Armütchen

Auf der Bühne Die Berliner Theatergruppe Lubricat fordert in Berlin "Empathy Now"

Eine Versuchsanordnung: Das Spielfeld ist klar definiert, weiße Linien markieren das Terrain. Links können die fünf Darsteller auf einem Bänkchen Auszeit nehmen. Im hinteren Feld ist eine Wohnlandschaft aus Sperrmüllmöbeln samt Küchenzeile und Duschkabine zusammengestellt - der Raum fürs Private, der durch eine Fototapete mit uniformer Wohnblockfassade abgeschlossen wird, ein Signal für gesellschaftlichen Normierungsdruck. Das vordere Feld ist dagegen für die Bekenntnisse, das heißt fürs Öffentliche reserviert. Dort steht ein Trog mit Kakteen. Ab und an wird er gewässert.

Jetzt hat sich auf dessen Rand der Darsteller Niels Bormann gesetzt. Neben dem Regisseur Dirk Cieslak gehört er zum harten Kern der in den neunziger Jahren gegründeten Theatertruppe Lubricat - keine Produktion ohne den schmalen, hoch aufgeschossenen Frontmann mit krausem rotem Haar. Nun spielt er in der Premiere von Empathy Now, einem "Trainingsprogramm für Fernstenliebe und Solidarität", in den Berliner Sophiensaelen. Wie im Programmzettel nachzulesen, möchte man sich damit an die UN-Milleniumskampagne zum Kampf gegen extreme Armut anschließen.

Bormann holt, nachdem er sich als Andreas Brandes vorgestellt hat, einen Zettel aus der Tasche und liest: "Liebe Angela Merkel, ich heiße Andreas Brandes und bin 34 Jahre alt." Brandes alias Bohrmann führt im Weiteren die Ungerechtigkeit der europäischen Agrarpolitik gegenüber afrikanischen Ländern aus. Fazit: "Agrarzölle töten in den Südländern". Das ist kabarettreif, ein garantierter Lacher. Die Szene wiederholte sich daher in Variationen. Ganz großer Lacher: Kristina Brons im grauen Kostüm gibt die Kanzlerin.

Doch was bleibt jenseits des Kabarettistischen? War man nicht angetreten, an der "Schnittstelle zwischen künstlerischer Praxis und politischer Kampagne" zu agieren? Die Frage nach den Übergängen vom Theater in die Wirklichkeit, von der Kunst in die Politik, beschäftigt die Truppe Lubricat seit ihren Anfängen. Das Prinzip besteht in der weitgehenden Enthierarchisierung des Produktions- und Aufführungsbetriebs. Je mehr der Regisseur sich dabei zurückziehen kann, je weniger inszeniert erscheint, desto besser, lautet ein Credo des Regisseurs Dirk Cieslak. Seine Rolle gleicht daher eher einem Moderator. Dabei verlangt er seinen Darstellerinnen und Darstellern eine Menge ab. Denn an ihnen ist es, aus Interviews und Gesprächen ihre Figuren und Rollentexte nach einer thematischen Vorgabe zu formen.

In Empathy Now entwirft man nun eine WG aus fünf linken, politisch engagierten Zeitgenossen Mitte 30, die sich irgendwie mit sich selbst, ihren Ticks und ihren Sorgen um die globale Lage auseinander zu setzen haben: "Alles ist Stress. Das Ende des Mangels finde ich interessant", träumt Anja Marlene Korpiun im lila Abendkleid.

Eine durchgängige Geschichte, eine Personenentwicklung, kurz alles, was das dramatisch-mimetische Theater zu bieten hat, ist bei Lubricat durchgestrichen oder ironisch gebrochen. Stattdessen versteht sich die Gruppe als ein Labor zur "Wirklichkeitserprobung", in dem - ausgehend von der Erfahrung der Spieler - eigene Lebensentwürfe in Bezug auf gesellschaftliche und politische Handlungsformate auf dem Prüfstand stehen. Es entstehen lose Szenenfolgen, in denen sich individuelle Rhetorik und allgemeine Diskurse auf humorvolle und unterhaltende Weise reiben wie in Café Dutschke (2002) oder Einfache Dienstleistungen (2006).

Bei Empathy Now hingegen ist man mit diesem Konzept gescheitert. Die Kluft zwischen den hehren Zielen der im Jahr 2000 von der UN initiierten Kampagne zur Beseitigung der Armut und Rechtlosigkeit von Milliarden Menschen und den Handlungsspielräumen politisch denkender Mitteleuropäer überfordert auch die Truppe um Dirk Cieslak. Man weiß nicht so recht, ob man die Kampagnenrhetorik ernst nehmen oder konterkarieren soll. Wenn Eva Löbau ihre Rastaperücke aufzieht und verkündet, dass sie fortan "ethisch korrekt leben" wolle, oder Vanessa Stern aus Protest gegen das Elend der Welt die gerade gekochten Spaghetti aus dem Fenster schmeißt, dann setzt der zweistündige Abend kleine Höhepunkte. Doch in dem Moment, wo er die analytische Ebene verlässt ("Sie dürfen jetzt nicht weinen") und behauptet, das Theater könne zu dem Thema mehr Verbindlichkeit durch Mitgefühl herstellen als das Medienrauschen, in diesem Moment wird er schwer erträglich.


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Geschrieben von

Kommentare