Wieso ich denn schon wieder?

Polizeiruf 110 Ein schöner Abgang: Stefanie Stappenbeck hört als Uli Steiger beim Münchner Polizeiruf schon wieder auf. Ihren Partner in der letzten Folge spielt Lars Eidinger

Der Münchner Polizeiruf leidet noch immer unter dem überraschenden Tod Jörg Hubes. Der war, gemeinsam mit Stefanie Stappenbeck als Uli Steiger, eigentlich als Nachfolger des langjährigen und beliebten Duos Tauber und Obermayer vorgesehen. Immerhin macht der BR des beste draus – und gönnt Stefanie Stappenbeck eine Abschiedsfolge, die sich gewaschen hat (in Zukunft übernimmt Matthias Brandt). Gut möglich, dass Zapfenstreich künftigen Generationen von Sonntagskrimi-Aficionados in einem Rutsch mit dem legendären, einzigen Diether-Krebs-als-Kommissar-Tatort Alles umsonst von 1979 über die Lippen gehen wird.

Zapfenstreich in der Regie von Christoph Stark und nach dem Buch von Mario Giordano und Andreas Schlüter (die, man mag es nach diesem Polizeiruf kaum glauben, auch für die Erfindung der Leipziger Tatort-Figur Simone Thomallas verantwortlich sind) überzeugt dabei nicht so sehr als Krimi, obwohl er gute Anlagen hat. Bei der Bundeswehr, dem traumatischen Lebensthema der uns in nur mehr drei Folgen ans Herz gewachsenen einstigen Armistin Uli Steiger, herrschen Sitten, wie man sie sonst nur von den Feldjägern in Mittenwald kennt.

Das Liebesleben der Kommissarin

Führungsoffizier Melzer (Alexander Held) ist interessiert an einem Handy-Film, der ihn zeigt bei der Herstellung von Blutwurst aus Soldatinnenblut. Als Spenderin Silke (Daniela Schulz) ermordet aufgefunden wird, fächert die Geschichte die Gruppe der Verdächtigen geschickt auf: War es Melzer, den Silke mit dem Handy-Film – trotz durchschnittlicher Leistungen auf dem Truppenübungsplatz – zur Entsendung nach Afghanistan erpressen konnte (die jungen Soldatinnen – man wird sie als Zivildienstleistender i. R. nie verstehen)? War es Freundin Rosie (Stephanie Schönfeld), die ihre Beziehung mit dem eher mühsamen René (Nicholas Reinke) retten wollte, von dem Silke ein Kind erwartete? War es Deniz (Eralp Uzun), der Thilo Sarrazins Albtraum des türkischen Gemüsehändlers, dem die Islamkritik an der Erziehung des gemeinsamen Kinds mit Silke auf den Zeiger ging? Oder war es Inka (Annette Strasser), die noch viel mehr als Silke nach Afghanistan wollte (die jungen Soldatinnen – man wird sie als Zivildienstleistender i. R. tatsächlich nie verstehen) und sich von den schlechten Werten der Restgruppe den Karriereschritt nicht verderben lassen wollte?

Die Folge jongliert ganz gut mit den verschiedenen Mord-Motiven, wenn auch nicht abfüllend, und die Episode von der embedded Kommissarin Steiger – die mal eben dank der guten Beziehungen vom Oberst-Vater (Paul Faßnacht) eine Übung im Gelände begleitet, als wäre sie Seymour Hersh in Frauengestalt – ist ein wenig albern. Groß aber ist dieser Polizeiruf – und wir hätten nie geglaubt, das einmal sagen zu können – aufgrund des Liebeslebens der Kommissarin. Wo Borowski in Kiel unendlich viele Folgen brauchte, um mit der von vielen Seiten geschätzten Maren-Eggert-Figur doch nicht zusammen zu kommen, wo Max Ballauf in Köln beinahe jede Folge auf eine andere hoffen darf, schneit hier der von der Sitte abgeschobene Lars Reiter (Lars Eidinger) einfach so rein und macht Nägel mit Köpfen. Ökonomisch und dabei durchaus subtil (die erste gemeinsame Nacht!) inszeniert Stark die Liebesgeschichte von Reiter und Steiger, was man sich vermutlich nur in letzten Folgen erlauben kann, wenn eh alles egal ist.

Anschauungsmaterial für Männlichkeitsforscher

Fast ist man nach diesem Auftritt geneigt, Lars Eidingers Karriere als großer Bühnenschauspieler (Berliner Schaubühne) und Arthouse-Darsteller (Alle Anderen) schnellstmöglich jeglichen Dreck an den Hals zu wünschen, auf dass er reumütig, aber dauerhaft ins Tatort/Polizeiruf-Versorgungswerk für einst ambitionierte deutsche Schauspieler einkehrt, wo wir ihn dann in schöner Regelmäßigkeit als eine Kommissar-Figur erleben könnten, die es so noch nicht gegeben hat. Eidingers Spiel ist von einer Lässigkeit, die wir auf der Bühne der Berliner Volksbühne der Castorf-Ära verdanken: Privat, aber doch glamourös. Etwas zwanghaft wirkt allein, dass die sanfte Rampensau Eidinger auch hier blank ziehen muss.

Auch für die Gemeinde der kritischen Männlichkeitsforscher unter den hier versammelten Anhängern der Serie bietet Eidingers Figur reiches Anschauungsmaterial. Ihm gehen Sätze von den Lippen, die man anderen Kommissaren sofort um die Ohren hauen würde, die bei ihm aber durch seine Schluffigkeit umgehend dementiert werden ("Ich dachte immer, nur Lesben gehen zum Bund"). Eidinger balanciert in Lars Reiter eine krisenhaft gewordene Männlichkeit aus, für die Machotum nur deshalb noch eine Option ist, weil er dieses wie alles in seinem verdrucksten Leben als ironisch begreift. Und Eidingers Tänzeln über dem Abgrund, der die Rolle des "modernen" Mannes ist, findet in Stefanie Stappenbeck eine Korrespondentin, die in ihrer äußerst bestimmten Mädchenhaftigkeit offen ist für Vagheiten und Zwischentöne.

Und so harren wir in großer Ungeduld des Tages, wenn Steiger und Reiter ihre Auferstehung als Ermittlerteam feiern werden.

Wieder was fürs Büro gelernt: Auf die Frage "Geht's nicht ein bisschen schneller?" mit "Nee, ich bin noch zu bekifft" zu antworten
Kann man dagegen im Büro eher nicht bringen: "Noch so eine Aktion und du bist Bagdad!"

21:45 09.05.2010
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