Smarter Wandel?

Digitalisierung Neue Technologien versprechen oft nicht weniger, als die Welt zu retten. Meist scheitern sie an diesem Anspruch
Smarter Wandel?
Bündeln Nerds und Ökos ihre Kräfte, könnten die Schäden der Klimakrise minimiert werden

Foto: Michele Tantussi/Getty Images

Die Digitalbranche muss einen Kurswechsel vollziehen, wenn das mit der Rettung der Welt noch etwas werden soll. Nicht wahr? Einen Schritt in Richtung Umdenken gingen 2018 Vertreter*innen der Tech- auf der einen und der Nachhaltigkeitsszene auf der anderen Seite bei der Konferenz „Bits und Bäume“, dem bisher größten Treffen der beiden „Communitys“. Ziel der Veranstaltung war es, Überlegungen anzustellen und darüber zu debattieren, wie eine nachhaltigere Digitalisierung aussehen könnte. In über 50 Vorträgen, Workshops und Debatten präsentierten Aktivistinnen und Experten ihre Ideen und Projekte. Jetzt haben Anja Höfner und Vivian Frick die Beiträge zusammengetragen und in dem Buch Was Bits und Bäume verbindet veröffentlicht.

Aufgeräumt wird mit der naiven Vorstellung, alles, was digitaler wird, sei deswegen auch umweltfreundlicher. Drei Forscherinnen führen „Smart Homes“ als Beispiel an. Das „schlaue Zuhause“ benötigt eine Vernetzung sämtlicher Haushaltsgeräte. Bewegungssensoren ermitteln, wann das Haus leer ist, damit die Heizungstemperatur gesenkt wird. Der Kühlschrank schlägt Alarm, wenn die Milch zu verderben droht. Klingt praktisch. Klingt ressourceneffizient. Das Problem: Die Geräte sind voneinander abhängig. Wenn eine Komponente defekt ist, kann es sein, dass die anderen Komponenten des ganzen Systems auch ausgetauscht werden müssen, obwohl sie eigentlich noch funktionieren. So landen noch funktionierende Teile auf der Müllhalde.

Dass der Vorschub „smart“ für die Nutzer*innen vielleicht komfortabler ist, aber nicht auf mehr Klimaneutralität abzielt, ist auch an „Smart Cities“ erkennbar, wie Sybille Bauriedl, Forscherin für Stadtentwicklung, in ihrem Beitrag ausführt. Sie beobachtet, dass „smart“ immer öfter mit „autogerecht“ gleichgesetzt wird. So werden beispielsweise Sensoren genutzt, um freie Parkplätze in Innenstädten zu ermitteln. Per App können Fahrer*innen dann die freien Plätze finden. Autofahren wird dadurch attraktiver, denn die nervige Parkplatzsuche entfällt. Statt weniger Verschmutzung entsteht mehr Umweltbelastung, Fahrrad- und Gehwege werden weiterhin behindert.

Auch Skype und Co. wandeln die Arbeitswelt nicht wie erwartet, wie aus dem Debattenbeitrag von Lorenz Hilty, Professor für Informatik, hervorgeht. Erhoffte man sich von Videokonferenzen einst, die Anzahl von Business-Flügen verringern zu können, so sind die aktuellen Zahlen ernüchternd. Allein im Jahr 2017 stiegen die weltweiten Ausgaben für Geschäftsreisen um 5,8 Prozent. Wie der Plattformkapitalismus der Umwelt schaden kann, behandeln Forscher*innen auch in dem Text „Alle Macht den Plattformen?“.

Beitrag für Beitrag offenbart Was Bits und Bäume verbindet die ökologischen Schattenseiten der Digitalisierung. Zugleich bietet es aber auch Lösungen und Pläne dafür, wie man es besser machen kann. Der Hamburger ADFC präsentiert mit seinem „Läuft!“-Projekt ein Online-Tool, mit dem Anwohner für ihre Straße ein Tempo-30-Limit beantragen können. Und in dem Text „Saatgut wie Software“ erklären drei Forscher, wie patentfreies Saatgut die Landwirtschaft unabhängiger und vielfältiger machen kann.

Bündeln Nerds und Ökos ihre Kräfte, könnten die Schäden der Klimakrise minimiert werden, so die hoffnungsvolle Lesart des Buches. Verbunden seien die beiden Lager, oder Teile davon, ohnehin schon durch die Ziele Gemeinwohl, Transparenz und Gerechtigkeit.

Info

Was Bits und Bäume verbindet. Digitalisierung nachhaltig gestalten Anja Höfner, Vivian Frick (Hrsg.) oekom verlag 2019, 144 S., 20 €

06:00 19.10.2019
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