Woher können Sie so gut Chinesisch?

Tatort Es liegt eine gewisse Müdigkeit auf dem Gesicht der Welt: Frau Blum (Eva Mattes) feiert 10 Jahre "Tatort" mit der Folge "Nachtkrapp" . Gebührend, muss man wohl sagen

Die Schweiz hat einen neuen Satelliten ins All geschossen. Nachdem Reto "Beau Visage" Flückiger (Gubsern) zum Chef seines eigenen Tatort befördert worden ist, hat das grenzübergreifende Techtelmechtel am Dreiländerbodensee kein Ende. Matteo Lüthi (Roland Koch) am Start, der auf eine andere Weise beau ist, sonst aber eher so adventure, weshalb Perlmann ihn "James Bond für Arme" nennt. Als abgewichster Zuschauer ist man zuerst vielleicht nicht so begeistert von den Assets, die Null-Null Lüthi als Proviant schon mit auf seine Erstbesteigung kriegt – wir mögen ja Figuren mehr, die nicht mit ihrer Vorgeschichte beeindrucken müssen, sondern interessante Figuren sind. Hier zeigt Null-Null Lüthi gleich mal seine Weltgewandtheit vor, wenn er mit der chinesischen Frau Bogener (Young Shin Kim) chinesisch spricht. Frau Bogener spricht allerdings auch deutsch.

Tendenziell ebenfalls eher anstrengend – thank God, auch für Frau Blum (Eva Mattes) – ist der Kompetenzstruggle, mit dem sich Lüthi einführt. Sieht aus der Ferne halt wie Konflikt aus. Etwas nachdenklicher stimmt da der Umstand, dass es solche Auffrischungen von außen offenbar braucht, weil nach 10 Jahren und dem nunmehr 23. Fall die Verbindung aus Frau Blum und Perlmann (Sebastian Bezzel) offenbar kaum mehr Eigendynamik entfaltet. Dass der Pathologe Wehmut (Benjamin Morik) dauerhaft raus ist, ist uns erst jetzt aufgefallen.

Sonst geht nicht viel. Der Maschinenraum unserer Gefühle macht nach Nachtkrapp Dienst nach Vorschrift. Wenn man eine Definition von "nichts Besonderes" für den Tatort sucht, ist sie präziser als mit dieser Folge nicht zu formulieren: Alles mäßig, aber fürs Genervt- oder Verärgertsein zu harmlos. Man wird höchstens daran erinnert, dass der Tatort vor allem zur Beruhigung am Sonntagabend da ist und dass ihn die Kinder, die in Dortmund mittun dürfen, sowieso nicht gucken.

Armin Veh

Ganz am Anfang, als die Kinder in ihrem Sonnenhain sich bettfertig machen, noch kurzgedacht, dass die Odenwaldschule nun in der Tatort-Verwurstung angekommen ist. Sie wird aber nur gestreift vom kurzen Spot des Verdachts, der auf den zuständigen Geistlichen Franz "Armin Veh" Hobmann (Yves Raeber) fällt und von Olle Bogener (der große Hendrik Arnst) angedeutet wird ("Wie sich Pfaffen um Kinder kümmern, weiß man ja"). Wobei Olle hier auch schon komisch klingt, weil Arnst nicht recht zeigen kann, was ihn ausmacht. Es ist eine Nebenrolle in einem Sonntagabendkrimi, nichts Besonderes.

Eine anderer Stelle, an der man die Routine von Nachtkrapp bewundern kann, ist die Verteidigung seines Berufsstands durch Armin Veh ("Sie glauben doch, dass alle Priester sexuell unterversorgt sind"). Denn die taugt, bei Lichte besehen, nicht zur Verteidigung, weil natürlich alle Priester per Dienstverpflichtung aka Zölibat sexuell unterversorgt sind. Gemeint ist wohl, dass die meisten der sexuell unterversorgten Priester ways of Sublimierung finden, die nicht anderer Leute Leben beschädigt. Solchen Inkonsistenzen wird hier aber keine Beachtung geschenkt, weil man von jedem Thema eh nicht zu viel wissen will.

Halbgarheiten gibt es noch ein paar weitere in Nachtkrapp (Buch: Melody Kreiss, Regie: Patrick Winczewski), wenn nicht ausschließlich. Wie sich der Fall etwa vom Nächstliegenden ablenkt (nämlich die Verdächtigen am Ort des Geschehens zu befragen), indem er sich an diese 16 Jahre alte Geschichte von Nussbaum (Hansa Czypionka) erinnert. Und dann dauernd so einen Serienmörderding konstruieren will, wo die Fälle doch offenbar (oder haben wir was falsch verstanden) zehn Jahre auseinanderliegen und "Trittbrettfahrer" ein Konzept ist, das einem bei Päderastie nicht einleuchtet (nicht wegen der krankhaften Störung der Täter und erst recht wegen des Sinns, der damit verbunden sein soll), "Trittbrettfahren" ist doch eher in der Erpresserszene zuhause. Die Nussbaum-Figur haben wir auch nicht verstanden, und wahrscheinlich geht ihm das selbst auch so – erst auf zu Unrecht Verurteilten machen und dann Frau Blum entführen, um ihr den ganzen Abgrund aufzutun, der in ihm wohnt.

Für Empörung oder andere, stärkere Empfindungen reicht das aber alles nicht. Kann man auch mal machen, man langweilt sich halt so durch. Ein Highlight zweifellos der Postbus und die ungemein behenden Hänsel-und-Gretel-Spurlegetricks von Frau Blum.

Raus und gewonnen, vor allem aber raus. Nächste Woche Kiel again.

Ein Satz, der aus Kollegen Freunde macht: "Und Sie reißen sich jetzt zusammen und verhalten sich hübsch professionell"

Eine Aufforderung, die Wasser auf die Mühlen der Scandienstlerbranche gießt: "Kannst du mal bitte aufhören zu blättern"

21:45 07.10.2012
Geschrieben von

Ihnen gefällt der Artikel?

Themen wie die Europawahl sind brandaktuell und wollen kontrovers diskutiert werden. Bleiben Sie gut informiert - mit dem Freitag:

Abobreaker Startseite Flexi Europa

Kommentare 47

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community