Bürgerliche Unterwelten

Die Gegenwart im Theater "Das kalte Kind" an der Schaubühne und "Café Dutschke" in den Sophiensaelen in Berlin

Zwei Uraufführungen in Berlin geben dem Deplatzierten und Verdrängten Stimme und Raum, indem sie in Abgründe bürgerlicher Lebenswelten führen. Betritt man die Black-Box des Zuschauerraumes der Schaubühne am Lehniner Platz, glaubt man sich bereits in der Vorhölle angekommen. Im kahlen, grau betonierten Bühnenraum ist ein kleines, kaum zwölf Quadratmeter großes Podium aufgebaut, umgeben von einem tief unten mit Kartons ausgelegten Graben. Darauf verharren lungernd acht Schauspieler in Abendgarderobe, bis der letzte Zuschauer seinen Platz gefunden hat. Erst ein langsam anhebender Beat erweckt eine mit dem Rücken zum Publikum stehende Schauspielerin zum Leben.

Lena (Stephanie Eidt) ist eine Archäologiestudentin, die ihre Eltern und ihre jüngere Schwester in einem Lokal erwartet, wo sie der Vater wiedereinmal mit seinen Einsichten, Überzeugungen und Erwartungen nerven wird. Von der vollen Drum-and-Base-Musik und dem Tanz Lenas angestiftet, bilden die anderen einen absurden Chor, aus dem sich eine zweite Gruppe formiert. Auch sie befindet sich zufällig in diesem Lokal: Ein überfürsorglicher Vater (Thomas Bading), dessen Frau Silke (Christin König), die spitz auf Johann ist und Johann (Bruno Cathomas), der gerade erst eine Abfuhr bei seiner Angebeteten bekommen hatte.

Die Figuren beider Gruppen, die sich schnell als Zwangsgemeinschaften herausstellen, sollen sich im weiteren Verlauf der Aufführung überkreuzen und zerfurchen, jeder auf gieriger Suche nach Authentizität und Anerkennung. Dabei definiert die Inszenierung ihre eigenen Gesetze: Auf dem Podium sind keine Tische, Stühle, Requisiten zu finden - lediglich fünf ineinander verschobene brusthohe Spiegelwände, welche die Bewegungsmöglichkeiten der Schauspieler zusätzlich zur Enge der Plattform einschränken und lenken.

Der Belgier Luk Perceval, mit Tschechows Kirschgarten und den Shakespeare-Überarbeitungen Schlachten und L. King of Pain in Deutschland bekannt geworden, inszenierte an der Schaubühne am Lehniner Platz die Uraufführung von Marius von Mayenburg Das kalte Kind ohne jeden Anklang von Mimesis: Authentische Darstellung gelingt für ihn nicht in der Nachahmung der Welt da draußen, sondern nur durch die Gesetze der Welt dort drinnen.

Durch die derbe Vorlage hindurch gelingt Perceval und seinen Schauspielern eine präzise Analyse bürgerlicher Verhaltensmuster, eine Choreographie der Beziehungen und gegenseitigen Abhängigkeiten. Die Begegnungen finden auf der Damentoilette statt, wo sich der Exhibitionist Henning (Roland Kukulies) eingerichtet hat. Er bildet das heimliche Gravitationszentrum, seine narzisstische Obsession scheint die Kraft zu sein, die alle nahe dem Abgrund auf der Plattform hält: Denn weder der Vater vermag die eine, noch das gemeinsame Kleinkind die andere Familie zusammenzuhalten. Perceval zeigt eine Gesellschaft, die Fliehkräften ausgesetzt ist, denen sie nichts entgegenzusetzen hat. Nach einer verunglückten Hochzeitsfeier zwischen Henning und Lena bei der die Männer ihre Anzugshosen zu einem Paartanz herunterlassen, krachen sie tatsächlich in die Pappschachteln im Abgrund.

Wo Perceval gleichsam die Zentrifugalkräfte der Gesellschaft in Szene setzt, indem jede Figur, die sich in ihrem Anerkennungs- und Geltungsbedürfnis ins Zentrum stellt, gnadenlos aus diesem herauskatapultiert wird, so lassen sich in der Inszenierung Café Dutschke von Dirk Cieslak in den Sophiensaelen gleichsam deren Zentripetalkräfte besichtigen.

Auch Cieslak arbeitet mit acht Darstellern. Vier Schauspielern seiner Truppe Lubricat, die seit deren Gründung 1996 in den Sohiensaelen regelmäßig auftritt, sind vier ältere Laien zugeordnet. Keine der Personen wird dominant in den Mittelpunkt rücken, alle, demonstrativ einig - Generationenkonflikte sind hier einmal nicht angesagt -, werden im Verlauf dieses Abends im Zentrum stehen.

Cieslaks Arbeit ist, vom dramatischen und postdramatischen Theater weit entfernt, nahe an dem, was als Dokumentartheater bezeichnet werden könnte, in dem Realität und Fiktion schwer unterscheidbar nebeneinander liegen. Sein Abstieg in das bürgerliche Purgatorium nimmt sich daher eine sehr viel diskretere und leisere Form: Die Erinnerung und Präsentation von vier Lebenswegen, westdeutsche Biografien heute 60-Jähriger.

Von den vier jüngeren Schauspielern assistiert und moderiert treten auf: Ina aus deutschem Uradel in der Wilmersdorfer Einzimmerwohnung; Renate, die Fliegenkönigin der Uni-Göttingen; Ingrid, die auch aus ihren Tagebüchern vorlesen wird; und schließlich Peter, der Sohn von Johannes, der die fünf Tibeter kennt.

Der auf die Bühne gestellte Weihnachtsbaum, ein Karl Orffsches Instrumentarium und dargebrachtes Liedgut der fünfziger Jahre zwischen den Akten provozieren dabei bewusst die Nähe der Inszenierung zu Bibelgemeinschaftstreffen im Altersheim und vorabendlicher Fernsehunterhaltung, konterkarieren aber das Dargebotene damit zugleich auch.

Die Alten präsentieren unambitioniert Episoden und Geschichten, die auch für sie längst vergessen waren. Cieslak und seine Akteure haben über eine Zeit von drei Monaten mit ihnen Texte und Spielszenen erarbeitet, die ihr früheres Leben, ihre Sehnsüchte und Enttäuschungen reflektieren: Die erste Liebe, die Schwärmerei für Ted Herold, der Zusammenhang von Goldtalern und Smarties, Zilles Grab auf dem Stahnsdorfer Friedhof, neben dem man sich vorsorglich schon eingemietet hat, aber auch manches, was einem den Atem stocken lässt, wie den miterlebten GSG-9-Einsatz 1977, oder die Aufzählung der Verwandten derer von Trotha, die irgendwann seit dem Überfall auf Polen für Volk und Vaterland gefallen waren.

Die Inszenierung gibt nur Bruchstücke der Biografien preis, ohne den großen Bogen einer Erzählung oder die Spannung der Dramatik zu erreichen. Aber sie zeigt, wie sich aus dem Alltag, dem Privaten und der Erinnerung das kollektive Gedächtnis bereichern lässt, wenn es in einem performativen Rahmen öffentlich wird.

00:00 10.01.2003
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