Wir haben uns geliebt

Tatort Etwas Schlimmeres hat man lange nicht gesehen: Der Ludwigshafener Event-PR-Gemache-"Tatort" steht die ganze Zeit da, wo sein Titel ihn hinstellt – "Im Abseits".

Im Grunde sehnen wir die Sommerpause herbei, und dann das: Nächste Woche beginnt die Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen im eigenen Land, also gibt es einen Tatort zur Veranstaltung. An die Anne Will-Diskussion im Anschluss, die als Spielfilmhandlung vorgeführt bekommt, worüber geredet werden soll, hat man sich fast gewöhnt. Aber dass der Tatort, dieses stolze Medium gesellschaftlicher Verständigung, hier verkommt zur teasernden PR-Garnitur eines medial noch zu pushenden Großereignisses, zu dem die DFB-/Fifa-Pressestäbe bestimmt schon Mitteilungen vorbereitet haben, in denen der Begriff "Sommermärchen" nicht fehlen wird – das ist "unterste Schublade" (Rudi Völler).

Ohne Rudi Völler ist das alles sowieso nicht auszuhalten: "Die Geschichte mit dem Tiefpunkt, und noch mal nen Tiefpunkt, und dann gibt’s noch mal nen niedrigeren Tiefpunkt" – in der Tat. Selten so einen lausigen Tatort gesehen. Der Auftritt von DFB-Chef Dr. Theo Zwanziger feat. Oliver "der Haartrainer" Bierhoff, Jogi "Au" Löw, Steffi "Beckenbauer" Jones und der Nationalspielerin Celia Koyino da Mbabi mag sich im vorhinein für Werbezwecke eignen – in der Realität des Sonntagabends brockt er dem Zuschauer endlos scheinende Sekunden der Scham ein.

Aus Berti Vogts' Tatort-Cameo vor ein paar Jahren ("Es riecht nach Gas") hätte man lernen können, dass reale Fußballprominenz im Fernsehfilm einfach nicht gut aussieht (was ein klein wenig verwunderlich ist, insofern Figuren wie Zwanziger Repräsentation und ein gewisses Rollenspiel zu den Grundlagen ihres Berufs rechnen). Aber so hölzern wie der real existierende DFB-Boss hat noch kaum ein Telefonteilnehmer eine Todesbotschaft entgegen genommen, und fast wünschte man, als Zwanziger an die versammelte Tischrunde tritt und "Fadime ist tot" sagt, Herbert Reinecker hätte diese Folge noch schreiben können – dann hätten die um Bestürzung bemühten Bierhoff und Löw wenigstens antworten können: "Tot?" So sagt Steffi Jones etwas, das man genscheresk nur versteht bis zu "Theo, lass uns noch ein...", obwohl in dieser DFB-Zentrale gar keine Kleinstadt an Botschaftsflüchtlingen aus der DDR in Jubel ausbricht, um den Rest des Satzes zu übertönen. Zwanziger hat bei der Beerdigung noch einen Auftritt, der erträglicher ist.

100.000 Euro ins Phrasenschwein!

Völlig unerträglich ist dagegen, wie Im Abseits seine gesellschaftlichen Issues mit einem Bausatz aus Stanzen und Klischees bearbeitet, die damit auf den ersten Moment assoziiert werden können. Das geht beim Fußball los, wo jeder nur halbwegs bekannten Phrase zu ihrem Recht verholfen wird: Weil Trainerentlassungen häufig mit der Formel, der Trainer erreiche die Mannschaft nicht mehr, begründet werden, sagt also der fiese, anti-larsrickeneske Präsident Meingast (Bernd Gnann), der seine Trainerin Petra Krömer (Susanne-Marie Wrage) unter Druck setzen will (wiewohl die doch in Rekordzeit den Aufstieg von der vierten in die erste Liga geschafft hat – oder haben wir da was missverstanden): "Du erreichst die Mannschaft nicht mehr."

Die Trainerin spricht derweil zu und über ihre Spielerinnen, die Gefahr laufen "zu der" (sicest!) amerikanischen Profiliga zu wechseln, in Sätzen, für die sie am DSF-Fußballstammtisch samt Phrasenschwein "dereinst" (Thomas Mann) arm geworden wäre ("Das Spiel lief an ihr vorbei"). Drehbuchautor Jürgen Werner agiert wie ein Heckenschütze auf gesellschaftlicher Problemwildjagd: Draufhalten, Treffer. Die Trainerin kommt aus der "ehemaligen DDR", was schon deshalb bescheuert ist, weil man nicht weiß, wann oder was das gewesen sein soll, die "ehemalige DDR". Aber noch schlimmer wird es, weil die Bedeutung, die von solchen schlechten Zuspielen auf den Weg geschickt wird, permanent ins Leere läuft: DDR plus Leistungssport gleich Ede-Geyer-Anscheißertum mit Staatsdoping – nun hat sich die "ehemalige DDR" in allen möglichen Sportarten hervorgetan, nur im Frauenfußball nie.

Noch so eine Milchmädchenrechnung von Werners Taktiktafel, die der Handlung arge Glaubwürdigkeitsdefizite beschert: Fußball plus Kommerzialisierung gleich total dem Sport entfremdetes Business. Dass solche Entwicklungen bei den Männern besagten Larsrickenismus hervorgerufen können, mag sein – der Frauenfußball ist nur leider nach allem, was wir wissen, weit davon entfernt, sich eines Massenandrangs von VIP-Logen-Champagner-Gästen erwehren zu müssen, der unzähligen wahren Fans, als deren putziger Anwalt hier der Platzwart Rennert (Michael Lott) agiert, den Spaß am Sport verübeln könnte – was den möglichen Mordmotiven von Rennert und Meingast ihre Grundlage raubt. Werners Drehbuch macht eine Schwalbe nach der anderen und pfeift sich selbst danach Elfmeter. Es ist zum Heulen.

Ist das noch Fußball?

Denn: Was fällt Werner zu Frauenfußball ein? Richtig, Sexyness und Migrantentöchter. Und was fällt Werner zu Migrantentöchtern ein? Richtig, Ehrenmorde. Werner ballert durch die deutsche Wirklichkeit, als handelte es sich um eine Thilo-Sarrazin-Diktatur, in der unter Androhung von lebenslänglichem Heizungabdrehen-bei-gleichzeitigem-Pulloverentzug immer nur alles mit allem kurzgeschlossen werden darf. Erleichternd kommen Charaktere hinzu, die dermaßen unbeleckt von jeder Form der Reflektion sind, dass Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) sich zwar über die "Muslimenhirne" von Präsident Meingast echauffieren kann, mit ihrer Frage nach der "Deutschtürkin" zuvor aber nichts anderes als genau diese Form der Stigmatisierung insinuiert hatte. Kopper (Andreas Hoppe), der schon in der Vergangenheit als hoffnungslos zurückgebliebener, dafür aber selbstgewisser Modernisierungsverlierer auf sich aufmerksam gemacht hatte, läuft in diesem diskursiven Hauen und Stechen zu Hochform auf ("Ich bin kein Rassist, aber") und zeigt jovial seine eigene Westliche-Werte-Überlegenheit vor: "Wir haben Gesetze in diesem Land, an die muss sich halten, egal welche Hautfarbe oder Glauben er hat." Das haben Grundgesetz, BGB und StVO doch alles nicht verdient.

Ist das noch Fußball? Wenn es so wäre, dann verhielte sich dieser Tatort zum gesellschaftlichen Diskurs wie ein Viertligaspieler gegenüber einem Bundesligaprofi: Er kommt immer zu spät und muss foulen. Wir trösten uns mit Rudi Völler: "Dann soll er doch Samstagabendunterhaltung machen und kein Sport, kein Fußball."

Das einzig Beruhigende: "Der Freitag ist unschuldig."

Das einzig Lobenswerte: die Musik (Reggie Moore), die auf antiquierten Standardsoulism macht

21:45 19.06.2011
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