Pharmaconcern - Homöopathie I

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Pathogenese bedeutet soviel wie "Entstehung der Krankheit", es ist ein von Medizinern häufig benutzter und bedachter Begriff. Zur Zeit Samuel Hahnemanns (1755 - 1843) lag die Pathogenese vieler, wenn nicht fast aller Krankheiten weitgehend im Dunkeln. Man sprach unter anderem von verschiedenen Miasmen, einem schlecht zu fassenden, über die Luft übertragenen, mystischen Etwas.

Um ein Gefühl für die Zustände zu bekommen, kann man sich vielleicht klar machen, dass die Narkose erst drei Jahre nach Hahnemanns Tod erstmals erfolgreich durchgeführt wurde. Menschen wurden zu seiner Zeit mit etwas Opium beruhigt und bei Bewußtsein operiert. Patienten, die die unmittelbare Operation überlebt hatten, starben jedoch ziemlich wahrscheinlich an einer Wundinfektion, denn die Antisepsis, also die Keimfreiheit wurde erst ca. 30 Jahre nach dem Tod Hahnemanns entdeckt. Dabei war Anfangs noch nicht einmal klar, warum die Antisepsis funktionierte, denn Mikroorgamismen als Krankheitserreger erkannte Robert Koch erst 35 nach dem Hahnemanns Tod. Dunkle Zeiten.

Ein Kranker zur damaligen Zeit konnte im Grunde froh sein, keinem an einer Universität ausgebildeten Mediziner in die Hände zu fallen. Die Behandlungsmethoden waren ziemlich rau und finden sich zum Teil heute noch in der Naturheilkunde wieder. Aderlässe waren beliebt, im Grunde bei jedem Leiden. Es wurden eiternde Wunden geschaffen, entzündende Salben aufgetragen, und Arzneimittelmischungen verabreicht, die schon einem Gesunden zugesetzt haben. Kranke brachten sie oft genug ins Grab.

Samuel Hahnemann, selbst zum Humanmediziner in Leipzig, Wien und Erlangen ausgebildet, war ein guter Beobachter und so entging ihm nicht die Hilflosigkeit seiner Zeitgenossen bei der Behandlung von krankenMenschen. In seiner Schrift "Allopathie: ein Wort der Warnung an Kranke jeder Art" zeigt er die Missstände der Zeit auf, führt Beispielen an und formuliert Verbesserungsvorschläge.

Viele Ideen Hahnemanns findet man auch heute in der Medizin wieder, so beschrieb er im Satz

"Er (anm. der Arzt) ist zugleich ein Gesundheit-Erhalter, wenn er die Gesundheit störenden und Krankheit erzeugenden und unterhaltenden Dinge kennt und sie von den gesunden Menschen zu entfernen weiß."

das Prinzip der Prävention in groben Zügen. Der Arzt sollte nicht erst ins Spiel kommen, wenn ein Mensch krank war, er sollte aktiv Gesundheit erhalten.

Dabei ging es ihm nicht nur um den dem Wunsch, kranken Menschen zu helfen und sie zu heilen. Es ging auch darum Krankheit, ihre Ursachen und die Wirkung von Medikamenten zu verstehen. Er formulierte in seiner Kritik, an den kruden Mischungen von Arzneien (Polypharmazie) auch Methoden, die zu einem besseren Verständnis von Arzneimittelwirkungen führen sollten. Einiges davon findet sich heute in der Pharmaforschung wieder, zum Beispiel das Testen von Wirkstoffen an gesunden Probanden. Hahnemann bekam in seiner Arbeit mit, wie viele Menschen durch die "Polypharmazie" vergiftet wurden. Vergiftet nicht im übertragenden Sinn; Patienten starben an Arsen- und Quecksilbervergiftungen. Hahnemann warf den Kollegen vor, nach dem Prinzip "Viel hilft viel" (sic!) vorzugehen und hatte in den meisten Fällen wahrscheinlich auch Recht. Half eine Arznei bei einer Erkrankung, wurde sie danach viel und häufig eingesetzt, da man keine Ahnung von der Pathogenese hatte. Es wurde dieses und jenes versucht.

Er kritisierte vor allem die Mischung von Arzneimitteln, da man deren Wirkung nicht voneinander unterscheiden könne und im Falle eines Erfolges nicht wisse, worauf dieser zurückzuführen sei. Auf diesem Gedanken basiert das Prinzip der klassischen Homöopathie nur einen Wirkstoff zu potenzieren.

Das Potenzieren ist ja der Knackpunkt, wenn man sich über die Homöopathie unterhält. Die Aktion 10:23 bringt es mit "Homeopathy - There's nothing in it" auf den Punkt. Wie kam aber Hahnemann auf die Idee, einen Wirkstoff (oder Nichtwirkstoff) zu verdünnen und rituell gegen eine lederne Oberfläche zu schlagen, mit der Ansicht, dadurch die Wirkung zu verstärken?

Vielleicht hat Hahnemann am Anfang seiner Reise einfach nur die Dosis bekannter Medikamente reduziert und festgestellt, dass viele an einem gewissen Punkt mehr positive als negative Wirkungen haben. Das Resultat erfreute sowohl ihn, als auch seinen Patienten, so das in freudiger Erwartung weiter verdünnt wurde. Aus der Placebo-Forschung ist bekannt, dass die Erwartung mit der ein Medikament eingenommen wird, dessen Wirkung beeinflusst. Hahnemann und seine Patienten erwarten also eine Verbesserung von weiterer Verdünnung. In vielen Fällen dürfte diese Verbesserung eingetreten sein. In der Dosierung mit der Hahnemann Ursprünglich begonnen hat, konnte das Medikament seine Wirkung entfalten und linderte die Beschwerden des Patienten. Diese Linderung, Heilung oder Besserung setzte sich dann weiter fort, getragen von der Erwartung von Arzt und Patient. Hahnemann zeigte den Patienten also wirklich einen Weg, sich selbst zu heilen.

In späteren Jahren begann er wahrscheinlich die Behandlung mit Dosen, die bereits so gering waren, dass sie, im pharmakologischen Sinne, keine Wirkung mehr hatten. Hahnemann und seine Patienten waren wahrscheinlich allerdings so von seiner Methode überzeugt, dass allein die Erwartungshaltung heilend oder lindernd wirkte.

Ob Hahnemann den Verlauf der Krankheit seiner Patienten über lange Zeit verfolgte? Er wechselte häufig den Wohnort. Patienten die tatsächlich durch ihn geheilt wurden, werden sich daran erinnert haben und vielen anderen im Gedächtnis geblieben sein. Wer nicht geheilt wurde, war eben zu schwer Krank und weder durch Allopathie noch durch Homöopathie zu retten.

1846, drei Jahre nach Hahnemanns Tod, verglich John Forbes (ein allopathischer Arzt) Allopathie und Homöopathie. Er kam zu dem Ergebnis, dass die Homöopathie dieselben Ergebnisse erzielte, wie die Allopathie. Weil er die Theorie von der Potenzierung für "an outrage to human reason" hielt, kam er zum Schluss, dass man sich über die allopathischen Behandlungsmethoden seiner Zeit Gedanken machen sollte. Wer wollte da widersprechen.

Quellen:

Die Alloopathie: ein Wort der Warnung an Kranke jeder Art von Samuel Hahnemann Link

Organon der Heilkunst von Samuel Hahnemann Link

Die Kunst des Heilens von Roy Porter

Das Jahrhundert der Chirurgen von Jürgen Thorwald

Homoeopathy and “the growth of truth”

Kritik und Kommentare zum Text gerne hier unten, Kritik an der Sicht zur Homöopathie bitte hier.

19:34 21.01.2011
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Geschrieben von

merdeister

Ein guter Charakter erzieht sich selbst. - Indigokind - Blogtherapeut
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