100% gegen die Bürger-Teilung

Stadtentwicklung 100% Tempelhofer Feld befindet sich mit Mensch und Maus im Endspurt der Mobilisierung zum Volksentscheid am Sonntag. Der Senat provoziert derweil mit „Aufklärung“
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Die Initiative 100 % Tempelhofer Feld bewirbt im Endspurt vor dem anstehenden Volksentscheid am kommenden Sonntag mit den begrenzten finanziellen und personellen Mitteln der Demokratie von unten der Bürger_innen faule Hintern sich zu erheben, um den lange erkämpften Volksentscheid am Sonntag zur Erhaltung des Tempelhofer Felds in seiner jetzigen Form zu unterstützen. Aktivist_innen stehen nahezu täglich an den Zugangspforten zum Feld, verteilen Flyer vor Ort und in Kneipen, sprechen mit den Leuten. Letztere aber haben oft – den Einweggrill im Anschlag, die Wiese schon im Blickfeld – keine Zeit beziehungsweise Lust, sich mit dem drohenden Fanal der Bebauung zu befassen. Man lebt jetzt und das heißt heute Nachmittag in der Sonne.

Dabei, so sollte man meinen, handelt es sich eigentlich doch um das ureigenste Interesse der Bürger_innen sich selbst einen Platz zum Atmen zu erhalten, im wahrsten Sinne des Wortes. Wo sonst können die Berliner_innen insbesondere aus den angrenzenden Stadtteilen Neukölln, Kreuzberg und Tempelhof in unmittelbarer Nähe Wiese riechen, Weite sehen und Vögeln lauschen, wie es die Initiative mit einer herzerwärmenden Plakataktion so rührig bewirbt.

Ungleiche Kämpfe um ein Stück Nah-Erholung

Zwar haben die Initiative beziehungsweise der Volksentscheid beziehungsweise wir alle den Vorteil, dass dieser parallel zur Europawahl durchgeführt wird. Anders als beim extrem knapp am 25%-Quorum gescheiterten Volksentscheid zur Rekommunalisierung der Berliner Energieversorgung, der separat zur damals ebenfalls anstehenden Wahl zum Deutschen Bundestag organisiert wurde, stehen also die Chancen weit höher, entsprechend potentielle Wähler_innen zu mobilisieren. Allerdings gilt das auch für die Gegenseite, die parallel über ihren rot-schwarzen Senatsentwurf der Betonierung und Verwertung des Felds abstimmen lässt.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Chancen in so ungleichen Kämpfen zwischen etablierter Macht und Volkes Stimme ohnehin extrem ungleich verteilt sind. Allein der Wahlkampfetat der Etablierten, welcher die Europawahl finanziert, zeitgleich aktuell aber an den Zufahrtswegen zum Feld zur Bewerbung des rot-schwarzen Senatsentwurf zweckentfremdet wird, steht in keinem Verhältnis zum Budget einer grass-roots-Initiative. Letztere, aber das nur nebenbei, hat jedoch die 100% sympathischeren und glaubwürdigeren Wahlplakate. Wers nicht glauben mag: einfach mal in die unendliche Weite des Felds stürzen! Das könnte morgen schon vorbei sein. Und dann?

Mal Klartext: eine Saustelle das hier!

Es geht um alles oder nichts. Der gemeine Berliner Feld- und Wiesenmensch macht keine Kompromisse. Während dem einen der drohende Entzug einer riesigen, der Selbstbespaßung frei zugänglichen Brachfläche offenbar piepegal ist, solidarisieren sich andere mit Feldlerche, Hase und Igel. Einige darunter, genügend viele hoffentlich, werden davon am Sonntag zur Urne schreiten. Anderen Sympathisanten des „Stillstand“ – so die Wahlkampfansage der SPD zum Volksentscheid – war die etablierte Parteien- und Volksvertreter_innen-Politik schon immer suspekt. Sie finden ihre ganz eigene, „unsere Form der Bürgerbeteiligung“ (Sprühspruch auf der Rückseite des Info-Glaskastens nach der Attacke auf selbigen Mitte April). Am Ende bleibt nur das Wort: Aus der Schaustelle puzzelten unbekannte Aktivist_innen kurzerhand die Losung Saustelle auf den Kasten (mittlerweile bereinigt).

Guckst du: Schaustelle vor der Baustelle

Um die Bürger_innen darüber „aufzuklären“, einen vermeintlich drohenden Stillstand - was genau wäre daran eigentlich das Problem?? - auf dem Feld zu verhindern, setzte das offizielle Berlin ersteren dazu Anfang April provokativ einen Glaskasten vor die Nase, der nicht nur dem Blick auf den Sonnenuntergang die Weite nimmt, sondern schlichtweg einen besonders perfiden Versuch der Entmündigung und Geschichtsfälschung darstellt. Man war sich von Seiten der Senatsverwaltung auch nicht zu schade sich darüber hinaus noch dazu zu entblöden, dem Ganzen die Aufschrift „Schaustelle Bürgerbeteiligung“ zu verpassen.

Frei nach dem Motto: „Ihr wisst nicht, dass ihr eigentlich wissen solltet, dass unseres Erachtens nach die Unverwertbarkeit des Felds gegen eure Interessen ist – nun gut, vielleicht habt auch ihr recht. Aber wir die Macht!" Und so materialisierte sich die geballte Arroganz der Berliner Demokratie von oben in einem Glaskubus mit lustig-bunten Info-Tafeln. Der Kasten nimmt seitdem nicht nur die Sicht auf die Landebahn und den Sonnenuntergang sondern provoziert noch zynisch mit Informationen einer ganz spezifischen Auslegung von Bürgerbeteiligung à la „Seit 2007 im Dialog“. Ein seit 2007 "kontinuierlich" geführter "partizipativer Dialog mit [sic!] den Bürgerinnen und Bürgern"?

Geschichtsstunde Demokratische Mitbestimmung

Der Dialog nach Schließung des Tempelhofer Flughafenbetriebs 2008 sah allerdings so gar nicht nach Dialog aus. Zur Erinnerung: Zunächst wurde das Feld quasi-militärisch abgesperrt, u.a. mit Nato-Stacheldrahtzaun und hoher Polizeistreifenfrequenz um das Gebiet. Wohlgemerkt: um eine leerstehende innerstädtische Wiese und brachliegenden Asphalt vor den Bürger_innen zu schützen. Als das Bündnis Squat Tempelhof 2009 zur Massenbesetzung des Felds aufrief eskalierte die Situation kurzerhand: ein Großaufgebot der Polizei war u. a. damit beschäftigt, aktivistische Clowns in Gewahrsam zu nehmen, sich in der Arroganz der Staatsmacht zu sonnen und insgesamt über 100 Demonstrant_innen zu verhaften, die für eine Öffnung des Felds auf die Straße gingen. Dialog sieht anders aus.

Seit 2010 erst ist das Feld nun relativ frei – über Nacht wird es geschlossen und tagsüber patroullieren einige wenige von der Senatsverwaltung in Auftrag gegebene Sicherheitsmitarbeiter – zugänglich. Und wird seitdem von Massen an Menschen freizeitmäßig in Beschlag genommen. So viel Freiheit und Anarchie war nie. Wers nicht glauben mag: einfach mal Rollbrett oder Rad gepackt und übers weite Feld gedüst – keine Verkehrsschilder, keine Ampeln, - keine Regeln? Falsch, es finden ständig Aushandlungsprozesse statt, verbaler und non-verbaler Art. Basisdemokratie respektive Anarchie, je nach Lesart. Links- oder Rechtsverkehr? Egal, Hauptsache wir werden uns einig. Und in 99% aller Fälle klappt das auch hervorragend.

Diesem letzten Hort der profitfreien Freizeitgestaltung und der friedvollen Begegnung von Menschen ganz unterschiedlicher sozioökonomischer und –kultureller Herkunft im Kiez droht das Aus. Daher versteht sich dieser Kommentar als ein, wenngleich pamphletoformer Aufruf, am Sonntag den Hintern Richtung Wahlurnen zu bewegen und für den Volksentscheid der Initiator_innen von 100% Tempelhofer Feld zu stimmen – und explizit (Nein-Stimme!) gegen den Entwurf der Berliner Senatsverwaltung. Sonst ist bald Schluss mit Wiesenmeer für alle!

Viel Anstrengung ist dafür nicht nötig, höchstens für die Allerbeschäftigsten den anstehenden Weekender-Clubbesuch für den Gang zur Wahlurne am Sonntag kurz zu unterbrechen. Diese könnten auch vorab noch die Möglichkeit der lokalen Briefwahlstellen ( bis Freitag) in den Bürgerämtern nutzen oder die Briefwahl noch ganz oldschool mit der Post abzuschicken. Denn der Berliner Senat wird sich weder für Vögel, Freiwiesen oder Erweiterung des Horizonts einsetzen, sondern ganz im Gegenteil, das traditionelle Ziel verfolgen, eine weitere städtebauliche Leerstelle in Beton und kapitalistische Verwertbarkeit umzuwandeln. Es drohen 100% „Bürger-Teilung“, wie der neuerdings modifizierte Glaskasten verkündet. Und zwar in jene, die sich Zugang zum Grün leisten können und den Rest des Pöbels. Dies gilt es mit aller Entschlossenheit zu verhindern - nicht zuletzt auch der Feldlerche zuliebe, die keine Stimme hat.

Kommenden Sonntag, den 25. Mai 2014, sind alle wahlberechtigten Berliner_innen aufgerufen, am Volksentscheid für 100% Tempelhofer Feld abzustimmen. Es gilt ein Quorum von 25% gültigen Stimmen. Explizit zu erwähnen ist an dieser Stelle, dass es nicht alleine ausreicht, den Entwurf des Volksentscheids mit JA anzukreuzen, sondern zudem den Gegenentwurf des Berliner Senats mit NEIN anzukreuzen, um eine klare Botschaft an die Arroganz der selbsternannten Stadtplaner_innen zu senden!

Besonderer Dank der Autorin gilt: Der Schönheit der Natur. Der Feldlerche. Der gemeinen Wühlmaus. Hase, Fuchs und Igel. Und dem ganzen anderen Gesocks.
01:11 22.05.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

me goetz

..allergic to patriarchy
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me goetz

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