Alte Männer unter Bäumen

Spracherneuerung auf dem Theater Luc Percevals Shakespeareadaption "L. King of Pain" in Berlin und Hannover

Urszenen der Erkenntnis vollziehen sich meist unter Bäumen. Nicht nur, wenn der oder die Beschattete von ihren Früchten isst, erweitert sich der Horizont, wächst entweder das Gefühl, in der Welt behaust oder andererseits die Einsicht, ausgesetzt zu sein im Grenzenlosen. Solche Welt-, Lebens- und Gerichtsbäume sind allerdings rar auf deutschen Theaterbühnen.

Wer vor einigen Tagen die Berliner Schaubühne zu Luk Percevals L. King of Pain betrat, fand dort einen solchen wieder: Schon vor Beginn der Aufführung saßen, hockten, standen oder lümmelten die Akteure unter einem beeindruckenden, knorrig-ausladenden Baum, der fast bis in den Bühnenhimmel reichend das halbe Rund auszufüllen schien.

Was unter Bäumen geschehen kann, beschrieb Walter Benjamin in seinem "Denkbild" Der Baum und die Sprache. Für den Erzähler vollzieht sich unter einem Baum liegend der Vorgang einer Spracherneuerung: "Weil, während ich ins Laubwerk sah und seiner Bewegung folgte, mit einmal in mir die Sprache dergestalt von ihm ergriffen wurde, dass sie augenblicklich die uralte Vermählung mit dem Baum in meinem Beisein noch einmal vollzog. (...) Ein leiser Wind spielte zur Hochzeit auf und trug alsbald die schnell entsprossenen Kinder dieses Betts als Bilderrede unter alle Welt."

Auch bei Perceval strotzte der Baum im Blättergrün, doch das Riesenrequisit stand mit seinem ganzen Wurzelballen auf einer Palette - wie zur Neupflanzung irgendwoher geschafft oder zum Abtransport bereit. Lears Hofstaat gruppierte sich davor: Im Zentrum der korpulente, kassengestell-bebrillte Thomas Thieme als Lear, mehr kauernd als sitzend, in angeschmuddeltem Nadelstreifen, das Goldkrönchen schief auf dem feisten Kopf; seine Jungs, sein Gefolge, verhalten feixend dahinter; die Töchter samt Anhang links in Gartenstühlen plaziert.

Man wartet. Bange, zähe Minuten folgen. Dann stolpern die Worte wie Erbrochenes aus Lear heraus: Stammelnd verteilt er das Land an die Töchter, verweigert gekränkt der Dritten ihren Teil. Er vermag den Lebensbund, wohl auch den eigenen Stuhl nicht mehr zu halten, wehrt sich in regressiven Triaden gegen seinen zunehmenden Kontrollverlust. Dem durch und durch analen Charakter bleibt noch der Griff unter die Röcke der Töchter oder ans eigene Gemächt, dann irgendwann nur noch ein infantiles, minutenlanges "Scheiße, Scheiße, Scheiße"-Stakkato.

1985 hat Klaus Michael Grüber mit Gilles Aillaud, seinem Bühnenbildner, Shakespeares hoffnungslos-düsterstes Drama schon einmal in der Schaubühne inszeniert. Damals dominierte eine windzerzauste Kiefer die Szene, unter der Bernhard Minetti als Lear barmte. Er rang in kargen, kaum vernehmlichen Worten um die nackte Existenz, gleichsam am Ende einer langen Tradition des deutschen Sprechtheaters, das von nun an seinem beschwerlichen Abstieg entgegen ging. Im Geraune Minettis blitzte im Abgesang noch einmal auf, was längst verloren war: Das Sprechtheater sollte zu existenziellen Erfahrungen von Angst, Not und Depression noch etwas zu sagen haben.

Da hilft heute auch nicht, einen guten Leardarsteller, wie kürzlich in den Berliner Sophiensälen, gefunden zu haben: Thorsten Lensing präsentierte dort im Mai den bestens aufgelegten Matthias Habich als alten König neben dem einstigen Doyen der Westdeutschen Theaterkritik und Mitbegründer von Theater-Heute, Henning Rischbieter in der Rolle des Gloster. Den beiden dem Untergang geweihten alten Herrn war zwar mit Ursina Lardi eine aparte Cordelia zur Seite gestellt, doch starke Theaterfiguren erschließen sich weder mit reaktivierten Theatergrößen noch durch gekonntes Text-Aufsagen: Statt der Entstehung der Sprache, dem Leben der Figuren beizuwohnen, sah man in den Sophiensaelen nur hübsches, ungefährliches Arrangement - statt der Bäume ein schickes Vorhangdesign als Bühnendeko, hinter dem man sich gut verstecken konnte.

Lensing glückte zwar die bescheidene Widerholung der Grüberschen Allegorie - zumal sich Habich, Minetti physiognomisch nicht unähnlich, auch wie dieser in seinen besten Zeiten gebärdete -, wirklich mitzuteilen hatte er in den kurzweiligen zweieinhalb Stunden jedoch wenig. Mit Percevals L. King of Pain wird nun mit der Entwurzelung der Kreatur, der Hinfälligkeit der Existenz auch das Versagen der Sprache zum Gegenstand und Horizont der Arbeit am Theater. Auf die Frage des anerkennungssüchtigen Vaters, was sie ihm zu sagen habe, schleudert hier Cordelia (Yvon Jansen) ihm nur ein flämisches: "Niets, Vader" entgegen; Thiemes Lear wird später fragen: "Wer kann mir sagen, wer ik bin? Kennt mich jemand hier? Nee, ik ben niet Lear. Is dit Lears Gang, dit seine Sprache, sind dit zijn Ogen, is dit zijn Kop?"

Ähnlich der Konstruktion von Peter Weiss in Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats bricht Perceval die Verabredungen des mimetischen Theaters, das darzustellen, was der Text zu präsentieren hat. Fast jede Figur - bis auf die bürgerlichen Gatten der Lear-Töchter - wird in eine quasi pathologisch-schizoide Situation gestellt: Was ihr hier seht, ist eigentlich ein Irrenhaus. Der Lear Thiemes ist ein alter Sack, der in seinem Morbus-Alzheimer glaubt, er sei der King. So motiviert sich auch der polyphone Kauderwelsch des beherzt und kraftvoll eingestimmten deutsch-niederländischen Ensembles: Man steht am Anfang einer neuen, gemeinsamen Sprache. Dazu ging bei Perceval mit Thiemes Lear die alte, patriarchale kotzend zugrunde. In welchen Grund der Baum hinter Lears Leiche seine Wurzeln schlagen wird, lässt er offen.

00:00 01.11.2002
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