Wir haben sie im Ausland vermutet

Tatort Wenn die Verzweiflung groß ist, verrutschen die Bilder: In der Stuttgarter Folge "Spiel auf Zeit" schießt Bootz scheinbar cool aus der Hüfte, sich damit aber nur ins Knie

Wenn dieser Stuttgarter Tatort nach einem Buch von Holger Karsten Schmidt ein Motorroller wäre, der nach StVG ja nicht schneller als 45 km/h fahren darf und deshalb einen Drosselring hat, der die Geschwindigkeit eben drosselt, dann wäre die Besetzung der Regie mit Roland Suso Richter eine Art Entdrosselung, wobei sich dadurch – und hier wird es kompliziert – nur herausstellte, dass der Motorroller-Tatort gar nicht schneller fahren kann, der Effekt der Entdrosselung also nichts taugt.

Anders gesagt: Wenn die Verzweiflung groß ist, muss man zu gewagten Bildern greifen. Mag sein, dass das nicht unser Tag war oder irgendeine andere Laus über die Leber gelaufen ist. Aber es ist doch schwer begreiflich, wie die hottest geliebte ARD-Reihe so einen Murx performen kann. Vielleicht wäre es hilfreicher, wenn die WDR-Anwältin – anstatt die Grünen-nahen tatortwatcher daran zu erinnern, dass ihr Logo dem Tatort-Logo ziemlich ähnlich sah – mal bei Machart und Geschichte einer Folge wie Spiel auf Zeit aufpasste, dass dem Image nicht geschadet wird und keine Verwechslungsgefahr mit dem normalöden Fernsehfilmeinerlei besteht.

Und dabei ist, deshalb das Dementi in eigener Sache, Spiel auf Zeit eine Folge, die noch nicht mal richtig schlimm ist, sondern vermutlich nur für das allergewöhnlichste, antriebslose Mittelmaß herhalten muss. Es haut alles nicht so richtig hin, aber egal, Hauptsache Tatort, die Leute gucken eh. Wenn man etwa die Autofahrtaufnahmen sieht mit Lonely Lannert (Richy Müller), Busy Bootz (Felix Klare) und, ach Gottchen, dem Superbösen Victor "Paul" de Man (Filip Peeters), die von einer Rückspiegelperspektiven-Ansteckkamera gemacht werden, mit der man bestimmt Super-Skype-Gespräche führen kann, dann ist das entweder ein Ausweis von Lazyness oder, vermutlicher, von fehlendem Geld.

Sheriff-Kindereien

Beides wäre elend, auch wenn es vielleicht nicht jeder Zuschauer merkt, aber diese Kleinstkameras produzieren Bilder und Perspektiven, wie sie in irgendwelchen Spaß- oder Quiztaxi-Sendungen ihre Berechtigung haben werden, nicht aber in Germany's führendem Öffentlich-Rechtliches-Fernsehen-Flagship. Erst recht nicht, wenn Roland Suso Richter sonst so auf dicke Hose macht mit diesen ganzen Draufsichtbildern (Kamera: Jürgen Carle ) und dem ewig nervösen Musikgezappel (Matthias Klein, Michael Erdmann, Jürgen Heidecke) , das Dramatik suggerieren soll. Die in der Tatort-Community so geschmähten Berliner-Roiter-Video-Style-Folgen aus den Mid-Nineties werden eines Tages als Avantgarde avant la lettre erscheinen.

Was die Kleinstkamera im Rückspiegel fürs Bild ist, sind diese Sheriff-Kindereien in der Geschichte – man wird das Gefühl nicht los, dass Spiel auf Zeit eigens gemacht wurde, um die Notwendigkeit von so was wie @tatortwatch auf Twitter zu beweisen. Und dabei ginge es uns nicht um Bürgerrechtsbelege oder darum, dass das Fernsehen nur erzählen können sollte, was die Realität erlaubt, sondern allein um den shocking Umstand, dass man doch jegliches Vertrauen in die Rationalität von Kommissaren und Staatsanwältin (back at work: Carolina Vera) verliert, wenn die so was von ohne Diskussion sowie Sinn und Verstand sich "Paul" de Man (Filip Peeters) als Mitermittler aufzwängen lassen. Zu schweigen von dem völlig schwachsinnigen Rumgeballer, bei dem man immer nur den Eindruck hat, der Film wolle einem zeigen, was für eine harte Sau er ist. Und die Auflösung des finalen Shootouts? Don't try this at home: Die hardcore-ausgerüsteten Maschinengewehrverbrecher lassen sich von vier hemdtragenden Pistolenpolizisten das Spiel aus der Hand nehmen, als wären sie die erschöpfte BVB-Abwehr in der 89. Minute von Wembley. Mann, Mann, Mann.

Das ist überhaupt ein gutes Stichwort, weil – wobei sich hier Geister wohl scheiden werden, weil es ins Feld des Geschmäcklerischen geht – Spiel auf Zeit einen unangenehmen Männlichkeitsfimmel hat, der an so langweilige Fiktionen wie diesen Supergangster de Man (sic) glaubt. Der kann sich von Mann zu Mann, von tough cookie zu tough cookie unterhalten mit "Torsten", was aber so uninteressant und prätentiös geschrieben und performt ist, dass man das Gefühl kriegt, jemand habe sich dunkel erinnert, dass die Begegnung zwischen Robert De Niro und Al Pacino in Heat doch voll cool gewesen sei, aber leider eben nur dunkel.

The End of Bootz

Wie sich Lannert und Bootz gegenseitig verstehen in ihren Problem, macht ebenfalls betroffen aufgrund von solchen Sätzen wie: "Ein Partner, der einen Vater nicht zu seiner Tochter lässt, den möchte ich nicht an meiner Seite haben." Uns wäre ja ein Partner lieber, der sich nicht so einfach hinters Licht führen lässt von einer sentimentalen Familiengeschichte und dem alten, totalunauffälligen Passklau-aus-der-Innentasche-Umarmungstrick, aber gut, da setzt der Bootz halt andere Prioritäten, der schießt die Spatzen noch vom Dach.

Überhaupt Bootz! Das ist nun allerdings der allergrößte Unsinn, den der Stuttgart-Erfinder-Autor Schmidt verzapft, dass der einzige Proffi von internationaler Format im Stuttgarter Aufgebot, das einzige Champions-League-taugliche Asset in Stuttgart, nämlich die Bootz-Figur in ihrer Anlage als Mann mit Frau und zwei kleinen Kindern in den Zeiten von Ursula von der Leyens Genderpolitik, einfach so hergeschenkt wird ohne Not. Nie im Leben kriegt eine Krimireihe wie der Tatort nebenher so was Anstrengendes, Gesprächsintensives wie eine Trennung erzählt – entsprechend sieht die traurige Café-Szene auch aus, die sich ob des Abkassierwitzes ("Zusammen oder getrennt?") bestimmt total leitmotivisch vorkommt. Und was ist das für ein Ansatz, von der Rache am neuen Lover abzulassen ("Das verschieben wir"), weil der im Rollstuhl sitzt – was hat da womit zu tun?

Vor allem aber beraubt man sich mit diesem Move des most valuable Player in der ganzen Tatort-Mannschaft: Bootz, der das Haar schon bedrohlich offen trägt, jetzt auch noch an den Tresen der einsamen Männer zu beordern, wo im Grunde doch fast alle sitzen, ist wie Bayern München, das sich neben Lewandowski auch noch Edin Dzeko kaufte. Den kommenden Folgen, in denen er seinen Trennungsschmerz (Vorgucker: dieser endkrasse Auftritt als Mann, dem alles egal ist, zum Schluss) mit Alkohol, Larmoyanz und Gewalt betäuben wird, sehen wir mit einem Grauen entgegen. Es wird hart werden.

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