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Tatort Die Bremer Folge "Er wird töten" hat ADS: Leo Uljanoff macht schon wieder den Abgang, Tante Lürsen (Sabine Postel) trauert und Stedefreund (Oliver Mommsen) hat Trauma

Vielleicht überfordern wir den Tatort ja auch mit unserem Wunsch nach steter Begleitung durch die Sonntagabende im Jahr, nach Zuverlässigkeit, Routine und nur ein wenig Abwechslung, denn am Ende ist der Tatort doch nur Fernsehen und schert sich nicht um die Möglichkeiten, die er zur wahren Größe hätte. Und deshalb kann hier Wilhelm Hauff zitiert werden: Gestern noch auf stolzen Rossen, heute durch die Brust geschossen. Leo Uljanoff (Antoine Monot jr.) nimmt nach nur einer Folge schon wieder raus als neuer Kollege von Tante Lürsen (Sabine Postel) und Stedefreund (Oliver Mommsen): Er wird rücklings beim Urinieren erstochen, wobei das Messer so genau sitzt, dass er nicht dran kommt mit den Händen, um es rausziehen.

Und das war's dann eben, wo man als Zuschauer womöglich kurz fürchtete, sich auf diese Figur längerfristig einstellen zu müssen. "Ist besser so" (Rudi Völler), könnte man meinen, weil – schon der Name von – Uljanoff völlig überdeterminiert war mit Lustigkeit und Extravaganz (dass er so Big Lebowski-like bowlen muss mit schickem Namen und eigener Modelinie) und eben auch mit der Love, die in the Air war bei Tante Lürsen, zumal in dem engen zeitlichen Rahmen. Das rüttelt an den Fundamenten unseres lazy Fernsehguckertums und lässt nervös nach der Medikamentendose rumpatschen auf dem Couchtisch.

Solche Gefühle produzieren die Fragen, die sich ans Format stellen. Für eine Reihe, die auf Erzählung setzt, ist Uljanoff eine Totgeburt, das Zirkuspferd, das man in die Manege jagt, wenn das Publikum einzuschlafen droht – Poochie, wie so was bei den Simpsons mal schön hieß. Andererseits ist Fernsehen vielleicht grundsätzlich der Feind von Gedächtnis, eine performative Totalamnesie, bei der es jetzt und hier und für diesen Moment schon reicht, wenn was los ist, und sei es durch Poochie Uljanoff.

Engel der Nacht

Das Tolle an der Bremer Folge Er wird töten ist nun, dass, weil viel Revier ist, man all die Leute sehen kann, die – weniger knallig – vor Uljanoff für Aufregung aka Konflikt sorgen sollten: die Lürsen-Tochter (Camilla Renschke), Karlsen (Winfried Hammelmann), der Gerichtsmediziner (Matthias Brenner) – alles grau gewordene Ideen von Belebung, und einen Chef zum Rumstressen gibt's ja auch noch.

Das Verdienst von Uljanoff wird einmal darin bestanden haben, Stedefreund in den Afghanistaneinsatz getrieben zu haben, so wie der in der letzten Folge als Falschgeld rumlief, während Love Leo Urständ feierte. Aus dem Einsatz ist der Lürsen-Assistent nun zurück und hat, surprise, surprise, ein Trauma mitgebracht, das sich unter anderem in relativ zügigem, nicht erklärtem Zuschlagen als Engel der Nacht an natürlich irgendwie richtiger Stelle artikuliert. Sonst ist das mehr so nach innen.

Worüber wir dann wieder ganz betrübt werden, denn Trauma aus Afghanistan mitbringen ist so mit Ansage, dass man sich fragt, ob die Bundeswehr-PR der ARD da nicht reinredet (Buch: Christian Jeltsch, Regie: Florian Baxmeyer, wie beim letzten Mal, es wurde ja auch direkt im Anschluss gedreht, neuester Scheiß zur Kostenreduktion), dass Stedi als quasi im Auftrag von gesamtgesellschaftlichen Stimmungslagen am Hindukusch erzählt werden muss.

Zwillingstäterpotential

Gegen Afghanistan und Trauma kann man schlecht was sagen, wir hatten das seinerzeit an einer Folge aus Sarrebruck mal ausgeführt. Schon deswegen konzentriert sich unsere Verzweiflung auf diesen lausigen Move, Stedefreund nach wasweißich wie vielen Jahren an eine Crisis zu erinnern, die mit Do-Gooding (das ist wirklich mal ein wichtiger Anglizismus) gröbsten Zuschnitts bearbeitet werden muss – ob es zur Figur passt oder nicht. Es ist jetzt also was los in Bremen, und wir freuen uns schon auf den ersten Regisseur, der diesen Kram als Persönlichkeitsprofil von Stedefreund einfach unter den Tisch fallen lässt.

Und der Fall, ach ja der Fall – er ist so. Das kriminalästhetische Potential von Zwillingen scheint mit dem Auftritt von Joseph und Robsie Vegener (welch' ein Name in der Sichtbarkeitsbranche Schauspiel: Peter Schneider) noch nicht ausgeschöpft, er/sie haben aber einen eigenen Tonfall und das Verfolgungsgerenne entfaltet eine gewisse Dynamik. Die Kamera von Marcus Kanter kann etwas, wir rätseln nur die ganze Zeit, ob es totaldauermoserhaft oder eh egal ist anzumerken, dass diese schön theaterbühnenschwarz abgehängten Revierverhörszenen schon schick sind, in ihrem ungefähren Stylekalkül aber auch müde machen, wo man den Eindruck haben kann, dass der Tatort immer auf solche Lösungen verfällt, wenn's mal innert und intensiv werden soll. In Berlin zu Beginn des Jahres hat uns das jedenfalls mehr eingeleuchtet.

Gar nicht verstanden haben wir die Anfangsszene mit Tante Lürsen und ihrem Liebhaber, was das für ein Rahmen im Dämmer zwischen Spiel und Figurenerklärung gewesen sein soll.

Ein Treuebeweis, den wir so nicht erbringen würden: "Die Kollegen machen gute Arbeit, dafür halte ich meine Hand ins Feuer"

Eine Frage, die öfter gestellt werden sollte: "Wer hatte Funghi?"

21:45 09.06.2013
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