

Youtube ist mitunter erstaunlich. Hans Richter. Ich habe einmal festgestellt, dass du seine kurzen Filme aus den zwanziger Jahren bei Youtube finden kannst. Die Diagonalsinfonie, das gibt’s im Internet.

Erika Gregor:

Es reicht mir, wenn ich’s hier sehe. Ich bin sowieso kein Computerfreund, ich glaube nicht an Computer, ich habe auch kein Handy. Ich brauche das alles nicht.

Ulrich Gregor:

Ja, nun, es ist aber eins vorhanden, ich bediene es ja für dich. Ohne Computer geht es nicht.

Glauben Sie, dass das Kino bleiben wird, wenn man Filme zu jederzeit im Netz sehen kann?

Ulrich Gregor:

Es muss bestehen bleiben.

Erika Gregor:

Es ist schön und gut, wenn man zu Hause sitzt und fernsieht. Das ist für viele Leute, die allein sind, sicherlich ein passendes Gegenüber. Aber es ist doch etwas anderes, einen Film mit Zuschauern zu sehen, mit denen zusammen zu lachen oder zu weinen. Wenn wir große Retrospektiven haben, etwa von Yasujiro Ozu, dann kenne ich fast jeden. Am Ende waren die Leute traurig, ich auch. Eine Frau kam zu mir und fragte: Wie soll ich denn jetzt weiterleben ohne Ozu?

Ulrich Gregor:

Das ist die Funktion des Kinos als sozialer Ort. Niemand will immer nur zu Hause sitzen, man möchte doch mal das Haus verlassen und andere Menschen treffen.

Mögen Sie leere Kinos?

Erika Gregor:

Im eigenen Kino will ich natürlich, dass es voll ist! Aber in Venedig liefen immer Filme um 19 Uhr, die meisten Journalisten hatten Vollpension, und Abendessen war zwischen 19 und 21 Uhr. Da sind wir getrost in den 19-Uhr-Film gegangen, weil wir dachten: Den sieht kaum ein Kritiker, und wenn der Film gut ist, dann zeigen wir ihn im Forum, und keiner kennt ihn. Das war oft der Fall, dass wir da mit sechs Leuten saßen und einen wunderbaren Film sahen.

Wie politisch ist Film heute?

Erika Gregor:

Es gibt diese Filme immer, man muss sich nur darum kümmern. Wenn Leute sagen, das ist ein schlechtes Jahr – das glaube ich nie. Es gab auch in unseren Zeiten Momente, da dachten wir, es ist nicht mehr viel los. Dann haben wir angefangen, vor allen anderen, nach Asien zu gehen.

Ulrich Gregor:

Die Anfänge des neuen chinesischen Films, der heute in einer Blüte steht, waren so, dass Filme ohne Genehmigung gedreht wurden. Die konnten in China nirgendwo aufgeführt werden außer privat oder in Unis. Trotzdem war es ein Aufbruch, eine Bewegung. Die Filmer waren keineswegs verzweifelt, dass sie ihre Filme nicht durch die Zensur kriegten; die wurden einfach gedreht und dann von Freunden verschickt. Solche Bewegungen muss man unterstützen. Deren Alliierte sind wir.

Erika Gregor:

Ich habe vor zwei Jahren den Lehrer von Jia Zhangke getroffen, der seinen ersten Film Xiao Wu 1998 im Forum hatte. Den hatte er uns heimlich geschickt, wozu zu sagen ist, dass Ulrichs Filmgeschichte ins Chinesische übersetzt worden ist und jeder Student die liest. Dieser Lehrer sagte mir, dass er überhaupt nicht gewusst habe, dass sein Student Jia Zhangke einen Film macht, geschweige denn, dass der auf einem Festival läuft. Er hat dann in der Zeitung gelesen, dass sein Student einen Preis auf der Berlinale bekommen hat.

Ulrich Gregor:

Deswegen kämpfen wir für den Film mit 40.000 Zuschauern. 40.000 ist so eine Größe, bei der Leute fragen, sollen wir das wirklich fördern? Man muss unbedingt kämpfen für das Existenzrecht eines solchen Films.

Das Gespräch führte Matthias Dell

Erika und Ulrich Gregor gründeten 1963 in West-Berlin den Verein der Freunde der Deutschen Kinemathek, der seit 1970 das Kino Arsenal betreibt, das seit 2000 am Potsdamer Platz residiert. Von 1971 bis 2001 standen die Gregors als Gründer und Leiter der Berlinale-Sektion Forum vor, die in diesem Jubiläumsjahr ihre 40. Auflage feiert. Beide werden am 14. Februar mit einer Berlinale-Kamera geehrt

21:00 10.02.2010
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