Gefühltes Armutszeugnis

Auch er habe Schuld. Er hatte damals, in den weiten, leeren Industriehallen, möglichst unbeobachtet und insbesondere an den Feiertagen, auch an Weihnachten und Silvester, viel gearbeitet.
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Gefühltes Armutszeugnis
Foto: Jasper Juinen/ AFP/ Getty Images

Dem älteren Herrn wurden die Augen feucht. Er saß auf der maroden Bank an der Hauswand und blinzelte. Eine kurze Zeit lang liefen die Tränen über sein völlig regloses Gesicht. Dann wischte er sich seine Augen und meinte ruhig und mit rauher Stimme: „Ich habe auch Schuld. Ich weiß das heute und ich wusste es damals auch schon. Aber ich konnte nicht anders." Er schnäuzte sich. „Ich war gerade in der Ausbildung. Und ich musste doch mein Studium irgendwie finanzieren.“ Und nach einer Pause: „Obwohl ich genau wusste, was ich tat, habe ich immer weiter gemacht. Und die Kollegen selbstverständlich auch…“

Er hatte seinerzeit, in den weiten, ziemlich leeren Industriehallen, möglichst unbeobachtet und insbesondere an den Feiertagen, auch an Weihnachten und Silvester, ausgesprochen viel gearbeitet. Bis zu vierzehn, manchmal sogar sechzehn Stunden am Tag. Es war ihm nur recht, dass sehr wenig Beschäftigte da waren, denn er wollte ungern bei der Arbeit gesehen werden. Ihm war einfach unwohl dabei, unter den argwöhnischen Blicken der Arbeiter in den Montagehallen von „Volkswagen“ oder „Daimler“ die vollautomatischen Schweißstraßen zu verkabeln und die Steuerungsschränke zu verdrahten. Ihm war klar, dass sich viele der Arbeiter gezwungenermaßen umschulen lassen mussten oder gleich nach Hause geschickt wurden, weil ihre Arbeit ab sofort eine schnellere Maschine übernahm. In längeren Betriebspausen oder einmal auch im Verlauf weniger Nächte, wurden bei den Firmen Lackierautomaten aufgestellt und verkabelt. Bei „Neff“ und bei „Bosch“ gab es Dank seines regelmäßigen Einsatzes bald neue, effektivere Lauf- und Förderbänder mit Robotern oben und an den Seiten. In immer mehr Fabrikhallen wurde fortwährend und begeistert automatisiert. Immer mehr Leute gingen nach Hause und brauchten nicht wiederzukommen. Möglichst sozialverträglich sollte das geschehen. So wurde zumindest damals gesagt.

Seine Großeltern hatten einmal ein kleines Geschäft und da er als Junge schon alles Erreichbare las, hatte er sich in den Schulferien ein paar Bücher aus ihrem Regal im Wohnzimmer „geliehen“ und so recht früh diverses über Betriebswirtschaft erfahren. Einiges verstand er zwar noch nicht so richtig, aber es war für ihn selbstverständlich, dass man für seine Arbeit und den Handel bezahlt werden muss. Nur, dass er dann als junger Mann, für die Arbeit in den fast leeren Montagehallen, so auffällig großzügig bezahlt wurde, schien ihm doch ziemlich ungewöhnlich und es beschäftigte ihn Zeit seines Lebens. Er konnte damals mit einem Monat harter Arbeit während der Semesterferien und einem mehrtägigen Job in einer kleinen Eckkneipe, sein Studium und eine kleine Wohnung finanzieren. Naja. Es ging jedenfalls irgendwie. Gerade so.

Er hatte dann später in seinem Berufsleben viele unterschiedliche Jobs. Immer erfolgreich und mit vorzeigbaren Ergebnissen. Dabei wurden jedoch niemals wieder so offensichtlich die Arbeitsplätze von Beschäftigten wegrationalisiert. Er hatte sich zu jener Zeit die Automatisierungsmaßnahmen schöngeredet und gedacht, irgendwer würde diese Arbeit sowieso erledigen. Wenn nicht er, dann vermutlich Andere.

Ab dieser Zeit verfolgte er jedenfalls die Entlassungswellen aus den unterschiedlichsten Betrieben besonders aufmerksam. Genauso wie das Ende einiger großer Firmen. Und nun las er überall in den Medien etwas von diesem armselig geschönten „Armuts- und Reichtumsbericht“ der Bundesregierung. Er atmete tief ein.

Seitdem die Arbeitslosenzahlen immer offenkundiger manipuliert worden waren und der Arbeitsmarkt entgültig zusammen zu brechen schien, holte ihn sein schlechtes Gewissen von damals wieder verstärkt ein. Und bisher hatte scheinbar kein verantwortungsvoller Mensch die sehr naheliegende Möglichkeit gesehen, statt wie vordem die Arbeiter, nun einfach die Maschinen und Automaten zu besteuern, um dadurch die arbeitslos gewordenen Menschen zumindest finanziell ein wenig großherziger zu unterstützen.

Die Augen waren noch feucht, als er nach diesen langen, etwas ausführlichen Erklärungen zu seinem Neffen aufsah.

„Weichei“, meinte dieser trocken, nachdem er ihm aufmerksam zugehört hatte. Er tätschelte im Weggehen freundlich seine Schulter und grinste: „Sozialistisches Weichei“.

21:48 17.12.2012
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Geschrieben von

Meyko

Mein BUCH DES JAHRES 2018 "Happen" wurde durch den weiteren Band "Happen II"ergänzt. (Homepagelink unten - Meyko 2018)
Meyko

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