Militarisierte Zone

Bundeswehr. Jugendliche, die vergangenes Wochenende die Lifestyle- und Karrieremesse YOU in Berlin besuchten, sahen sich der Charmeoffensive bundesdeutscher Streitkräfte ausgesetzt.
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Vergangenes Wochenende fand in Berlin wieder die alljährliche Jugend-Messe „YOU.“ statt. Die „Leitmesse für Jugendkultur“ richtet sich in ihren zwei Ausstellersparten dem eigenen Vernehmen nach an „erlebnisorientierte“ junge Menschen („music.sports.lifestyle.“) und solche, die sich Richtung Beruf und dem was-kommt-nach-der-Schule noch grundlegend orientieren müssen („Bildung.Karriere.Zukunft“). Action und Entertainment allerorten, da darf auch die neue Anwerbe- und Rekrutierungsstrategie der bundesdeutschen Kriegsmaschinerie nicht fehlen, die diese Sparten mühelos und gekonnt zu verknüpfen weiß. Kein Wunder, ist doch mit dem Ende der Wehrpflicht auch dieser scheinbar so attraktive Arbeitgeber bestrebt, geeigneten Personalnachwuchs zu werben.

Wenn man die verschiedenen Messehallen auf dem Gelände der Messe Nord/ICC alle durchlaufen hatte, konnte man zunächst den Eindruck gewinnen, dass das Aussteller_innen-Angebot recht willkürlich zusammengewürfelt ist. In der ersten Halle, direkt hörbar am Foyer werden die Besucher_innen mit knatterndem Motorenlärm ohrenbetäubt. Informationsgrad null, die waghalsigen Stunts der Motorcross-Biker mögen auf Jugendliche immerhin recht beeindruckend wirken. Den begleitenden Eltern werden sie wohl eher einen Schauer über den Rücken jagen bei dem Gedanken, Töchterchen oder Sohnemann könnten sich mit derartigem Lifestyle anfreunden – und womöglich irgendwann das Genick dabei brechen. Dazwischen die obligatorischen Fressbuden zu gewohnt überhöhten Messepreisen, die das Taschengeld der Besucher_innen vermutlich ganz schön überstrapazierten.

Zwei weitere Hallen bieten Unternehmen, Radiosendern und der Bundesagentur für Arbeit die Möglichkeit, sich in Szene zu setzen. Ob erstere überwiegend daran interessiert sind, ihr Produkt der avisierten Zielgruppe der pubertären Konsumjunkies näherzubringen oder auch Infos zu Karriere und Zukunft im eigenen Konzern vermitteln, bleibt nicht nur bei Ständen wie dem von Fanta mit seinem Fun-Programm offen. Dazwischen einige Eventbühnen mit C-Promis und typischer Casting-Show-Atmosphäre. Interessant wird es allerdings in der hintersten, der großen Halle. Hier ist Action angesagt. Rettungsdienste, Polizei, Bundespolizei und die deutsche Armee geben sich ein Stelldichein. Hier darf die Jugend Hand anlegen und sich austoben: Puppenherzen pumpen bei der DLRG, Hütchenstapeln mit dem väterlich-strengen – „ditt kannste besser! mach noch ma‘!“ – Polizeiuniformträger oder mit der Besoffenenoptik-Spezialbrille den aufgezeichneten Slalom entlangtorkeln. Und erst hier konzentrieren sich auch die Informationen, die in zweitere Sparte passen.

Den größten Raum nimmt in dieser Halle dabei allerdings die Bundeswehr ein. Großbildschirmwand inklusive Bühne und Dauermoderation, Tarnfarben-Rettungsschlauchboot und -Zelt sowie ein kleiner Fuhrpark aus diversen Militär- und gepanzerten Geländefahrzeugen („Eagle IV“) füllen das Abenteuerversprechen der kämpfenden Einheiten mit greifbaren Inhalten und die Halle bis in den letzten Winkel aus. Infoschilder klären interessierte Leser_innen über Technisches auf. Während die Acht- bis geschätzt Zwölfjährigen munter rauf- und runterklettern, einsteigen, aussteigen und das Gummiboot zur Hüpfburg umfunktionieren, stehen zig Jugendliche vor und einige auf der Bühne, wo nach dem Ausschlussverfahren zwischen vier bis sechs mögliche Antworten auf hochsimple Fragen zu Chancen und Möglichkeiten ‚beim Bund‘ zu wählen ist und so spielerisch der Weg in die Köpfe der potentiellen Armee-Bewerber_innen promotet wird. „An wen wende ich bei Fragen zu Berufs- und Karrieremöglichkeiten bei der Bundeswehr?“. Klar doch, an den_die „Karriereberater/-in der Bundeswehr“. An wen wende ich mich allerdings bei Fragen zu Risiken und Nebenwirkungen einer „Karriere“ beim Bund?

Allerorten stehen in diesem Entertainment-Camp stramme, agile Berufsvertreter_innen geschlechterparitätisch besetzt zum Anfassen und Ausquetschen herum. Die Bundeswehr gibt sich mittlerweile ja sehr modern. Gendermainstreaming verankern, Vereinbarkeit von Beruf und Familie gewährleisten und hier insbesondere Kita-Plätze für den Soldat_innen-Nachwuchs zur höchsten Priorität erklären, werden auf Betreiben der neuen obersten Heeresleitung auf Ministerebene, unter Ursula von der Leyen, medienwirksam implementiert wie ausgebaut. In der Darstellung dieser nahezu paradiesischen Arbeitnehmer_innen-Zustände für Eidleister_innen wie auch auf der Ausstellungsfläche vor Ort fehlt stringent bloß immer ein scheinbar unbedeutendes Detail: Bundeswehr heißt Kriegsdienst und Auslandseinsätze. Oder wie Bundespräsident Gauck nicht müde wird euphemistisch zu agitieren: „mehr Verantwortung Deutschlands in der Welt“ zu übernehmen. So wird das kriegsunlustige Volk eingelullt. Der jungen Generation dient man sich mit Entertainment und Karriereversprechen an, wohlwissend, dass Ausbildungs- und Arbeitsplätze knapp sind.

Kritisches Nachhaken ist vor Ort auf der Messe allerdings eher nicht so beliebt und wird auf Nachfragen hin mit kaum verhohlener Missbilligung in Ausdruck und Mimik abgebügelt. Ob es nicht irgendwie auch problematisch sein könnte, in dieser mitunter sehr jungen Altersgruppe schon die Weichen auf Armee zu stellen, möchte die Autorin von einer blonden Uniformierten mit überspanntem Dauerlächeln wissen, welche offenbar für den Erstkontakt ans Infozelt als Ansprechpartnerin beordert ist. Das Lächeln gefriert zu Eis und man verweist wiederum auf besagte_n Karriereberater_in.

Bundeswehr heißt Krieg, früher oder später, vor oder während der vielversprochenen Karriere in Uniform. Zu keinem anderen Zweck halten sich Staaten ihre teuren Truppen, welche ja weder produktiv sind noch sonst irgendwie unmittelbar Profit abwerfen oder Einnahmen für die Volkswirtschaft generieren. Krieg selbst aber klingt direkt abstoßend. Daher sind Kriegsstrategen heute eben genauso erfolgreiche Strategen, wenn es um das eigene Marketing geht. Es liegt nahe, das ausgeprägte Lifestyle-Bedürfnis der konsumorientierten Jugend mit Werbe- und Rekrutierungsmaßnahmen zu verknüpfen und so langfristig den Truppennachschub an Nachwuchs zu sichern.

Und so verwundert es auch wenig, dass die Bundeswehr als einziger Aussteller offenbar mühelos noch den Spagat zwischen den beiden genannten Ausstellungswelten hinlegt. Das Budget für derartige Einsätze an der Heimatfront wurde im Übrigen allein zwischen 1998 bis 2012 um mehr als 19 Mio. Euro aufgestockt. Action und Lifestyle kombiniert mit dem Versprechen kostenloser Ausbildung und krisensicherer Jobs locken eben womöglich wieder vermehrt junge Menschen zum Dienst an der Waffe.

Die Bundeswehr organisierte dazu eigens sogenannte Sommercamps, die Abenteuer am Hochseil und im Zeltlager in den Bergen suggerierten, prospektiv jedoch vor allem dazu geeignet schienen, Berührungsängste mit dem Militärischen abzubauen und Jugendliche schon früh psychisch-emotional dahingehend zu aktivieren, in künftige Berufsüberlegungen die Option Bundeswehr miteinzubeziehen. Nach einem medialen Aufschrei und Kritik in diversen deutschen Leitmedien (u. a. SPIEGEL, Süddeutsche, ZEIT und Tagesspiegel) an einer Kooperation des Jugendmagazins „Bravo“ mit der Bewerbung von Bundeswehr-Adventure-Camps ist letztere deutlich in die Kritik geraten, mit der Folge, dass die Werbetrommel hierfür seitdem nicht mehr so aggressiv gerührt wird. Seit geraumer Zeit allerdings schon touren sogenannte Jugendoffiziere im Dienste ihres Arbeitgebers durch die Schulen des Bundesgebiets und „klären“ unter dem Deckmantel einer demokratisch-transparenten Selbstverpflichtung über „Sicherheitspolitik“ und nebenbei ganz offen über Ausbildungs- und Karrieremaßnahmen bei der Bundeswehr „auf“.

Vor dieser zunehmenden Militarisierung der Gesellschaft bis hinein in Schule und Kinderzimmer warnen nicht nur besorgte Eltern- und Lehrerinitiativen oder machen als Spinner_innen verschrieene Antifa-Aktivist_innen mobil. Auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) organisiert – unter Verweis auf die deutliche Kritik des UN-Fachausschusses für die Rechte des Kindes am deutschen Staatenbericht – Protest gegen diese schleichende Militarisierung schon unter den Jüngsten der Gesellschaft. Nach UN-Definition gelten als Kind und damit besonders schützenswert im Übrigen alle noch unter-18-Jährigen. Auch wenn die aktuelle Bundesregierung das bislang anders sieht und sich hinter diese Art der Werbe- und Rekrutierungsmaßnahmen stellt, indem sie auf den „Umstand“ verweist, „dass die Entscheidung über den Berufswunsch in der Regel nicht erst am 18. Geburtstag eingeleitet“ werde (Drucksache 18/337 / Deutscher Bundestag, Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Fraktion DIE LINKE) und in ihrem Statement ihre Zustimmung zur Rekrutierung von Schüler_innen bereits ab dem 17. Lebensjahr bekräftigt.

Bleibt zu hoffen, dass die jungen Menschen bereits über genügend Verstand und informierten Selbstschutz verfügen und sich eher noch für Motocross entscheiden. Ohne sich das Genick zu brechen.

00:59 04.07.2014
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Geschrieben von

me goetz

..allergic to patriarchy
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me goetz

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