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Ich sitze in Zadar an der Meeresorgel. Vor drei Wochen war ich schonmal hier. Da schien allerdings die Sonne, so wie jetzt auch, nur sind gerade Wolken zwischen ihr und mir. Vor drei Wochen saß ich hier und habe versucht, „Bitte“, „Danke“ und ein paar Grußformeln auf Kroatisch zu lernen.

Wir stehen vor der Katze, die aus einem Hauseingang hinausgetapst kam, direkt vor unseren Füßen stehen blieb und zu uns hinaufschaute. „Kätzchen“ wäre vielleicht das passendere Wort, sie ist so leicht, dass sie keine Spuren hinterlässt, das Fell schwarz und struppig, die Augen riesig! Das Kindchenschema ließ uns keine Chance und so schauten wir hinunter auf dieses winzige Wesen, „ohten“ und „Uten“. Es blieb genug Vernunft übrig, um nicht der Versuchung zu erliegen, sie zu streicheln, immerhin.

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I
ch warte darauf, dass es dunkel wird, denn den Gruß an die Sonne möchte ich mir noch anschauen, bevor ich dieses schöne Land wieder verlasse, auch wenn ich mir bis jetzt noch nicht viel darunter vorstellen kann. Er soll unser Universum darstellen, mehr ist dem Reiseführer nicht zu entnehmen. Die Solarplatten zeigen, dass er die Energie der Sonne tagsüber sammelt um sie Nachts wieder abzugeben.

Wir gehen weiter, zu unserem Zeltplatz, 100m entfernt, während das kleine Wesen uns folgt. Man sieht, diese kleinen Beine wurden noch nicht oft benutzt. Der Abstand wird größer, doch unsere Hoffnung, dass die des Kätzchens schwindet erfüllt sich nicht. Kurz nach uns trifft ein miauendes Kätzchen an unserem Zelt ein.

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Als ich elf Jahre alt war, wurde Zadar von der jugoslawischen Armee per Artillerie und aus der Luft beschossen. Bis ich 13 war, wurde die Stadt belagert und Zagreb konnte nur über eine Insel (Pag) erreicht werden. Zadars Altstadt wurde dabei stark beschädigt. Davon ist heute nicht mehr viel zu sehen. Heute stehen und sitzen Jungs am Meer und halten Angelschnüre ins Wasser. An einem, er mag auch gerade 11 sein, geht ein Gruppe amerikanischer Touristen vorbei. Unbeeindruckt blickt er auf seinen Schwimmer, während sich die Gruppe um ihn schart wie die Fische um den Köder. Allerdings sind sie nicht so geduldig wie er und ziehen schnell weiter.

Wer Katzen hat, kennt den Nachdruck, den sie in ihre Stimme legen können, wenn sie etwas wollen. Immer und immer wieder.
Wir wollen uns gleich etwas zu essen machen. Immer wieder. Doch solange die Sonne scheint, legen wir uns noch mal auf die Isomatte und lesen. Immer wieder. Die Sonne geht früh unter, wir saugen jeden Strahl auf, um unseren Hunger für den Winter in Deutschland zu stillen. Und wieder. Wir sind uns einig darin, das Kätzchen nicht zu füttern, weil wir es sonst nie los werden. Und wieder. Außerdem denken wir, die Leute die hier wohnen, haben sich etwas dabei gedacht, vielleicht soll sie Eidechsen jagen, oder Mäuse. Und wieder.

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Als wir durch das Land gefahren waren, fielen uns die vielen verlassenen Häuser auf, in einigen Gegenden mit, wie es für mich aussah, Einschusslöchern. Viele neu gebaute Häuser wirkten ebenfalls verlassen, oft war nur ein Stockwerk komplett ausgebaut, der Rest war noch Rohbau. Unsere Gastgeberin bei den Plitwitzer Seen gab eine mögliche Erklärung. Die Regierung gewährte rückkehrenden Kroaten nach dem Krieg Geld, um die Häuser wieder aufzubauen. Viele waren erst durch Kämpfe und später durch Plünderungen völlig zerstört worden. Unsere Gastgeberin erzählte uns detailliert in welcher Reihenfolge das geschehen war. Erst war die Armee gekommen und hatte alle Menschen vertrieben. Was die Menschen zurückgelassen hatten, wurde später geplündert. Aus den leeren Häusern wurden Fenster und Türen, Heizkörper und Leitungen gestohlen. Nachdem die Ziegel vom Dach genommen waren, wurde der Rest niedergebrannt.
Nach dem Krieg wurden jedem Familienoberhaupt 35m2 Wohnfläche gewährt und für jedem weiteren Familienmitglied noch einmal 10m2. Viele bauten dann die Häuser auf, behielten Recht auf das Land und zogen in die Stadt. So habe ich das zumindest verstanden, die sprachliche Verständigung war nicht immer einfach. Doch der Schmerz war unserer Gastgeberin zusehen, die vor uns saß, erzählte und uns ein zweites Glas ihres selbstgebrannten Schnaps eingoss, „Guter Schnaps, keine Kopfschmerzen“. Stimmt.

Die Sonne ist weg, und wieder, wir bauen den Gaskocher auf und bereiten das Essen vor. Und wieder. Seit unserer Ankunft habe ich sie zweimal zurück zum Haus gebracht, von dem sie uns gefolgt war. Und wieder. Unzählige Male habe ich sie von unseren Sachen weggenommen und auf den Kies geworfen. Und wieder. Katzen sind nicht wie Hunde, lassen sich von Menschen nichts sagen. Und wieder.

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Es ist erstaunlich wie viele deutsche Familien mit kleinen Kindern in Zadar sind. Ich bin mir nicht sicher, ob mir das nicht zu stressig wäre. Bei den Plitzwitzer Seen sahen wir, wie eine Frau ihren Sohn, vielleicht 9 Jahre alt, anschrie, sie habe es ihm doch tausend mal gesagt, wie dumm er eigentlich sei, er solle sich im Urlaub nicht hinknien und ihr heute nicht mehr unter die Augen kommen. Die Frage ist: Stress für wen. Ich überlegte kurz hinzugehen und mal nachzufragen oder mich selber hinzuknien, verkniff es mir, letztlich hätte der junge Mann es ausbaden müssen. Er zog sich dann an einen der vielen Bäche zurück und ließ Blätter schwimmen, das habe ich dann auch gemacht. Ohne mich hinzuknien, ich hatte nur zwei Hosen dabei.

Der Topf mit den Nudeln ist auf dem Kocher. Und wieder. Die Katze ist überall. Und wieder. Sie verbrennt sich zweimal an der Flamme des Kochers und fällt fast in das kochende Nudelwasser, als sie sich vom Windschutz in den Topf beugt. Und wieder. Eigentlich wollen wir auf der Isomatte sitzend essen. Und wieder. Überall.

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Obwohl noch viele Leute hier in Zadar sind, merkt man, dass es in der Saison deutlich mehr sein müssen. Am vollsten war es in Dubrovnik. Als wir die Altstadt betraten, erschauderte ich bei dem Gedanken, diesen Platz im Sommer zu besuchen. In den kleineren Orten war es dafür ziemlich beschaulich. Vollkommen leer ist das Hotel Jadran in Tucepi bereits seit 20 Jahren. In dieser Gegend hatten zwar nie Kämpfe stattgefunden, doch die Gäste waren trotzdem weggeblieben. Als wir uns die Ruine anschauten, begegnete uns eine sich ebenfalls das Hotel anschauende Frau. Sie sei 1978 in diesem Hotel gewesen und hätte Urlaub gemacht, schwärmte sie. Warum es seit 20 Jahren leersteht, konnte sie auch nicht sagen. Dem Leuchten ihrer Augen nach zu urteilen muss es wirklich schön gewesen sein.

Die Dose mit dem Thunfisch verteile ich gleichmäßig ca. 75m von unserem Platz entfernt, bevor ich die Katze hinterhertrage und dort hinbringe. Sie folgt mir nichtzurück. Wir können unsere Nudeln essen, ohne Katze und ohne Thunfisch.

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Fische. Überall zwischen den Schiffen wimmelt es von Fischen. Ich mag Fische. Im Wasser und auf dem Teller. Als wir vor ein paar Tagen im Hafen von Seget saßen und jeder drei gegrillte Fische verspeist hatte, wurden wir plötzlich von einem Schwall Flüssigkeit getroffen, ich blieb ruhig sitzen und roch daran. Whiskey-Cola, in der Nähe wurde eine Hochzeit gefeiert, die Kirche von 1758 lädt dazu ein. Einer der Gäste war gebeten worden, das Restaurant zu verlassen und hatte diesen Weg gewählt, seinen Unmut mitzuteilen. Uns gegenüber saßen zwei ältere Kroaten und als sich die Unruhe wieder gelegt hatte, schaute einer zu uns herüber, zuckte mit den Schulter und sagte: Trottel. Völkerverständigung.

Nach dem Abwasch ist sie wieder da. Diesmal auf der Suche nach Wärme. Sie findet einen Platz auf meinen Beinen, ihre Hartnäckigkeit hat sich ausgezahlt, ich bin ausgezählt. Als wir im Zelt liegen springt sie noch einmal gegen das Innenzelt und krallt sich daran fest, ich klopfe mit der Hand gegen sie, dann ist Ruhe, die ganze Nacht. Die Frage, ob sie zurückgegangen war, beantwortet sich am nächsten Morgen, als ich das Zelt verlasse, liegt zwischen dem Bodendecker zusammengerollt ein kleiner Fellknäuel, welches bald erwacht. Und wieder. Vom vorigen Abend finde ich noch Reste, die sie nicht gefunden oder nicht mehr geschafft hat. Die Reste verschaffen uns Zeit zu frühstücken.

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Seit ich hier sitze liegt etwas weiter draußen bereits ein Yacht und es sieht aus, als stände an Deck ein Hubschrauber. Das kann ich nicht so recht glauben, wie groß müsste die Yacht denn dafür sein. Ich vermute eher, dass es einer der Kräne ist, mit denen man Boote und andere Wassergefährte herunterlassen kann. Die Yachten im Hafen sind schon unglaublich groß, aber ein Hubschrauber könnte nicht darauf landen. Und während ich darüber grüble, warum jemand ein Schiff braucht als ein unverschämt großes, hebt der Kran in den Himmel ab und fliegt in Richtung Land. Vielleicht Milch holen.

Während wir unsere Sachen packen, erkundet das Kätzchen seine Umgebung. Unsere Gastgeberin verscheucht sie von ihrer Terrasse. Hier stehen Tisch, Stühle und Türen und so für Thunfisch gibt es keinen Grund. Als wir wegfahren muss einer draußen aufpassen, dass das kleine Wesen nicht unter einen Reifen springt. Im Rückspiegel sehe ich, wie sie uns hinterhertapst und an der Stelle stehen bleibt, an der wir sie das erste Mal trafen.

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Den Gruß an die Sonne haben wir uns angesehen und die Kinder beobachtet, die seinen Lichtspielen hinterherjagten. Nun sind wir auf dem Weg zu unserer Ferienwohnung. Es ist erstaunlich, das man selbst in der Nebensaison günstiger in einem Haus, als auf einem Campingplatz wohnen kann.
Der „Boatman of Zadar“ ist eine Fähre für Fußgänger. Man kann sich auf die andere Seite rudern lassen und vermeidet einen langen Fußweg oder teure Parkgebühren. Da niemand nach uns hinüber will bleiben wir noch im Boot sitzen und der Mann erzählt, dass drei Familien an dieser Stelle Menschen hin und her befördern, in vier Stunden langen Schichten. Er vertritt seinen Schwager. Im Sommer reicht das Geld um die drei Familien zu ernähren, im Winter ist es nur ein Taschengeld. Ivica hat selber ein Segelboot mit dem Touristen Rundreisen machen können. Er spricht fließend Englisch und man merkt, wie stolz er auf das Land und sein Geschichte ist. Marco Polo sei nicht Italiener sondern Kroate gewesen und Tessla habe „dort hinter den Bergen“ gelebt. Das ist hier nicht sehr weit.
Am Schluss sagt er, früher sei im Winter in der Stadt bis „elf, zwölf Uhr“ was los gewesen, im Sommer die ganze Nacht. „Aber früher hatten wir auch Geld in der Tasche. Nicht reich, aber immer was in der Tasche.“
Das war dann schon fast wie zu Hause.

http://lh5.ggpht.com/_SRsiQbENrj8/TL8VqErRKoI/AAAAAAAABTU/DfrLL8z1ns0/s400/DSC01142.JPG Von KroatienFreitag

20:42 20.10.2010
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Geschrieben von

merdeister

Ein guter Charakter erzieht sich selbst. - Indigokind - Blogtherapeut
merdeister

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