Wer kauft denn da?

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Wie war das noch vor einem Jahr? Die Kernschmelze des Finanzsystems wurde gerade noch abgewendet, es folgte der Absturz der Realwirtschaft, apokalyptische Untergangsszenarien machten die Runde mit den Empfehlungen, sich Lebensmittelvorräte und Waffen zuzulegen.

In diesem Umfeld begannen plötzlich die Aktien weltweit zu steigen und legten von Mitte März bis zum Jahresende 2009 eine fulminante Rally hin, praktisch eine Gerade von links unten nach rechts oben.

Da fragt man sich: wer kauft denn eigentlich, wenn Banken ums Überleben kämpfen, Versicherungen nur an Festverzinsliche denken, Vermögensverwalter cash halten und Fonds Abflüsse zu verzeichnen haben.

Ein wunderbares Umfeld für Verschwörungstheorien.

Im Sommer geriet zunächst Goldman Sachs ins Visier. http://i.realone.com/assets/rn/img/5/1/2/0/28940215-28940220-slarge.jpg Goldman Sachs ist für die USA das was die Deutsche Bank für Deutschland ist - eine Top-Adresse bestens politisch verdrahtet, wie es so schön neudeutsch heißt. Der Bank war ein Software-Programmierer abhanden gekommen und so wurde öffentlich, daß dieses Institut einen vollautomatisierten Hochfrequenzhandel betreibt, was (merkwürdigerweise) der "Rolling Stone" zum Anlaß nahm, der Bank gleich Manipulation aller Märkte seit der Großen Depression vorzuwerfen und sie als "Great American Bubble Machine" zu bezeichnen. Der Nachweis, daß Goldman Sachs hinter den erstaunlichen Kursanstiegen seit März 2009 steht konnte natürlich nicht erbracht werden.

Dafür kursiert jetzt eine neue Variante einer Verschwörungstheorie. So wird das amerikanische Research-Institut TrimTabs zitiert, das festgestellt haben will, daß die für die Hausse notwendigen Zuflüsse an frischem Geld unmöglich aus den üblichen Quellen kommen könnten und deshalb unterstellt, daß die amerikanische Zentralbank FED und das Finanzministerium hier die Fäden ziehen. Schon 2002 hätte ein "unidentified FED official" erklärt, die FED könne "theoretically buy anything to pump money into the system" - also auch Aktien bzw. Index-Futures.

Ausschliessen kann man eine stille Intervention staatlicher Institutionen letztlich nicht, immer mal wieder kursieren Gerüchte um ein "plunge protection team", das ein Abschmieren der Märkte verhinden soll.

Aber ich bin kein Anhänger von Verschwörungstheorien und es gibt ja auch "ökonomische" Erklärungsansätze wie z.B. den von Wilhem Lautenbach, dem "deutschen Keynes", der in den 1940er Jahren schrieb: " Mit brachliegenden Geschäftsdepositen, für die in absehbarer Zeit in der Wirtschaft keine Verwendung gegeben zu sein scheint, mit Spardepositen, die sehr viel weniger Zins abwerfen als festverzinsliche Wertpapiere, werden Effekten gekauft". Also ein "natürlicher" Prozeß, getragen von den wirklich Hartgesotteten, die sich ungern in die Karten gucken lassen und wohl deshalb in keiner Statistik auftauchen.

13:45 13.01.2010
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Geschrieben von

mephisto

Zeitgenosse
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