Wunder gibt es immer wieder

Geschichtsverwunderung Warum wird alles, was dieses Land als Höhepunkt erlebt, ins Märchenhafte gesteigert?

In Helmut Kraussers Roman Thanatos gibt es die schöne Erfindung des "Rutaretil", das der Held des Buches immer dann einnimmt, wenn die Gegenwart ihm besonders unerträglich scheint. Dahinter steckt die Idee, dass Literatur (nichts anderes verbirgt sich, rückwärts gelesen, hinter dem "Medikament") dem Menschen das Leben retten kann. Will man dieses Prinzip ausweiten, empfiehlt sich etwa gegen die Zumutungen, mit denen das heutige Fernsehen einem mitunter den Abend vermiest, die Einnahme eines passenden Adorno-Satzes als Gegengift. Nach einem Film namens Das Wunder von Berlin, wie ihn das ZDF am Sonntagabend zeigt, könnte man sich derart ins Gedächtnis rufen: "Titel müssen wie Namen es treffen, nicht es sagen", und alles wäre klar, der Fall erledigt. Man könnte beruhigt schlafen gehen.

Leider liegt der Fall hier nicht so einfach, und das liegt wiederum an dem Titel. Das Wunder von Berlin trifft es nämlich nicht nur nicht, es sagt auch nicht, worum es in dem Film von Roland Suso Richter geht: um die letzten Tage der DDR inklusive Mauerfall. Da so ein Fernsehfilm Grenzen an Aufwand hat, findet dieses, nun ja, Drama innerhalb einer Familie statt, die fünfköpfig alles verkörpern muss, was unter DDR-Geschichte an Schlagworten im Lexikon aufgeführt wird (Stasi, Doping, Dissidenten, Heimkinder, Nazis, NVA, Kirche) - aber das soll hier ebenso wenig von Interesse sein wie der Umstand, dass die deutsche Geschichte im Fernsehen ohne Veronica Ferres und Heino Ferch offenbar nicht mehr verkörpert werden kann.

Wunderlich an diesem Film bleibt sein Titel. Ohne Kenntnis des Films würde man ihn nicht zweifelsfrei verstehen beziehungsweise würde nicht unbedingt auf einen zeitgeschichtlichen Film schließen, denn als "Wunder von Berlin" ist kein Ereignis im kollektiven Gedächtnis abgelegt. Nach Ansicht des Films kann man immerhin relativ sicher sein, dass mit dem "Wunder von Berlin" die Grenzöffnung, der Mauerfall am Abend des 9. November, gemeint ist. Relativ, weil sich diese Vermutung auf die kollektive Wahrnehmung dieses Ereignisses als eines überraschenden, einmaligen und freudigen stützt. Nimmt man dagegen die Geschichten ernst, die der Film so erzählt (Buch: Thomas Kirchner), kommt man ins Grübeln: Der Landser-und-Dissidenten-Opa stirbt an diesem Abend; der Stasi-Oberst-Vater ist, man kann es sich vorstellen, schon berufsbedingt über den Mauerfall nicht so happy; die Dissidenten-Mutter gehört einer Bürgerbewegung an, die so abgeklärt ist, dass sie die Großdemonstration auf dem Alexanderplatz am 4. November vor dem Fernseher verfolgt und mit dem Mauerfall, der naturgemäß ebenfalls nicht live erlebt werden muss, die Hoffnungen auf einen dritten Weg schwinden sieht; der Grenzsoldaten-Sohn verliert Vorbild und heimlichen Schwiegervater durch Freitod und spielt an der Grenze angesichts der euphorisierten Massen ja eher eine Statistenrolle. Einzig seine Freundin nimmt die Perspektiven eben der euphorisierten Massen ein und trifft dabei auf ihren Grenzsoldaten-Freund - sollte in dieser vom Abspann abgewürgten Begegnung das "Wunder von Berlin" bestehen?

Der Etikettenschwindel, den der Film präsentiert, macht stutzig. Wenn man in der Filmgeschichte nach Werken sucht, die das Wort "Wunder" im Titel tragen, stößt man etwa auf George Seatons Das Wunder von Manhattan (1947) oder Vittorio de Sicas Das Wunder von Mailand (1950). Beides Filme, die märchenhaft sind, weil sie eine Realität zeigen, die es in Wirklichkeit nicht gibt, und sei es nur, weil hier dem Guten und der Güte zum Triumph verholfen wird. In Das Wunder von Berlin triumphieren lediglich die bereits erwähnten euphorisierten Massen am Ende, aber von denen handelt der Film nicht. Prognosen über die - anders kann man sich ein Nebeneinander solch unterschiedlicher Weltauffassungen auch nicht vorstellen - zerrüttete Familie und ihren Weg ins vereinigte Deutschland lassen sich schwer treffen; es ist aber nicht davon auszugehen, dass der Mauerfall in seiner Eigenschaft als Wunder hier eine Rolle spielt - im Guten wie im Schlechten.

Die Diskrepanz zwischen dem Film und seinem Titel lässt also zwei Überlegungen zu. Die erste lenkt den Blick zu den Marketingstrategen, die sich, um der überfrachteten Familiengeschichte ihren Platz im Walhalla der Programmzeitschriften zu sichern, diesen Schwachsinn haben einfallen lassen. Ein Titel wie Das Wunder von Berlin verbunden mit dem irgendwie ausgeworfenen Köder, dass dabei der Mauerfall vorkommt, zielt direkt auf das Herz des Zuschauers, der sich noch einmal im Rausch der besonderen Nacht wähnen möchte. Und verfehlt dabei wissentlich den Umstand, dass es sich bei dem solcherart verkauften Werk um den gleichen Murks handelt, den der gebeutelte Fernsehzuschauer erst jüngst über sich ergehen lassen musste etwa in Form von Die Frau vom Checkpoint Charlie. Ebenfalls mit Veronica Ferres.

Die zweite Überlegung ist die interessantere. Sie führt zu der Frage, welches Bild der Geschichte die medialen Darstellungen von ihr zeichnen. Ein wunderbares, ließe sich kurzerhand spotten. Im vergangenen Jahr zeigte wiederum das ZDF eine nachgestellte Version der Landshut-Entführung, die unter dem Titel Das Wunder von Mogadischu im Fernsehen zu sehen war. Diese Namenswahl ist, gleich der des Berliner Wunders, absurd, allein deshalb weil das "Wunder von Mogadischu" ja eigentlich ein Rubrum hat. Der "Deutsche Herbst" und alles, was damit zusammenhängt, bildet ebenso wie die "politische Wende" von 1989 einen Katalog an Namen, über die bisweilen diskutiert werden kann und deren häufiger Gebrauch womöglich auch für Überdruss gesorgt hat - die aber von eigenem Charakter sind. Das lässt sich vom Begriff des Wunders nicht behaupten, vor allem wenn es inflationär verwendet wird. Warum also Wunder?

Der Blick auf die überschaubare bundesrepublikanische Geschichte lehrt, dass das Wunder sich dort einiger Verbreitung erfreute. Zu den Top 3 wären wohl "Wirtschaftswunder", "Das Wunder von Bern" und "Das Wunder von Lengede" zu zählen, von denen die beiden letzteren schon Film geworden sind; dazu kämen "Fräuleinwunder", "Filmwunder" und andere Subwunder. Nun muss man nicht die Katholischen Kirche sein, um festzustellen, dass nicht alles, was in der (bundes)deutschen Geschichte so heißt, tatsächlich - um eine sehr grobe Erklärung des Wunders zu nutzen - vom Himmel gefallen ist. Das Wirtschaftswunder resultierte aus einer bestimmten Politik, für die Ludwig Erhard ebenso Anerkennung fand wie Sepp Herberger für seine taktischen und sonstigen Finessen bei der Fußballweltmeisterschaft 1954; auch wenn man dem Spiel einen Anteil an Unberechenbarem zuerkennen muss und der Finalsieg über die Ungarn eine Überraschung war, so erzählt Sönke Wortmanns Film über Das Wunder von Bern ja gerade auch die Geschichte des ausgefuchsten "Chefs" Herberger, um dennoch auf das "Wunder" zu pochen.

Tritt man noch einen klitzekleinen Schritt weiter zurück in der Geschichte, trifft man wiederum auf Wunder. Dass ein Wunder unerwartet eintritt, heißt ja nicht, dass man es nicht herbeisehnen kann wie die Nazi-Propaganda die V2 oder Zarah Leander in ihrem Lied: "Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh´n". Dass dieser Vorstellung vom Wunder ein Denken des Nationalstaats vorausgeht, das heute obsolet ist, und ein Selbstbildnis vom "Dritten Reich" zugrunde liegt, in dem Begriffe wie Schicksal, Volk und Führer Politik machten, eröffnet einen - womöglich spezifisch deutschen - Begriff vom Wunder. Das Wunder enthebt nicht nur Politik (oder in diesem Falle Kriegsführung) der Sphäre der Vernunft und überantwortet sie einem Bereich des Irrationalen; das Wunder suggeriert hier auch Erlösung: Wenn es eintritt, werden die anderen sich schon wundern.

Dieses, vorsichtig gesagt, Angeberisch-Besserwisserische am Wunder verschaffte sich Geltung in dem Satz, der mit Wiederaufbau und Fußballweltmeisterschaft 1954 untrennbar verbunden ist: "Wir sind wieder wer!" Solcher Chauvinismus raubt dem deutschen Wunder seine, Roman Herzog würde sagen, Unverkrampftheit. Das Wunder verursacht anders als in George Seatons rührendem Film über den Weihnachtsmann nicht Verzückung und verpflichtet zu Harmonie und Dankbarkeit - das Wunder deutscher Prägung fordert Respekt für die Leistung, die es bezeichnet. Derart steckt im Wunder immer das gefühlte Einklagen von Reparationszahlungen der Sieger an den Besiegten. Die Währung wäre eben: Respekt.

Von solchem Denken ist die neuerliche Begeisterung für das Wunder nicht frei. In dem Zwang, alle gelungenen Momente jüngster deutscher Geschichte (Wiederaufbau, Fußballweltmeisterschaft, GSG-9-Einsatz, Mauerfall, Fußballweltmeisterschaftsaustragung, Handballweltmeisterschaft) immer gleich als Wunder oder Märchen feiern zu müssen, kann man noch immer einen abgrundtiefen Pessimismus spüren, der sich eben ironiefrei an "Sommermärchen" berauscht oder sich Kampagnen zur Selbstermannung verschreibt ("Du bist Deutschland"). Der Essayist Friedrich Dieckmann hat in einem Aufsatz unter dem Titel Was ist deutsch? im mangelnden nationalen Selbstgefühl, "in dem man die Kehrseite der im 17. Jahrhundert über das Land hereingebrochenen Demütigungen, Verluste und Verwüstungen sehen kann", eine politisch und kulturelle Gefahr benannt, die sich durch die Zeiten schleppe und "in kritischer Lage zum Umschlagen ins Gegenteil, die nationale Hybris, tendiert: dann tritt der manische Charakter als Kehrseite des depressiven hervor."

Die Verwunderung der deutschen Geschichte durch den medialen Betrieb ist von nationaler Hybris sicher weit entfernt. Aber man kann in der Verwandlung von Geschichte in einen Märchenwald, in der durch plötzlich hereinbrechende Wunder die Kontinuität von Abläufen suspendiert und Zusammenhänge vereinfacht werden, durchaus ein Projekt der Entpolitisierung und des Schönredens sehen. Werfen wir sicherheitshalber noch einen "Onroda" ein: "Aufklärung schlägt in Mythologie zurück."

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