Zwischen Dubai und Nashville

Festival Die 51. Viennale in Wien bestach durch eine angenehm subjektive Auswahl der Filme. Ein Bericht

Wozu kommt man auf ein Filmfestival? Um Filme zu schauen, die anderswo noch nicht zu sehen sind? Das Streben nach Exklusivität steht auf dem zweiwöchigen Wiener Filmfestival zurück zugunsten einer angenehm subjektiven Filmauswahl, die sich Beiträge der A-Festivals (Berlin, Cannes, Venedig) gestattet und subjektive Zugriffe auf die Filmgeschichte erlaubt (John Ford, Budd Boetticher, Larry Cohen). Diese Mischung fand ihre Grenze durch die Vorführung des Essayfilms The Dubai in me des Berliner Komponisten Christian von Borries – in der leichten Empörung einer Zuschauerin zumindest.

The Dubai in me ist nämlich, als Beitrag im Streit um Leistungsschutzrechte im digitalen Zeitalter, für jedermann kostenlos im Internet anzuschauen (the-dubai-in-me.com). Was besagte Zuschauerin zur Saalflucht veranlasst hat, erwartete sie vom Kino doch offenbar etwas, das man nicht auch im Internet finden kann. Dabei geht es bei The Dubai in me nicht um das Wie einer ästhetischen Erfahrung, sondern um die Ermöglichung der Erfahrung überhaupt. Und die ist, wo auch immer, ratsam: Mit medial hochstehendem Bewusstsein von sich selbst verortet Borries’ Film den Komplex, der Dubai ist, in den finanzökonomischen, geopolitischen und bildmedialen Zusammenhängen unserer Welt. Etwa in einer langen Fahrt durch unbewohnt scheinende Häuserwelten, die genauso gut animiertes Google Street View sein könnte.

Das Schauen auf DVD empfahl der amerikanische Horrorfilmemacher Larry Cohen den Zuschauern seines Films God told me to von 1976, weil die vorgeführte Filmkopie mit ihren Farbstichen und Kratzern die Spuren der Zeit nicht leugnen konnte. Einen Effekt, den Harmony Korine forciert hat. Korine, der vor zehn Jahren Darling eines amerikanischen Independent-Kinos war, das sich um Geschichten und professionelle Schauspieler wenig scherte, hat Trash Humpers auf VHS gedreht und das Material mutwillig beschädigt: In der Ästhetik des Heimvideos besteht der Film aus flächigen, farbschwach-gleißenden Videobildern, die unvermittelt abbrechen.

Trash Humpers funktioniert wie eine grobschlächtig-poetische Variante von Jackass: Drei als Greise maskierte Darsteller sind mit dümmlich-sexualisierten Jungenstreichen beschäftigt. Je öfter Laien ins Spiel kommen, desto deutlicher ist das Treiben der „Greise“ erkennbar als Grundierung für ein Portrait von Menschen, für die andere den Begriff white trash verwenden: Männer aus Korines Heimatstadt Nashville, mit Ansichten, die man nicht teilt, und Leben, die man nicht leben will. Korine wertet das „Andere“, das seine Laien zum konventionellen Leben sind, allerdings nicht ab durch Sinn und Moral, sondern begreift diese Lebensentwürfe und Weltsichten allein ästhetisch.

Einen herausragenden Beitrag bildete Kelly Reichardts Spätwestern Meek’s Cutoff, der wirklich ein Spätwestern ist, weil er die Bewegung der Siedler und deren Begegnung mit den Ureinwohnern aus einem heutigen Bewusstsein verfolgt.

Das rote Zimmer heißt der neue Rudolf-Thome-Film, der ein Thome-Film ist wie andere Filme vorher Thome-Filme waren (ein Kussforscher zwischen zwei jungen Liebesforscherinnen). Weil darüber bei der Uraufführung im Publikumsgespräch aber munter gestritten wurde („Männerfantasie! CDU!“), zugleich die Kommunikation zwischen Bühne und Saal immer wieder misslang, ergab sich eine heitere Verwirrung, wie man sie womöglich nur auf einem Filmfestival wie der Viennale finden kann.

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13:13 10.11.2010
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Ausgabe 41/2021

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