Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Jetzt lese ich hier und da mal in die Wende-Blogs, am Tag an dem vor 20 Jahren eine Mauer eingerissen und vor 71 Jahren Fenster von Synagogen und Geschäften eingeschmissen wurden.

Und jeden stört was.

Die Ossis an den Wessis, die Wessis an den Ossis, Kapitalisten an Sozialisten, Großzügige an den undankbaren, Schlaglochumfahrer die Asphaltgleiter. Schimmel hier, Turnhallen da. Und alle haben recht. Und keiner hört zu.

Im Fernsehen Theater. Frau Merkel war dabei, klar. Sie darf als letzte ihre Geschichte erzählen, als Höhepunkt der ganzen Farce.

Als die Mauer fiel war ich neun. Das Konzept des einen Deutschland und eines anderen Deutschlands und einer Stadt in dem anderen Deutschland, die zum einen gehört und zum anderen auch hatte ich nicht verstanden. Musste ich auch nicht mehr. Wo ich am 9.11.89 war weiß ich nicht. Ganz sicher in der Schule.

Als Kind und Jugendlicher hat ich dann Witze über die "Zonis" gemacht, mitgemacht. Ahnung hatte ich keine, zum Witze machen hat es gereicht. Aber gespielt habe ich trotzdem mit den Zonis und bei ihnen übernachtet.

Nach dem Abi war ich dann mal in Leipzig auf der Party einer Freundin*. Deren Mitbewohnerin hat dann bei einer Diskussion von Siegerjustiz gesprochen. Ich hab widersprochen, kein Witz: Ohne Ahnung.

Und hier haben jetzt alle Ahnung und jeder weiß Bescheid und hat Recht. Und die anderen haben nicht die richtige Perspektive auf die Wende. Es war nämlich alles anders. Es ist alles anders. Wie bei einer Wende eben: Anders herum.

Redet doch mal MITeinander.

Deutschland ist oben und unten dünner als in der Mitte. Für mich ist das normal.

* Wir sind mit dem neuen Chrysler Voyager vom Vater eines Freundes nach Leipzig gefahren. Verwöhnte Wessis.

Ergänzungen:

weinsztein schrieb am 10.11.2009 um 01:50

"'Als die Mauer fiel', sah ich fern und weinte. Obwohl ich Sympathien empfand für die Bürgerrechtsbewegung in der DDR. Nun sah ich sie sterben statt reformiert. Die DDR war der erste sozialistische Versuch in Deutschland. Gleich nach der Nazizeit. Vermutlich waren die inneren und äußeren Bedingungen nicht reif für diesen Versuch. Oder das Demokratiedefizit deutscher Kommunisten nach 1945 war entscheidend? Vermutlich das war's."

kay.kloetzer schrieb am 10.11.2009 um 01:57

"Im Mai sind auch viele Genossen vom Glauben abgefallen (verzeih dies schiefe Bild), die Resignation war nicht mehr in Energie umzuwandeln."

Rainer Kühn schrieb am 10.11.2009 um 00:53

"Man müßte sammeln und recherchierend auswerten, in einem halben Jahr könnte man einen großen Essay drüber schreiben. (...) Aber so ist das. Eine Mauer jagt heute ja die nächste."

I.D.A. Liszt schrieb am 10.11.2009 um 15:27

"Alles in allem aber konnte ich es eigentlich nicht so recht fassen, was da passierte. Es gefiel mir auch nicht, denn ich hatte ja doch immer die heimliche Hoffnung genährt, daß die DDR der bessere deutsche Staat hätte sein oder doch wenigstens werden können - ein Staat, dessen Bürger uns im Westen hätten zeigen können, wie man auch viel bescheidener und verbundener miteinander (vgl. auch www.freitag.de/wochenthema/0945-mauerfall-sozialpsychologie-einheit) leben könnte."

Rainer Kühn schrieb am 10.11.2009 um 16:58

"jede seite, um hier mal eine schablone zu setzen, kann unsere getrenntvereinte geschichte heute besser, anders verstehen."


"ich weiß aber noch genau den vollzug der einheit 1990, wo die verlagsleitung in mein büro gestürmt ist, mir die niederlage des ersten jahrzehntewährenden antikapitalistischen versuchs als sieg ihrer eigenen nichtvernunft zu verkünden. ich bin vor meinem schreibtisch sitzengeblieben"

outnumber schrieb am 10.11.2009 um 16:30

"wo ist der rest?"

Magda schrieb am 11.11.2009 um 09:43

"Es herrschte der Wunsch vor, dieses Mauerwerk außer Sicht zu bringen. Niemand hat an die kommenden Generationen gedacht, an die Geschichte."

Streifzug schrieb am 10.11.2009 um 17:10

"Normal ist das nicht. Normal ist der Tod."


Näheres siehe unten.



00:26 10.11.2009
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

merdeister

Ein guter Charakter erzieht sich selbst. - Indigokind - Blogtherapeut
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