Wie feiert man kritisch?

Golden Globes Die Verleihung an Fatih Akins „Aus dem Nichts“ als „bester fremdsprachiger Film“ setzt ein starkes Zeichen gegen den Sexismus und ein schwaches für einen mediokren Film
Wie feiert man kritisch?
Wieso denn bloß? Vielleicht wegen des Spiels von Diane Kruger

Foto: Kevin Winter/Getty Images

Die Verleihung der Golden Globes in der Nacht zum vergangenen Montag sorgte für allerlei Gesprächsstoff. Angefangen mit dem inoffiziellen Dresscode „Schwarz“, mit dem Schauspielerinnen (und einige Schauspieler) auf den Sexismus in Hollywoods Filmindustrie aufmerksam machen wollten, der durch den Fall des Produzenten Harvey Weinstein zu einem öffentlichen Thema geworden ist.

Über Aktivistinnen als „Plus 1“, wie das Gästelistenkürzel heißt, unter dem sich Filmprominenz von Engagementprominenz begleiten ließ – Leuten wie Tarana Burke, die #MeToo begründet hat, wie Calina Lawrence, die sich für die Rechte der Indigenen in den USA einsetzt, wie Saru Jayaraman, die für bessere Arbeitsbedingungen für Restaurant-Angestellte streitet.

Bis hin zur Rede der mit dem Preis fürs Lebenswerk geehrten Oprah Winfrey, die deswegen nun nach Präsidentschaftsambitionen gefragt wird. Man kann darin natürlich immer wieder nur eine Show erkennen. Aber auf dieser Ebene war der Abend eine kraftvolle Inszenierung für die Dringlichkeit von Gleichstellung, produzierte er Bilder, die die gewöhnlichen Motive einer solch glamourösen Veranstaltung doch spürbar irritierten.

Was man daran sehen kann, dass die Preisträger (mehr Männer als Frauen) in den Hintergrund gerieten. Aus deutscher Sicht, wie es in der Wahrnehmung der Sportreporter heißt, stößt man dort auf den Gewinner in der Kategorie „Bester fremdsprachiger Film“: Aus dem Nichts von Fatih Akin. Der führt einem umgehend das Dilemma vor Augen, vor dem die Preisverleihung als Ganzes stand – wie feiert man kritisch?

Denn Aus dem Nichts ist kein überragender Film, der durchweg Begeisterung entfachte. Die Kritik zur Geschichte vom Rachefeldzug einer Frau, die durch einen rechtsterroristischen Anschlag Mann und Sohn verloren hat, ist seit der Premiere in Cannes durchwachsen. Was für manche Kinogängerin vielleicht merkwürdig klingen mag, weil doch die Golden Globes vom Verband der ausländischen Filmkritiker vergeben werden.

Man kann also rätseln, was zur Entscheidung für Aus dem Nichts geführt hat – in einer Konkurrenz mit der Kunstbetriebssatire The Square zumal, die von der Jury in Cannes seinerzeit den Vorzug bei der Preisvergabe bekam.

Die nächstliegende Erklärung wäre vermutlich das Vorkommen eines proper-blonden Neonazi-Pärchens, das die Vorstellungen vom deutschen Geschichtskino in Hollywood modernisiert. Eine andere, überzeugendere: das Spiel von Diane Kruger, die als Hollywood-Star erstmals in deutscher Sprache bei einem Projekt auftaucht, das man früher Autorenfilm genannt hätte.

An einer besonders raffinierten Verarbeitung der NSU-Verbrechen, mit der der Film kokettiert und mit der er assoziiert wird, kann es jedenfalls nicht gelegen haben. Denn die Zeichen und Bezüge sind so haarsträubend arrangiert, dass man nichts versteht von den realen rechtsterroristischen Verbrechen, wenn man Aus dem Nichts gesehen hat.

Was dann vielleicht zur plausibelsten Erklärung von allen führt: Aus dem Nichts ist außerhalb Deutschlands gar nicht erst als der politische Film missverstanden worden, der er nicht ist. Sondern als der Kampf eines Individuums (Krugers Witwe) um seine Gerechtigkeit.

Wundersam bleibt die Auszeichnung dann immer noch, weil etwa das Gerichtsdrama, das Aus dem Nichts auch ist, und das spannungsarme Finale, in dem der Wille zur Tat reift, eher kraftlos inszeniert sind denn als gute Show.

14:15 10.01.2018
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