Homöopathie im Kreuzfeuer

Pseudomedizin Es gibt viel Argumente für die Nutzung der Homöopathie. Ihre Wirksamkeit gehört nicht dazu
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

[In der Freitag Community wurde ein „Netzwerk-Homöopathie“ kritisiert, welches kürzlich gegründet wurde. Die genutzten Argumente sind nicht neu und auch nicht spezifisch auf das Netzwerk gemünzt, so dass ich als selbsternannter homöopathischer Haus- und Hofkritiker und Blogtherapeut gerne dazu Stellung nehme.]

Wenn man über Homöopathie diskutiert, ist zuerst wichtig festzustellen, auf welcher Basis man darüber diskutiert. Der Autor des verlinkten Textes (oder die Autorin, ich verwende die männliche Form) umgeht dieses Problem, indem er auf das angeblich laufende Verfahren verweist und von einem „ewig währenden Streit“ schreibt. Das weist auf eine gewisse Unkenntnis der Historie der Homöopathie hin. Das „aktuelle“ Interesse an der Homöopathie lässt sich nämlich ziemlich eindeutig auf August Bier zurückführen. Bier veröffentlichte 1925 den Text „Wie sollen wir uns zur Homöopathie stellen“. Während es in den 5 Jahren vor der Veröffentlichung 8 Arbeiten zur Homöopathie gegeben hatte, waren es in den Jahren 1925 - 1935 157. Das lag auch daran, dass Reichsgesundheitsführer Conti daran gelegen war, die „verjudete Schulmedizin“ durch eine Neue Deutsche Heilkunde zu ersetzen. Homöopathie sollte ein zentraler Bestandteil davon sein, immerhin war Hahnemann Deutscher. Die Erwartungen erfüllten sich jedoch nicht (s. „Donner-Report“). Der „ewig währende Streit“ wurde also durch eine Person sowie die Interessen einer ideologisch geprägten Gesundheitspolitik wiederbelebt. Die Sache ist jeodoch spätestens heute entschieden: Homöopathie wirkt auf Placeboniveau. Das kann man glauben oder nicht. An der Realität ändert das nichts.

Der Autor gibt an, den Patienten sei es letztlich ohnehin egal, was wirkt, "das Setting (…), das Medikament oder eine Kombination aus beidem“. Wenn es den Patienten wirklich egal wäre, könnten Homöopathen dem Treiben des Netzwerks in aller Ruhe zusehen. Das Problem ist jedoch, dass es den Patienten eben nicht egal ist. Die Patienten gehen davon aus, dass das Arzneimittel eine spezifische Wirkung hat. Wenn die Patienten an diese nicht mehr glauben (!), ist Homöopathie nutzlos. Dann ist nämlich auch die Placebowirkung dahin.

Bei wirksamen Arzneimittel schwächt mangelnder Glaube die Wirkung ab, was soweit gehen kann, dass keine mehr vorhanden ist. Das hängt unter anderem davon ab, wieviel mehr Wirkung als Placebo das Medikament hat. Diese Information führt auch die Argumentation zur „Versorgungsforschung“ ad absurdum. Das passt insofern, da die Versorgungsforschung von Homöopathen ohnehin auf eine absurde Weise genutzt wird. Man versucht, sie zu nutzen, um die Wirkung von etwas in den ungeordneten Bedingungen des Alltags zu belegen, das unter kontrollierten Bedingungen bereits gescheitert ist. Das ist in etwa so, als würde man jemanden, der in der Geigenstunde nur schräge Töne fabriziert, in ein Orchester stellen und sagen: „Klingt doch ganz gut.“ Dadurch wird der Musiker nicht besser, das Orchester aber schlechter.

Es ist daher nicht relevant, wie Homöopathie im Versorgungsalltag abschneidet. Wenn wir den Versorgungsalltag als einzigen Maßstab nehmen, dann spricht nichts dagegen, auch schwere Erkrankungen homöopathisch zu Behandeln. Befürworter einer solchen Praxis gibt es. Deren Argumentation dafür ähnelt der des Autoren deutlich.

Offenbar ist die Sicht der Patienten dem Autoren sehr wichtig. Das ist auf der einen Seite löblich, wurde doch die Sicht der Patienten bis in die späte zweite Hälfte des letzten Jahrhunderts von der Ärzteschaft oft als wenig relevant abgewertet. Auf der anderen Seite sollten wir uns davor hüten, nun ins Gegenteil zu verfallen und die Sicht von Patienten als alleinigen Maßstab anzusehen. Wenn wir das machen, hört es nicht mit Homöopathie auf. Dann wird bald auf Kassenkosten unter ärztlicher Aufsicht gebetet, exorziert, geistgeheilt, beschworen, Horoskope erstellt und Heilsteine auf Tumoren gelegt. All das sind Tätigkeiten, die Menschen als hilfreich erleben können. Das rechtfertigt nicht, sie als medizinische Therapien (!) anzubieten. Die Evidenz ist für viele dieser Verfahren ähnlich „durchwachsen“ wie für Homöopathie.

Folgten wir dem Autoren, sind das alles legitime Therapien und sollten bald unter „Evidenzbasierter Medizin“ geführt werden. Somit hat der Autor Recht mit seiner Äußerung, „bei dem Streit um die Homöopathie geht es offensichtlich neben möglichen finanziellen Interessen der Ärzteschaft, der Pharmaindustrie. der Apotheker um die Anwendung der Regeln der Evidenz-basierten Medizin bzw. über das Verständnis von Evidenz-basierter Medizin.“ Nur anders als intendiert. Folgte man der Argumentation des Autoren, würden die fetten Töpfe des Gesundheitssystems bald für einen ganzen Blumenstrauß an Methoden geöffnet. Die Anbieter würde es freuen.

Das wird aber nicht passieren. Dafür sorgt die Sonderstellung der „besonderen Therapieformen“ im deutschen Arzneimittelrecht. Während Heilsteine niemals die Schwelle des Wirksamkeitsnachweises überspringen würden, wurde diese Schwelle u. a. für Homöopathie geschliffen. Einen besonderen Grund dafür gibt es nicht. Die Homöopathie hat ein Sonderrecht bekommen, durch das sie geschützt wird. Wäre sie so wirksam, wie ihre Apologeten behaupten, wäre dieses Sondergesetz nicht notwendig.

Interessant an dem Text ist auch die verzerrende Darstellung der Homöopathie als individuelle Therapie, die den ganzen Menschen behandelt, anstatt nur die Symptome. Das Gegenteil ist der Fall. Ein Homöopath sucht im Rahmen seiner Anamnese nur ein Symptom. Genau das eine, besondere Symptom. Nach diesem einem (!) Symptom sucht der Homöopath dann seine Arznei aus. Für mich ist das nicht ganzheitlich, sondern ziemlich zersplittert, quasi atomisiert (da sind auch die Quanten nicht weit).

Natürlich hat dieses eine Symptom mit der aus dem Gleichgewicht geratenen Lebenskraft zu tun, die den ganzen Menschen durchströmt. Aus Sicht der Homöopathen ist die Konzentration auf ein einziges Symptom also durchaus ganzheitlich. Das ist aber nicht das, was die Mehrzahl der Menschen unter „ganzheitlich“ versteht. Und so werden viele Aspekte der Homöopathie öffentlich nicht ehrlich dargestellt, nicht transparent gemacht. Die Kritiker wollen also nicht das „Vertrauen in die Homöopathie erschüttern", sondern zeigen, dass das Vertrauen der Patienten durch Homöopathen (wissentlich oder unwissentlich) systematisch missbraucht wird.

August Bier

August Bier fand über einen Umweg zur Homöopathie. Er war an zentraler Stelle an der Entwicklung der Spinalanästhesie beteiligt. Dabei wurde zu der Zeit Kokain genutzt. Kokain war vorher als lokales Anästhetikum genutzt worden, um die damals sehr riskante Allgemeinanästhesie zu vermeiden. Allerdings kam es schnell zu Todesfällen wegen Kokainüberdosierungen. Die Konzentration wurde daraufhin, auch unter Mitarbeit von Bier, immer weiter gesenkt, so dass man irgendwann in Bereichen war, in denen auch einige niedrigpotente (D3 - D5) Homöopathika wirken.

Versorgungsforschung

Versorgungsforschung bedeutet, herauszufinden, ob ein Medikament, welches unter kontrollierten klinische Bedingungen eine Wirksamkeit nachweisen konnte, diese auch in den Alltag übertragen kann. Versorgungsforschung sollte als letzte Phase einer Arzneimittelzulassung eingeführt werden, das würde jedoch einiges kosten und den Widerstand der Industrie hervorrufen, weil der eine oder andere Blockbuster auf der Strecke bleiben würde.

Alltrials

Wer einer müssigen weiteren Diskussion um die Homöopathie aus dem Weg gehen und seine oder ihre Zeit sinnvoll nutzen will, gehe zu alltrials. Dort wird für eine bessere Medizin von morgen gekämpft, ohne sich gegen Homöopathie zu wenden, sondern sich den richtig schweren Jungs zuzuwenden.

21:12 16.02.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

merdeister

Ein guter Charakter erzieht sich selbst. - Indigokind - Blogtherapeut
merdeister

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