Tendenzen im Fall der Profitrate

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Der tendenzielle Fall der Profitrate muss sich seit der Lehman-Pleite im September 2008 ungemein beschleunigt haben. Gleichgültig welche Indikatoren man heranzieht, ob nun Umsätze, Auftragseingänge, Kapazitätsauslastung, alles zeigt den reinen freien Fall an und der meistzitierte Satz führender Manager ist „Das habe ich in meiner Karriere noch nie erlebt“.

Bemerkenswert ist allerdings die Diskrepanz zwischen der Rezeption der Frühindikatoren und der Alltagswahrnehmung, die Krise scheint zumindest bislang eher eine virtuelle. So stellt die Gesellschaft für Konsumforschung fest, dass sich die Konsumstimmung erstaunlich widerstandsfähig zeigt und der Umsatz im Einzelhandel ist immer noch vergleichsweise stabil geblieben.

Hier könnten sich perfide Nebenwirkungen der rot-grünen Reformpolitik zeigen, denn im Prekariat kann es eigentlich egal sein, ob man von Hartz IV, Leiharbeit oder Niedriglohn leben muss, unterm Strich kommt bei allen Varianten in etwa dasselbe Einkommen heraus. Hier wird sich also im Konsum und Krisenbewusstsein wenig ändern.

Die Mittelschicht dagegen arbeitet gerade die letzten Auftragsbestände ab und muss wohl um Besitzstände fürchten, aber hier zeigt sich wie flexibel Politik sein kann: während die Verlängerung der ALG-I-Bezugsdauer für ältere Arbeitslose noch zu monatelangem Gezerre in der Regierungskoalition führte wurde die Ausweitung des Bezugs von Kurzarbeitergeld erstaunlich geräuschlos im November 2008 über die Bühne gebracht. Nachdem SPD-Arbeitsminister Scholz die Verlängerung auf 18 Monate organisiert hat legt jetzt CDU-Generalsekretär Pofalla mit einer Forderung nach 24 Monaten nach.

Sozialdemokraten gruselt wohl die Vorstellung, in der heißen Phase des Wahlkampfs auf den Marktplätzen der Republik vor frisch entlassenen Arbeitslosen alberne Reden schwingen zu müssen und Christdemokraten wollen den Beginn ihrer neuen Regierungsära nicht mit einem stetig wachsenden Millionenheer von Arbeitslosen belasten. So hoffen beide, das Krisentief elegant umschiffen zu können.

Nach neuesten Angaben der Arbeitsagentur ist die Zahl der Bezieher von Kurzarbeitgeld von 15.200 im Februar 2008 auf 700.000 im Februar 2009 um sage und schreibe 4500 % innerhalb eines Jahres regelrecht explodiert.

Ebenso dramatisch wie der Anstieg der Kurzarbeit ist der Rückgang der Preisanstiegsrate, im März in der Eurozone auf 0,6 %. Die Preisbewegungen der jüngeren Vergangenheit waren maßgeblich beeinflusst durch die scharfen, durch Nachfrage von Produzenten und durch Spekulanten angetriebenen Preisschübe bei den Rohstoffen. Gemessen am CRB zeigt sich hier seit Jahresbeginn eine relative Stabilität, die Anstiegsraten der Verbraucherpreise aber fallen weiter.

EZB-Chef Trichet spricht abwiegelnd von "Disinflation", aber man muss wohl befürchten, dass sich hier das Schreckgespenst Deflation sukzessive demaskiert.

11:37 03.04.2009
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Geschrieben von

mephisto

Zeitgenosse
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