Wie geht's jetzt weiter?

Tatort Man kann darüber diskutieren, ob "Franziska", die Folge aus Köln, überhaupt zur Reihe gehört. Und darüber, ob Franziska, der Charakter, diesen Abschied verdient hat

Double Feature tonight, und Günti Jauch kann sonntags mal mit der Family abhängen. Leider muss die Tatort-Polizei an dieser Stelle einen Strich durch die Rechnung machen: Ein Formatultra könnte durchaus argumentieren, dass es sich bei Franziska nicht um einen Tatort handelt im eigentlich Sinne, denn ein Tatort ist der Kriminalfilm von knapp 90 Minuten Länge, der nach dem einschlägigen Vorspann am Sonntag (oder Feiertag aka letzten freien Tag, bevor die Arbeit wieder losgeht) um 20.15 Uhr gezeigt wird.

Und nicht um 22 Uhr. Das bringt den Biorhythmus durcheinander wie sonst nur die Zeitumstellung auf MESZ. Aber die ARD, schreiben wir das mal so deutlich hin, kann den Hals nicht voll genug kriegen: Weil Franziska zu krass drauf ist als Film, wird der eben erst ab 22 Uhr gezeigt wegen Jugendschutzes. Weil Günther Jauch um 20.15 Uhr aber ebenfalls zu krass gewesen wäre, gibt's dann einfach zwei Tatort-Folgen hintereinander. Fühlt sich an wie Weihnachten oder Familienfeier, da isst man auch immer zu viel beziehungsweise selbst dann noch, wenn man nicht mehr kann.

Dass der Film krass drauf ist, würden wir nicht bestreiten: Eigentlich wäre es am allertollsten, wenn Günther Jauch, statt Urlaub zu haben, mit Volker-Panzer-Maske nach Ende des zweiten Tatort zum Einsatz käme, um mit Kennern der Kunstproduktion und bereitgelegten Aristoteles-Bändchen die Frage zu diskutieren, wozu und mit welchem Ende man als Zuschauer sich Gewaltdarstellungen reinziehen soll. Kunst ist bekanntlich weder Statistik noch Dokumentation, sie hat so viele Möglichkeiten, Wirkung zu erzielen, wie Bayern München in der Offensive.

Auf Wiedersehen, auf Wiedersehen

Für Franziska (Tessa Mittelstaedt), die nicht ganz so gleichberechtigte Dritte im Bunde von Köln, gibt's in dem Tatort mit ihren Namen (WDR-Redaktion: Frank Tönsmann) jedenfalls den ganz dicken Abgang: den Tod. Den Weg dahin – kann man diskutieren, siehe Günther Jauch. Den Ansatz – auch. Da kocht Franzi jahrelang Kaffee und hält Fab Five Freddy (Dietmar Bär) und Ballauf (Klaus J. Behrendt) den Rücken frei, um dann als Opfer von Sebastian Kehl (Hinnerk Schönemann) abzutreten und noch nicht mal gerettet zu werden von den Männern, deren Männlichkeit durch Franzis Rettung an Männlichkeit gewonnen hätte. Alles irgendwie so krisenhaft.

Vielleicht hätte es geholfen, wenn Ballauf und Schenk und die anderen Beteiligten am Ende nicht in der Zeitlupe festgesteckt hätten. Wie auch immer: Leutnant Vera Arndt, das nur zu Erinnerung, wurde seinerzeit von Hauptmann Fuchs und Oberleutnant Hübner mit Blumen und Gesang ("Auf Wiedersehen, auf Wiedersehen / die Zeit mit dir war doch sehr schön") verabschiedet. In other words: gebührend.

Was durch die beiden Filme hintereinander immerhin auffällt: Es geht auch ohne Günther Jauch. Und: Ein Gespräch im Film ist so leicht nicht zu führen. Während bei der Lagesprechung in Frankfurt eine gewisse Lebendigkeit zustande kommt, klingen die Texte, die Franzi mit der JVA-Lady Streiter (Birge Schade) austauscht, eben leider wie Erklärungen, die sich ein Drehbuch (Jürgen Werner) ausgedacht hat, das dem Zuschauer sagen will, worum es geht: "Herr Kehl wird in Kürze entlassen, darüber will ich mich mit Ihnen unterhalten" – "Gut".

100.000-Watt-Sonnenuntergang

Lady Streiter ist wiederum ein schönes Beispiel für den weitverbreiteten Schnepfism. Mit dem Supertopchecker-SEK-Chef Thomas "Tom" Droolitsch (Holger Daemgen) gesellt sich bald ein weiterer Vertreter dieses insuffizienten Führungsstils hinzu ("Schicken sie die Häftlinge in ihre Zellen, ich möchte keine Gefangenenbewegungen, bis ich weiß, was hier los ist" beziehungsweise "Jonas, ich muss wisssen, was sich da drinnen abspielt"). Weshalb die tollsten Szenen in Franziska die sind, in denen Lady Streiter und Chef Droolitsch (der zum Ende ziemlich abbaut) einander die Stanzen aufsagen, die es im Dialoge-Discounter besonders günstig gab, weil schon etwas abgenutzt von der Verwendung in mindestens 170 Filmen, die mit "Ich-habe-alles-im-Griff"-Situationsdramatik auf dicke Hose machen wollten.

Auf dicke Hose macht auch die Regie: Dror Zahavi zieht den Regler zum Schluss richtig hoch, da schaut das Eternal Light, dem Franzi entgegendüst, als 100.000-Watt-Batterie zum Bürofenster rein, wenn Balle und Fab Five den Schreibtisch der Gewesenen aufräumen. Die Musik (Jörg Lemberg) klingt passenderweise so, als sei sie schon mal in Hollywood gewesen – mit dem Finger auf der Landkarte. Der Fall hat immerhin eine Pointe, auch wenn nicht ganz klar ist, warum Rowitschen (Dimitri Bilov) so freundlich ist, Selbstmord aus Angst vor dem Tode zu begehen.

Eine Ansage, die im Gefängnis zum Witz wird: "Sie eingeschlossen, Herr Ballauf"

Ein Satz, den ich nie aussprechen könnte: "Ich brauche Ihre neunmalklugen Kommentare nicht"

Said the Actress to the Bishop: "Ich wüsste schon ganz gern, mit wem ich's hier zu tun habe"

23:30 05.01.2014
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