Dunkle Dekaden: Salzburger Vorstadt 15

Braunau Wenn die Gegenwart interveniert, sollte jegliche Geschichtsglättung aufgegeben werden. Über die künftige Nutzung von Hitlers Geburtshaus

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Adolf Hitlers Geburtshaus in Braunau am Inn (Österreich) um 1934
Adolf Hitlers Geburtshaus in Braunau am Inn (Österreich) um 1934

Foto: Friedrich Weiler, Picture Library of the Prussian Cultural Heritage Foundation/Wikimedia (Gemeinfrei)

Hinter der harmlosen Bezeichnung "Salzburger Vorstadt 15" verbirgt sich eine Adresse im oberösterreichischen Städtchen Braunau am Inn: jene des im Ortsjargon euphemistisch "Gelbes Haus" genannten Gebäudes in zentraler Lage, in dem 1889 Adolf Hitler geboren wurde.

Seit Jahren bestanden engagierte Bürgerinitiativen, die sich zum Ziel gesetzt hatten, das Geburtshaus Hitlers einer völkerverbindenden und friedensstiftenden Nutzung zuzuführen. Das "Haus der Verantwortung" sollte ein Begegnungsort des Gedenkens werden, der insbesondere mit Blick auf die kommenden Generationen humanistische, politisch-historische und kulturelle Einrichtungen beherbergen sollte. Memory Gaps unterstützte dieses Anliegen vollinhaltlich.

Bedauerlicherweise entschied sich die österreichische Bundesregierung im Jahr 2020 jedoch nicht für die Verwirklichung dieses Projektes, sondern für eine andere Variante. Nachdem das über Jahrzehnte im Privatbesitz verbliebene Haus 2017 enteignet worden war, soll nach einem Umbau, ab 2023 ausgerechnet ein Bezirkspolizeikommando künftiger Nutzer des Hitler-Geburtshauses werden.

Diese – nicht nur aus der Sicht von Memory Gaps – befremdliche Entscheidung wurde, zum Erstaunen der Öffentlichkeit, innerhalb einer Regierungskoalition aus Christlichsozialen und Grünen in Österreich getroffen. Während gegen einen Umbau nichts einzuwenden ist, hat das gesendete Signal insgesamt jedoch noch Verbesserungspotenzial.

"Salzburger Vorstadt 15" ist ein geradezu "sprechender Name", da der Salzburger Nationalsozialist Kajetan Mühlmann, Kulturstaatssekretär und Ehemann der Grafikerin Poldi Wojtek, der Gestalterin des aktuellen Logos der Salzburger Festspiele, die heuer Ihr 100. Jubiläum feiern, dem Hitler-Geburtshaus als erster bereits 1938 NS-Kultstatus zusprach, indem er dieses unter Denkmalschutz stellte.

Es bleibt zu hoffen, dass zukünftige österreichische Bundesregierungen die Entscheidung, ein Bezirkspolizeikommando als Nutzer zu bestimmen, wieder rückgängig machen und in der "Salzburger Vorstadt 15" andere Institutionen ansiedeln werden. Etwa solche, die sich mit kulturgeschichtlichen Themen und Friedensforschung befassen, Organisationen, die für kommende Generationen als internationale Dialogforen des Humanismus fungieren.

"Reiter aus Braunau"

In Braunau am Inn wurden 1945, nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, zahlreiche nach Nationalsozialisten benannte Straßen und Plätze umbenannt. So unter anderem der Adolf-Hitler-Platz und die Adolf-Hitler-Straße, die Baldur-von-Schirach-Straße, die Wöhlerstraße die Fritz-Todt-Straße, die Walter-von-Reichenau-Straße und die SA-Straße, um nur einige zu nennen.

Eine der Umbenennungen wurde dabei offenbar übersehen und könnte, im Jahr 2020, vonseiten der Stadtgemeinde Braunau korrigiert werden. Die nach Ernst Udet, einem deutschen Jagdflieger des Ersten Weltkriegs und Generalluftzeug-meister der NS-Luftwaffe im Zweiten Weltkrieg benannte Straße wurde im Okt. 1945, d.h. nach Kriegsende, ausgerechnet in Josef-Reiter-Straße umbenannt.

Der 1862 in Braunau geborene Komponist, Dirigent und Musikpädagoge Josef Reiter war u.a. von 1908-1911 Leiter des Salzburger Mozarteums sowie 1917-18 Kapellmeister am Hofburgtheater in Wien. Bereits seit 1929 illegales NSDAP-Mitglied, widmete er seine "Goethe-Symphonie" Adolf Hitler und komponierte 1938 u.a. eine Kantate "Festgesang an den Führer". Er kandidierte 1930/31 für die NSDAP, übersiedelte 1933 in den wenige Kilometer südwestlich von Salzburg gelegenen Ort Bayerisch-Gmain und wurde 1937 deutscher Staatsbürger. Als Träger des Goldenen NSDAP-Ehrenzeichens verlieh Hitler ihm anlässlich des 75. Geburtstages die Goethe-Medaille, überreicht durch Joseph Goebbels. Kurz vor Kriegsbeginn, im Juni 1939, verstarb Josef Reiter, der sich davor auch für den Anschluss Österreichs stark engagiert hatte.

Reiters Ehrengrabstatus von auf dem Wiener Zentralfriedhof wurde 2004 aberkannt. Ebenso wie das im August 1938 verliehene "Ehrenbürgerrecht der Gauhauptstadt Salzburg", das der Salzburger Gemeinderat 2014 widerrief.

Braunau könnte diesem Beispiel folgen und anstelle von Josef Reiter, ab dem Jahr 2020, einem Opfer des Nationalsozialismus die kommunale Ehre einer Straßenbenennung zuteilwerden lassen.

Dominik Schmidt und Konstanze Sailer

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Geschrieben von

Memory Gaps

"Memory Gaps ::: Erinnerungslücken", die digitale Kunstinitiative, wurde von der Malerin Konstanze Sailer 2015 gegründet.
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