Wer sagt noch seinen Satz?

Thomas Harlan Memory Filmemacher, Wüterich, Sohn, Autor, Verzauberer: Zwanzig Erinnerungen an Thomas Harlan von Menschen, die ihn auf ver­schiedene Weise und zu verschiedenen Zeiten kannten

Souvenance

Thomas Harlans letzte filmische Arbeit ist der in kreolischer Sprache auf Haiti gedrehte Film Souvenance (1990). Ein Reigen schwebender Rituale. Aber plötzlich sieht man Männer einen Sarg tragen. Sie hüpfen, sie tanzen, sie laufen im Zickzack. Sie werden verfolgt. Eine Trauergemeinde ist ihnen auf den Fersen. Ebenfalls hüpfend, ebenfalls tanzend. Schreiend, johlend, lärmend. Sie tut es um des Toten willen – um die Toten zu schützen, um es den bösen Geistern unmöglich zu machen, in die Körper der Toten zu fahren. So nämlich, nur so, im Zickzackkurs – schüttelt man böse Geister ab. Souvenance – das heißt Erinnerung. Und Thomas Harlan hat sich erinnert, wie kaum ein anderer. Er hat Geschichten erzählt, um sich und uns die bösen Geister vom Leib zu halten. Vor allem aber, damit die Erinnerung nicht verblasst. Damit die bösen Geister nicht in die Körper der Toten fahren. Damit sie nicht in den Köpfen der Lebenden herumspuken. Damit das Ende nicht nur ein Ende ist, sondern auch ein Anfang.

Michael Farin hat aus "Rosa" und "Heldenfriedhof" für den BR vier Hörspiele und ein Feature gemacht und in seinem Verlag Belleville nicht nur die deutschen Gaddafi-Bücher, sondern alle Bücher von Thomas Harlan versammelt. Farins Hörspiel "Veit" nach Thomas Harlans letztem Buch wird am 20. März im Münchner Filmuseum im Rahmen der Reihe "Harlan: Vater und Sohn" (11. März bis 2. April) aufgeführt, in Anwesenheit von Michael Farin

Schlüsselfigur

Nach dem Krieg lernte ich Thomas Harlan im Hause Bermann-Fischer in Frankfurt/M. kennen und fand, tief gerührt, dass dieses Menschenkind einer engelhaften Figur aus der Welt der Märchen und Zaubereien glich. Im April 1950 fuhren wir beide per Auto von Frankfurt nach Paris und hatten, wie uns schien, recht schöne und interessante Pläne, das moderne Musiktheater betreffend. Die Musik zu Boulevard Solitude, meiner ersten Oper, kann als Zeugnis für die seelischen Zustände gelten, von denen ich damals (als junger Nachkriegsdeutscher) bezaubert wurde, und die mich immer wieder neugierig auf Zeugnisse der in der Außenwelt entstandenen freien Kunst gemacht hatten. Thomas war für mich eine Schlüsselfigur für ein freies, undoktrinäres Denken und Handeln.

Der Komponist Hans Werner Henze lebt im italienischen Marino

Prosaschock

Am Anfang stand ein Prosaschock, Wortmusik, die Lektüre des unglaublichsten Manuskripts, das ich bis dahin in Händen gehalten hatte: Thomas Harlans Rosa. Es kam über Hans Magnus Enzensberger, mit einem Begleitbrief; der sagte, für die "Andere Bibliothek" sei das Buch leider nicht voluminös genug, aber Harlans Prosa sei auf der Höhe der W. G. Sebalds. Dann, nach einigen Briefen und Telefonaten, der Besuch beim schwer asthmakranken Autor zum Lektorat in seinem Haus im französischen Verberie: fünf Tage intensivster Lektoratsarbeit, nachts die atemlose Lektüre von Hunderten von Aktenkopien über die Aktion Reinhard, die Harlan über Jahrzehnte gesammelt hatte (darunter Marcel Reich-Ranickis Aussage über seine Rolle im Warschauer Ghetto von 1946), unzählige Sätze kannte ich aus dem Manuskript, erkannte erstmals in vollem Ausmaß, was für eine Melange aus Originalzitaten und Harlansätzen der Roman war.

Dann, nach Erscheinen des Buchs, sein Besuch im Berlin, Spurensuche des Schwerkranken nach seiner Vergangenheit, einige Tage dazu noch sein Sohn, dem er erstmals Berlin zeigte (ich dabei als Chauffeur), und mit dem er Stätten seiner Kindheit abfuhr – das Haus, in dem seine Eltern vor der Trennung lebten in der Reichsstraße, Veit Harlans Villa (mit dem Kinosaal im Keller) in der Tannenbergallee, das Haus, in dem Harlans Mutter, Hilde Körber, und Lida Baarová lebten (die heutigen Besitzer ließen uns in das inzwischen umgebaute Haus ein), die Wohnung, in der Thomas als Kind das Kriegsende erlebte und erstmals die Russen traf (auch eine Szene aus Rosa).

Vor der einzigen öffentlichen Lesung der schwer um Atem ringende Autor, ich knapp davor, alles abzusagen, den Krankenwagen zu rufen – er auf der Bühne voller Kraft und Energie, den Text fast singend. Ein Prosaschock, Wortmusik, ein großes Buch.

Wolfgang Hörner war Lektor bei Eichborn Berlin, wo Thomas Harlans Bücher "Rosa", "Heldenfriedhof", "Die Stadt Ys" und "Das Gesicht deines Feindes" erschienen, und gründete 2008 den Verlag Galiani

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Dreharbeiten zu Veit Harlans Film "Kolberg", Thomas Harlan über dem Drehbuch (Foto: Nachlass Harlan)

Kriegsrecht

Thomas Harlan ist zu mir gekommen, als ich noch an der Schaubühne in Berlin war, und hat mir von mir einem Filmvorhaben erzählt über das Lager Kulmhof, wo Christen und Juden in einem Bus vergast worden sind. Das war für mich damals, 1980, neu. 1981 wollten wir mit dem Film anfangen, aber als wir am 12. Dezember nach Polen hineinfuhren, wurde das Kriegsrecht verhängt; wir saßen im Hotel fest. Thomas Harlan war ein unglaublich belebender, abenteuerlicher Mensch. Was der alles wusste, was der alles zusammen bringen konnte – seine Erziehung, die ja sehr feudal war, mit dem Anliegen, das, was er von seinem Vater mitbekommen hatte, irgendwie aufzuarbeiten. Einen Film hat er schließlich in Paris aufgenommen, Wundkanal, da bin ich noch einmal hingefahren, um eine Stimme zu sprechen. Vorher hatte er mir schon seinen Revolutionsfilm gezeigt, Torre Bela, der war von einer Schönheit der Farben, unglaublich. Aus dem Filmvorhaben Kulmhof ist später das Buch Rosa geworden; er hatte die Fähigkeit, flexibel zu sein und noch aus Katastrophen etwas zu machen.

Libgart Schwarz* spielte seit 1976 an der Berliner Schaubühne, in Filmen von Wim Wenders, Werner Schroeter und Jean-Marie Straub und ist seit 2000 am Burgtheater in Wien. Das Buch "Rosa" hat Thomas Harlan ihr gewidmet. Der Film "Torre Bela" soll demnächst in der Edition Filmmuseum erscheinen

Stammheim

Thomas Harlan hat mir 1981 einen Brief geschrieben, mit der Bitte, ihm etwas zu meinen Recherchen bezüglich der Toten von Stammheim zu berichten. Ich habe damals unsäglich reagiert: ihm nicht mal geantwortet. Der Name Harlan hat mich davon abgehalten. 1985 wurde auf der Berlinale sein Film Wundkanal - Hinrichtung für vier Stimmen im Internationalen Forum des jungen Films gezeigt. Thema des Filmes ist die Kontinuität in der zugrunde liegenden Logik zwischen NS-Verbrechen und den Ereignissen in Stammheim am 18. Oktober 1977.

Als Thomas Harlan im Mai 2001 in der Talkshow Boulevard Bio in Köln war, habe ich diese Gelegenheit genutzt, um ihn zu treffen. Wir verabredeten uns zum Frühstück in seinem Hotel. Er saß bereits am Frühstückstisch, als ich kam und hat mich so herzlich begrüßt, als ob wir uns schon lange kennten. Für meine Entschuldigung wegen 1981 interessierte er sich gar nicht. Unser Thema war Stammheim und was dazu gehört. Etwa dass Albert Widmann wieder in Stammheim wohnt. Als Leiter des Referats Chemie hatte er 1940 die Ermordung von Kranken durch Gas angeordnet. Oder Paul Werner, vormals verantwortlich für Massenvergasungen, der als Ministerialrat im Innenministerium Baden-Württemberg Bauherr der JVA Stuttgart-Stammheim war.

Ich habe Thomas Harlan dabei von einer fast zärtlichen Fürsorge mir gegenüber erlebt. Obwohl wir uns zum ersten Mal begegneten, duzten wir uns sofort und beim Abschied umarmten wir uns wie alte Bekannte.

Christiane Ensslin veröffentlichte zuletzt: "Pop Shop. Gespräche mit Jugendlichen in Haft" (mit Klaus Jünschke und Jörg Hauenstein bei Konkret-Literaturverlag)

Boulevard Bio

Thomas Harlan war bereits schwer krank, als wir uns Anfang 2001 kennen lernten, um ein Interview zu führen, ein Vorgespräch für seine Teilnahme an der Talkshow Boulevard Bio, die ich damals als Redakteur betreute. Harlans Charisma, Präsenz und Erzählkunst waren ebenso außergewöhnlich wie seine Biografie, und so schlug ich, nachdem Harlan mir versichert hatte, dass seine Gesundheit einem Live-Auftritt und der damit verbundenen Reise nicht im Wege stünde, Alfred Biolek vor, ein special mit ihm zu machen, eine Folge dieser Show mit nur einem Gast. Zwei Stunden vor Beginn der Aufzeichnung holte ich Harlan in seinem Hotel ab. Auf den Anruf der Rezeption hin bat er mich auf sein Zimmer. Für einen Augenblick verfiel ich in Panik, als ich ihn auf dem Bett liegen sah, mühsam sich hinsetzen, nach Atem ringen, nicht in der Lage aufzustehen, kaum zu sprechen. Die Sendung wurde live on tape produziert, also unter Live-Bedingungen und ohne zwischendurch abzusetzen, und dann ungeschnitten, um zwei Stunden zeitversetzt ausgestrahlt. Harlan musste noch ins Studio eingewiesen und vom Ton verkabelt werden, in die Maske, den Moderator kennen lernen, vielleicht auf Toilette oder etwas essen, und wir brauchten ja auch noch ein paar Minuten, um ins Studio zu fahren. Die Absage der gesamten Aufzeichnung, deren einziger Gast er sein sollte, zog an meinem inneren Auge vorbei. Ich nahm Harlan am Arm und ging mit ihm einige Schritte im Zimmer auf und ab. Wir schafften es zur Hotelbar, nahmen beide einen Espresso und rauchten eine Zigarette. „Das hier mache ich nur für dich“ sagte er, obwohl wir uns noch siezten. Damals ging ich davon aus, dass er gerade wieder Kraft schöpfte, unter anderem auch aus dieser etwas pathetischen Pose, doch es blieb dabei, dass wir von nun an Freunde waren.

Jean-Pierre Stephan veröffentlichte ein Buch mit Thomas Harlan ("Das Gesicht deines Feindes", bei Rowohlt nun neu aufgelegt unter dem Titel "Hitler war meine Mitgift") und arbeitete am Erzählband mit ("Die Stadt Ys"). Ende Mai 2010 diktierte Harlan ihm "Veit", das letzte Buch, das gerade bei Rowohlt erschienen ist

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Thomas Harlan als Student in den Nachkriegsjahren (Foto: Nachlass Harlan)

Sprache sehen

Kurz die Augen schließen und an Thomas Harlan denken. Das Bild ist das eines Sprechenden, eines Bewegten, ein Bild in Aktion. Das Sprechen ist nicht nur zu hören, sondern auch zu sehen. Zu sehen in seinem Gesicht, seinem Ausdruck, seinem fast femininen Mund. Alles spricht, alles ist Sprache, Ausdruck. Auch die Augen, die dich im Sprechen nicht loslassen. Immer zugewandt, immer Dich meinend. Auf das Zuhören reagierend. Immer ist Musik in seiner Sprache, eine Tonfolge, aufsteigend, abklingend, modulierend, Pausen setzend, die Worte von unten nach oben tragend und umgekehrt. Selten habe ich einen Menschen erlebt, der sein Gegenüber durch seine Sprache, durch das bloße Sprechen so gefangen nehmen konnte. So nachhaltig an sich selbst und seinen Gedanken beteiligen, in seine Welt, seine Bilder einspinnen. Ein Jongleur der Worte, alles immer in Bewegung haltend, selten ein Festhalten, und wenn, um es gleich wieder aufzulösen. Denken im Sprechen.

Während der langen Zusammenarbeit an unserem Film Thomas Harlan – Wandersplitter habe ich schon manches Mal gedacht, ob die gesprochene Sprache
nicht vielleicht sein eigentliches Medium war. Ich weiß, das würde er gar nicht gerne hören. Und seine Verleger noch viel weniger. In jedem Fall hatte sein Sprechen, seine lebendige Sprache eine solche Suggestion, dass ich mir gut vorstellen kann, wie er die vielen Unmöglichkeiten seines Lebens, die Filme, die Finanzierungen dafür, die gewagten politischen und sonstigen Aktionen, aber auch die Bewunderung, die Freundschaften nicht zuletzt durch Sprechen, durch
Reden, Überreden manchmal erreicht und möglich gemacht hat.

Augen wieder auf: Jetzt schweigt er, Thomas ist nicht mehr, nicht mehr unter uns. Kein sonntägliches Telefonat mehr, keinen „Gruß an die Dame“ (Gabriele Voss) am Ende. Aber seine Sprache bleibt, im Hören, im Klang.

Zuletzt drehte der Filmemacher Christoph Hübner die Fußballerlangzeitbeobachtung "Halbzeit" (2009/10, mit Gabriele Voss). "Wandersplitter" ist auf DVD erhältlich

Durchtönungen

Als ich Thomas Harlan im Februar 2008 für die Tonaufnahmen zu meinem Feature Radikal unversöhnt in der Klinik besuchte, empfing er mich im Liegen. Es war ihm nicht mehr möglich, ohne fremde Hilfe zu sitzen. Schon eine Drehung des Kopfes bereitete ihm große Probleme. So verbrachten wir fünf Tage fast ohne Blickkontakt miteinander. Anfangs schaute ich ihn während unserer Gespräche noch an, dann fixierte ich irgendeinen Punkt weit hinter seinem unbeweglichen Kopf, schließlich schloss ich die Augen – und war allein mit seiner Stimme. Ich hörte ihr zu – sah es nahezu –, wie sie durch die Kopfhörer in meine Ohren kroch. Etwas gepresst, niedergepresst vom Rasseln des Atems. Und doch voller Neugier und Lebenslust Silben und Worten nachspürend, sie regelrecht aufspürend, bis sie druckreife Sätze bildeten und das in Töne formte, was die Sprache der Stimme vorgab. Denn „die Sprache spricht sich selbst“, sagte er, „man muss ihr nur nachkrabbeln“. Und könne dabei Ballast abwerfen, denn das, was man gesagt habe, schleppe man nicht mehr mit sich herum. Weil Thomas Harlan viel zu schleppen hatte, warf seine Stimme noch immer ab, mit immer neuem Staunen über das Unfassbare dessen, was sie in Worte fasste. Auch mit Zärtlichkeit, mit Empörung und Schmerz. Zwischendurch gab es plötzliche, verwirrende Pausen. Manchmal schien es mir, als wartete er selbst darauf, welchen Weg seine Stimme nun nehmen würde. Dann wartete ich mit. Oder ich stellte eine Frage. Zum Beispiel, was er gerne in seinem Leben erreicht hätte. Die Antwort kam schnell: „Eine Person sein.“ Pause. Ich warte. „Das Verb personare bedeutet: durch die Maske hindurchtönen. Wenn ich es also schaffe, an irgendeiner Stelle durch meine Maske hindurchzukommen und man von mir einen Laut vernehmen kann, der mein eigener ist, dann war ich eine Person.“ Ich warte weiter. „Insofern wäre es mir wichtig, es bliebe von den Dingen, die ich gemacht habe, der Ton übrig. Ein Ton, der gehört und weitergegeben werden kann.“ Ich warte noch weiter. Dann öffne ich die Augen und sehe, dass er mich ansieht.

Beate Ziegs arbeitet als freie Autorin und Regisseurin für den Rundfunk. Über Thomas Harlan hat sie zwei Sendungen gemacht: "Radikal unversöhnt. Thomas Harlan und seine Erkundungen zum Vierten Reich", Deutschlandradio Kultur 06.12.2008 (Wiederholung 05.02.2011) und "Im Mahlstrom der Sätze. Thomas Harlan - Schriftsteller und Filmemacher", Deutschlandradio Kultur 10.02.2009 (Wiederholung 07.09.2010)

Wüterich

Thomas. Der Harlan. Der Wüterich der Gedanken, der Charmeur mit seinen blitzenden Äuglein – so schlau, so flink, so alleswissend und bereits alles kennend. Der Manipulator des Denkens und des Fühlens mit fortwährendem Redefluss, der ihn immer daran gehindert hat, anderen zuzuhören, es sei denn, sie haben das bestätigt, was der Meister meist schon wusste.

Ich - angeheuert, nie zu Ende geschriebene Drehbücher in eine veritable Filmproduktion zu überführen. Feste Finanzierungspläne zu erstellen, feste Zeitpläne zu erstellen, feste Finanzierungsstrukturen zu erschaffen und Wundkanal mit dem grossen Erwin Geschonneck auf die große Leinwand zu bringen. Fest? Kein Begriff, der in Harlan’schen Kosmos gepasst hätte. Den Getriebenen, den immer auf der Reise Befindlichen.

Memoriam: dunkle, kalte, konspirative Tage zwischen West- und Ostberlin, Budapest, Szeged und Paris. Tage, Wochen und Monate verzweifelter Versuche, das Harlan’sche Universum zu erfassen und gemäß seinen eigenen Vorstellungen in eine Film zu packen. Es sollte im ersten Anlauf nicht gelingen, zynisches Scheitern, alle seine Vasallen mitreissend. Adieu, mon cher, du Kämpfer deiner eigenen Wahrheiten.

Bernhard Stampfer arbeitete mit Harlan an "Suicide/Wundkanal" als Herstellungsleiter. Im Anschluss Produzent, Jahre als Filmfinanzier in London, bevor er bei der Deutschen Bank die Leitung des Medienteams übernahm; heute Finanzierungsberater für Filme und Games. Über die Dreharbeiten zu "Suicides/Wundkanal" hat Thomas Heise, damals Regieassistent, im Freitag geschrieben

Helene Weigel

Ich hatte das völlig vergessen, die Zusammenarbeit ist ja über 50 Jahre her. Wir Schauspielschüler hatten damals das Gefühl, dass Thomas Harlan mit Ich selbst und kein Engel ein Stück geschrieben hat in dem Bewusstsein, dass sein Vater als Filmregisseur einige Werke abgeliefert hatte, die ihm später doch einen recht zweifelhaften Ruf eingebracht hatten. Und Thomas Harlans Mutter, Hilde Körber, die damals Leiterin unserer Schauspielschule war, bat uns, in dem Stück mitzumachen. Wir haben geprobt im Berliner Ensemble, und da taucht ein Bild in meiner Erinnerung auf, das ich nie vergessen werde: Das Licht im Saal war nicht ausgeschaltet, und ich guckte in den Zuschauerraum hinein, und da sah ich den Schädel, so kann man das eigentlich nur nennen, von Helene Weigel. Da muss es eine Kommunikation gegeben haben zwischen Helene Weigel und Hilde Körber, dass das Stück ihres Sohnes, Harlan, in diesem Theater aufgeführt werden konnte.

Wilhelm Wieben* wurde nach seinem Schauspielstudium bekannt als Sprecher der Tagesschau von 1973 bis 1998. Heute gibt er Bücher auf Plattdeutsch heraus

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Armin Mueller-Stahl in der Inszenierung von Thomas Harlans Theaterstück "Ich selbst und kein Engel" 1959 in Berlin (Foto: Nachlass Harlan)

Herr Müller

Ich erinnere mich an das Stück, Ich selbst und kein Engel, das Thomas Harlan geschrieben hatte. Dieses Stück wurde inszeniert von Konrad Swinarski, der war ein Brecht-Schüler, am Nationaltheater in Warschau tätig, und der hatte einen Nervenzusammenbruch, den ich miterlebte auf der Bühne der Kongresshalle, wo wir probten. Swinarski wollte erstmal gesund werden, und dann schickten sie einen Herrn, der hieß Müller oder so, der machte dann Regie. Weil er meine Arbeit mochte, lud er mich einmal ein ins Hochhaus am Lietzensee, dort, wo auch mein Bruder wohnte, und als wir dort oben waren, fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Da ist ja Kristina Söderbaum, also ist das da Veit Harlan, der als Herr Müller inszenierte! Ich erinnere mich, dass der Thomas etwas außergewöhnlich Verführerisches hatte in den jungen Jahren, er war groß aufgeschossen, hatte diese hellen, klaren Körber'schen Augen, und ich erinnere mich daran, dass wir Meinungsverschiedenheiten hatten, es ging um künstlerische Fragen, und da verstand er sich durchzusetzen, in einer, wie sagt man, demagogischen Art. Für mich war das ein Grund, mit ihm nichts mehr zu tun haben zu wollen. Irgendetwas war mir suspekt an ihm. Das war das Ende unserer Begegnung.

Armin Mueller-Stahl* ist Schauspielermaler­autor – und Sänger. 2010 erschien sein erstes Album "Es gibt Tage". Thomas Harlans Theaterstück "Ich selbst und kein Engel" hatte 1959 in der Westberliner Kongresshalle Premiere, wurde vom Ostberliner BE übernommen und ist in der DDR-Fernsehfassung am 20. März im Münchner Filmmuseum zu sehen

Wunderkind

Ich erinnere mich nicht genau, wann in den frühen sechziger Jahren Thomas Harlan bei uns auftauchte. Er kam zu uns, und er war absolut faszinierend. Ich wohnte schon mehrere Jahre in Italien, ich hatte selten aus Deutschland so jemanden kennengelernt, ein absolutes Wunderkind der Nachkriegsgeneration, er war hübsch, bezaubernd, frech, ungeheuer kritisch, und er hatte diesen Wunsch, etwas ganz Originelles zu machen, im Grunde wollte er sich sein ganzes Leben an seinem Vater rächen, das war sein Trauma, der Vater – einen Vater, der diese Filme gemacht hat, den kann man ja nur hassen und lieben. Giangiacomo hat ihm dieses Warschau-Projekt unterstützt. Dann dauerte es Jahre, und es kam nichts, und es wurde immer mehr Geld ausgegeben. Er hatte einen ungeheuren Charme, aber ich glaube, er hatte nicht den langen Atem, das durchzuziehen. Und ich glaube, er hat viele Leute ausgenutzt mit seinem Charme und seinem Fanatismus, für ihn zu arbeiten. Jedenfalls hat Giangiacomo die Lust an ihm verloren, und wir sind auseinander gegangen, was schade war, denn wir waren mit ihm sehr befreundet, weil er eine faszinierende, außergewöhnliche Persönlichkeit war. Ich sage das wohlwollend, weil es schade ist, dass aus diesem tollen Projekt nichts geworden ist und das viele Geld umsonst ausgegeben wurde, man weiß auch gar nicht, wo die ganzen Dokumente sind, es müssen Zimmer sein, voll von Dokumenten, und keiner weiß, wo die sind. Er ist schon ein schillerndes Nachkriegsprodukt Deutschlands gewesen, es gab ja kaum Leute mit so einer Ausstrahlung.

Inge Feltrinelli*, Fotografin und Verlegerin, führt seit dem Tod ihres Mannes Giangiacomo 1972 den legendären Mailänder Verlag. Das „Warschau-Projekt“ ("Das Vierte Reich") wurde nie abgeschlossen, aber künstlerisch verarbeitet

Waisenkind

Ich erinnere mich an eine der ersten Begegnungen mit Thomas Harlan im Jahr 2002. Gemeinsam sammelten wir Splitter (Überschriften) für die nachfolgenden Filmgespräche. Einer dieser Splitter war das Thema "Sprache". Thomas Harlan meinte: „Waisenkind bist du in deiner eigenen Sprache. Es ist die Fremdsprache, in der du dich nicht an deine eigene erinnern kannst.“ Wie das, es ist doch die Muttersprache, von der man annimmt, dass man sich in ihr am besten bewegt? Thomas: „Das müsste man später beschreiben, dass es fast niemanden mehr gibt, der richtig deutsch sprechen kann. Und zwar nicht, weil er die Worte nicht kennt, sondern weil das Geräusch zwischen den Satzteilen immer nur versteckt, dass irgend etwas aneinander geklebt wird, was vorfabriziert ist. Es sind vorfabrizierte Satzteile, es gibt keine eigenen mehr. Jeder weiß nur, dass man so etwas jetzt sagen müßte und holt sich aus der Beispielhaftigkeit anderer Sätze Teile zusammen. Die Sätze sind nicht deine eigenen. Du hast also nichts gesagt. Hochinteressantes Thema: Sprache und der Besitz von Sprache. Ich meine es deshalb, weil es ein fantastisches Beispiel gibt, wie man Persönlichkeiten ihrer Persönlichkeit enteignen kann. Und zwar hilflos macht. Sie kommen von dort nicht mehr zurück zu sich. So etwas Einfaches meine ich: Wer sagt noch seinen Satz?“ Später hat er das weiter ausgeführt. Wir konnten es nicht in den Film nehmen, aber diese Frage klingt bis heute in mir nach: Wer sagt noch seinen Satz? Im Gespräch mit ihm ging es immer darum, die eigenen Sätze zu finden und zu sagen. Auch deshalb war die Begegnung mit Thomas Harlan so bewegend für mich.

"Wandersplitter" von Gabriele Voss (mit Christoph Hübner) ist erhältlich als DVD in der Edition Filmmuseum

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Thomas Harlan auf der Berlinale 1985, wo er seinen Film "Wundkanal" vorstellte (Foto: Nachlass Harlan)

Sowjetunion

Die großen Geschichten des Mythomanen Thomas Harlan. Was könnten wir im Revolver von ihm drucken? Ich schlug Das kurze Leben des Y.K.M. vor. (Revolver Heft 19). Eine filmische Erzählung. Ein nicht realisiertes Drehbuch. Erst etwas über ihn, sagen die anderen. (Revolver Heft 17). Er fand das unsinnig. Ich sprach mit ihm am Telefon. Nicht sehr lange. Sehr präsent, heiser und kurzatmig. Über Russland. Seine Reisen, die er in der Erzählung verdichtet hat. Meine Reisen. Er fragt neugierig. Er schickt mir sein Drehbuch Kinematograf oder Das seltsame Leben des J.K.M., der Film soll mit dem Titel in kyrillischer und lateinischer Schrift beginnen. Und dann, auf Schwarzfilm, ein Text: DIE 528 960 MINUTEN DES GREGORIANISCHEN KALENDERJAHRES VERLIEREN IM JULIANISCHEN KALENDERJAHR 8 MINUTEN UND 32 SEKUNDEN ABER IN ZWEI JAHRHUNDERTEN UND 25 JAHREN 7 TAGE u.s.w. Und über Tarkowskij. Ja, Andrej Rubljow war nur in der SU realisierbar. Nur dort konnten für ein intellektuelles, ein geistiges Projekt ganze Dörfer zum Drehen delegiert werden. Ganze Kolchosen, Fabriken, das ganze Traktorenwerk von Wladimir – alles musste dienen. Auch der Kunst. Später hörte ich von anderen: Du hast mit Harlan stundenlang über Tarkowskij gesprochen, heißt es. Sagt er.

Saskia Walker ist Filmemacherin und Mitherausgeberin von "Revolver. Zeitschrift für Film"

Parallelwelt

Nie zuvor bin ich jemandem begegnet, der so begnadet darin war, die Realität durch seine Geschichten und seine Sprache zu verzaubern. Ich war frisch eingestellte Lektorin bei Eichborn Berlin, als der Roman Rosa erschien, und begleitete Thomas Harlan auf die Frankfurter Buchmesse. Thomas hatte damals schon große Probleme mit seiner Lunge. Während ich ihn, ganz unmessegemäß langsam und auf jede Abkürzung bedacht, Atem sparend von Termin zu Termin brachte, entführte Thomas mich in eine atemberaubende Parallelwelt. Dort gab es keinen Unterschied zwischen Alltagssprache und Poesie. Thomas Harlan nahm sich beim Umgang mit Grammatik und Syntax fast schon unverschämte Freiheiten, er jonglierte mit den Worten auf eine Weise, dass man den Eindruck hatte, man höre eigentlich Musik. Er schaffte es, seine Sätze irgendwie zum Schweben zu bringen, und der, der ihm zuhörte, schwebte mit.

Esther Kormann ist heute Lektorin bei Galiani Berlin

Barluschke

Thomas Harlan, der mir manchmal durch den Kopf geht. Seine langen, durch wiederkehrende Wendungen rhythmisierten Sätze; seine Stimme, helle Monologe mit Zwischenfragen, die keine Antwort suchten; weite Spiralen, die sich wie ein Rosenkranz in den Kopf schraubten, gnadenlos, zwingend in den Bildern, zwanghaft, Bilder, denen ich wenig Widerstand entgegensetzte, denen Schuld und Gefahr anzuhören/anzusehen war, die abstießen, um so mehr interessierten; Suicides, der erste Wundkanal, ein Schauder, wie später Barluschkes Versuche von Inbesitzname, die mich an meine Gier erinnerte, zu der ich wohl fähig bin, da ich sie an mir beobachtete, wieder erkannte, hoffend, nicht entdeckt zu werden dabei, und ich seitdem, warum seitdem?, keinen Ginster mehr blühen sehen kann, ohne an Massengräber zu denken, die mit ihm bepflanzt worden waren, um mit seinem starken Wurzelwerk das Wiederhervorquellen der zu vielen Toten aus dem zu engen Erdreich im Laufe ihrer Verwesung zu unterdrücken. Das hatte Thomas Harlan mir leise erzählt, brummend wie eine Biene. Ich habe ihn auch bellen gehört. In Prag, als er sagte, er werde seine Feinde ausbeißen, wie der HVA-Spion Barluschke Jahre später in Paris auf andere Weise drohte, als er mir am letzten Drehtag am Tresen der Bar durch die Zähne hindurch ins Ohr flüsterte, dir hau ich noch die Beine weg, du kleine Drecksau. Danach lief die Kamera, begann ich das Interview. Mit ihm, an dessen Ende ich ihn fragte, glaubst du, was du sagst? Das ist keine Frage des Glaubens, sagte er, ich weiß es.

"Wundkanal" war als Spielfilm geplant ("Suicides"). Über das gescheiterte Projekt, an dem Thomas Heise beteiligt war als Regieassistent, hat der Filmemacher im Freitag geschrieben. 1997 drehte Heise "Barluschke. Psychogramm eines Spions"

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Dem hessischen Generalstaatsanwalt und Nazi-Ankläger Fritz Bauer lieferte Thomas Harlan aus seinen Recherchen in Polen Aktenmaterial über die deutschen Verbrechen (Foto: Nachlass Harlan)

Prägnanz

Bei meinem Film Harlan – Im Schatten von Jud Süß wollte er erst nicht mitmachen, weil er nicht in dem Familienzusammenhang der Harlans auftauchen wollte. Er hielt leider von manchen Familienmitgliedern nicht sehr viel – das gehörte zu seiner unerbittlichen Ungerechtigkeit, die er auch zugab. Erst als er sah, dass es kein Film über seinen Vater Veit – und über ihn als dessen Sohn – werden sollte, sondern dass es auch und gerade um die Befindlichkeit der Enkelgeneration ging, öffnete er sich. Das Interview musste oft unterbrochen werden, weil er sein Sauerstoffgerät brauchte, aber ich habe nie wieder erlebt, dass jemand mit einer so fast unheimlichen Prägnanz sprach und jeder Satz verwendbar war. Sprachliche Präzision bedeutete ihm sehr viel. Irgendwie ist er auch immer und jederzeit zum wirklichen Kern der Dinge vorgedrungen. Erzählte ich ihm von Filmprojekten, hat er, ohne viel darüber wissen zu müssen, zielsicher Schwachstellen und Potentiale von Geschichten oder auch Finanzierungen erkannt. Er konnte sich vermeintlich nebensächliche Details merken, auf die er nach Monaten zurückkam. Manchmal rief er an, nur um kurz zu fragen, wie an dieser oder jener Stelle denn die Dinge stünden. Ganz nebenbei lieferte er dann eine bestechend ungewöhliche Analyse aktueller Ereignisse. Während der Debatte um die Nazis im Auswärtigen Amt habe ich oft an ihn gedacht und sehr schmerzlich vermisst, dass da kein Anruf mehr kam. Das Fortdauern des Dritten Reichs – das war wirklich sein Lebensthema.

Felix Moellers Dokumentarfilm "Harlan – Im Schatten von Jud Süß" von 2008 ist bei Salzgeber auf DVD erschienen

Costermano

Ich bin als Generalkonsul der Bundesrepublik Deutschland mit Sitz in Mailand, mein Amtsbezirk umfasste Gesamtnorditalien, innerhalb meiner Dienstverpflichtungen aufgerufen gewesen, am Volkstrauertag eine Gedenkstunde auf dem Soldatenfriedhof in Costermano zu halten. Diese Gedenkstunde habe ich nur einmal gehalten, 1987. 1988 bin ich darauf aufmerksam geworden, dass auf diesem Friedhof etwa 12 SS-Führer der Aktion Reinhardt beigesetzt worden sind – mit Wissen der Bundesregierung, mit Wissen des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge. Die Aktion Reinhardt, muss man wissen, hat das Lagersystem Belzec, Sobibor und Treblinka betrieben und war vorher in der so genannten NS-Euthanasie tätig. Dieses Einsatzkommando hat mehr Menschen umgebracht, als in Auschwitz umgekommen sind, nämlich über zwei Millionen. Ich habe dem Auswärtigen Amt den Vorschlag gemacht, die SS-Führer zu verlegen von dem deutschen Soldatenfriedhof. Die haben dort nichts zu suchen, ich will das mal so apodiktisch sagen. Das Auswärtige Amt hat dem nicht zugestimmt, daraufhin habe ich keine Gedenkveranstaltung mehr in Costermano durchgeführt. Darüber ist es zu einem schweren Zerwürfnis zwischen mir und dem Amt gekommen, in dessen Verlauf ich den Auswärtigen Dienst 1991 vorzeitig verlassen habe.

In der FAZ hatte Herr Reents eine Betrachtung gebracht über Thomas Harlan und sein Buch Heldenfriedhof, und in dieser Betrachtung hat er meine Auseinandersetzung mit dem Auswärtigen Amt um den Soldatenfriedhof in Costermano verbalisiert. Das Buch habe ich mir gekauft und gelesen. Es ist sehr verschlüsselt, im Hintergrund schwebt der Soldatenfriedhof von Costermano, aber im Vordergrund schwebt ein ganz anderer Friedhof, den es heute nicht mehr gibt, nämlich dieser Heldenfriedhof, den die SS in Opicina bei Triest angelegt hatte. Ich habe Herrn Reents dann einen Brief geschrieben und habe ihm gesagt, dass ich mich Thomas Harlan tief verbunden fühle, ohne ihn zu kennen und ohne seine politischen Schlussfolgerungen zu teilen. Aber ich fühle mich sehr nahe in der fast selbstmörderischen Absicht, diese entsetzliche Vergangenheit aufzuarbeiten, an der er ja letzten Endes zugrunde gegangen ist.

Manfred Steinkühler*, wie Thomas Harlan 1929 geboren, hat nach seinem vorzeitigen Ausscheiden als Diplomat die Angelegenheit Costermano nie aus den Augen verloren. Mittlerweile gibt es immerhin eine Informationstafel auf dem Friedhof. Von Steinkühlers bewundernswertem Kampf zu erzählen, wäre eine eigene Geschichte.

Anfänger

Von einem Kunstwerk könne nur dann die Rede sein, wenn „es aus sich selbst die Gesetze ableitet, nach denen es hergestellt, aus nichts anderem als sich selbst gemacht und also autonom“ sei, heißt es in Heldenfriedhof. Der Preis für die Autonomie von Heldenfriedhof besteht in der Rücksichtslosigkeit des Autors gegenüber seinen Lesern. Vor dieser Prosa der Zukunft sind wir Anfänger: Wir müssen neu lesen lernen, um dorthin zu gelangen, wohin der Autor sich von seiner Sprache hat führen lassen. Wer es wagt, sich dieser ungezügelten, für alle Schwingungen hochempfindlichen Sprache auszuliefern, beim Lesen jedes Wort zu imaginieren, sich der Beschleunigung der Sätze hinzugeben und mit ihnen in die Tiefe des Raums zu stürzen, den die Lücken aufreißen, dem wird ein Glück der Bewusstseinsveränderung zu Teil, das man sonst nur in der Musik erfährt.

Sieglinde Geisel ist Journalistin, Autorin und hat an Harlans letztem Buch "Veit" mitgearbeitet

Schnittstellen

Getroffen habe ich Thomas Harlan nur ein Mal. Ein zweitägiges Gespräch im Herbst 2008 in Schönau am Königssee. Gedanklich war er manchmal fast zu agil für seine Gäste: Namen, Verbindungen, Anekdoten schwirrten pfeilschnell durch den trotz vieler Bücher und Keksdosen Patientenzimmer bleibenden Raum. Komprimiertes Geschichtsmaterial, zusammengehalten durch einen hochvernetzten Lebenslauf, der durch das 20. Jahrhundert schneidet. Eine fast unwahrscheinliche Schnittstellenbiografie. Routiniert im Reden über dieses Leben kam er mir auch vor. Lange haben wir über seinen zu Unrecht vollkommen vergessenen Film Souvenance gesprochen, der die Haitianische Revolution 1791 ff behandelt und während der von 1989 gedreht wurde. Der jetzige Moment wäre ein guter für eine Wiederentdeckung.

Simon Rothöhler ist Mitherausgeber des Magazins "Cargo Film/Medien/Kultur". Dort finden sich einige Texte zu Harlans Werk und Person, auch zu dem Film "Souvenance". Von Harlans Filmen ist nur "Wundkanal" auf DVD erhältlich, "Torre Bela" in Vorbereitung

* protokollierte Texte

12:00 11.03.2011

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