"Der kurze Herbst der Utopie" im Haus der Demokratie

Ausstellung Ein hochformatiges Schwarzweißfoto: Es zeigt vier Herren in fescher Uniform. Sie demonstrieren sichtlich nervös Gelassenheit. Das hatten sie in ihrer ...

Ein hochformatiges Schwarzweißfoto: Es zeigt vier Herren in fescher Uniform. Sie demonstrieren sichtlich nervös Gelassenheit. Das hatten sie in ihrer Karriere bisher nicht erlebt. Vor ihnen hocken zwei Demonstranten auf dem Bürgersteig und entzünden Kerzen. Das Foto stammt aus den letzten Tagen der DDR, der 24. Oktober 1989, als sich der alte Apparat mit einem neuen Apparatschik über die Runden zu Retten suchte. Honecker wurde durch Krenz abgelöst und das 11.000 Planstellen starke Wachregiment "Feliks Dzierzynski" des Ministeriums für Staatssicherheit, zuständig für die Sicherung der Partei- und Staatsführung, bekam - hier vor dem Palast der Republik - noch einmal richtig was zu tun.

Das Foto ist das beeindruckende, bisher nicht weiter veröffentlichte Titelbild der dokumentarischen Ausstellung Der kurze Herbst der Utopie. Berlin 1989/ 90. Eine Arbeitsgruppe um Heidemarie Kruschwitz, Katharina Sophie Rürup, Sebastian Gerhard und Thomas Klein, zu Wendezeiten in den "Vereinigten Linken" organisiert, hatte die Schau bereits im Jahr 1999 aus bis dahin nicht gezeigten Dokumenten, Fotografien und Begleittexten erstellt. Dass sie nun im Erdgeschoss des Hauses der Demokratie gezeigt wird, verdankt sich einer Trotzreaktion des Stiftungsvorstandes. Im Vorfeld der 60-Jahre-Deutschland-Feiern 2009 steht zu befürchten, dass die DDR-Bürgerbewegungen als kritiklose Vorkämpfer der Wiedervereinigung vereinnahmt werden. Ein Redaktionswechsel bei der Zeitschrift Horch und Guck, als kritische und pluralistische Plattform zur Aufarbeitung der DDR-Bürgerrechtsbewegung gedacht, und der übliche Hickhack um Geldmittel, geben einen Vorgeschmack auf die bevorstehenden Grabenkämpfe um die offizielle Wendegeschichtsschreibung.

Mit der neuerlichen Präsentation seiner Ausstellung bringt Sebastian Gerhard allerdings ein Geschütz in Stellung, dem der Gefechtskopf abhanden kam. Denn die mittlerweile annähernd zehn Jahre alten, aus der Form geratenen Dokumentfolien mit Texten und Bildern eignen sich kaum mehr zur Präsentation. Zudem sind die Räume im Haus der Demokratie nicht für eine derart umfangreiche Ausstellung geeignet. Auch die 1999 herausgegebene und nun in zweiter Auflage vorliegende Broschüre bedürfte dringend einer Überarbeitung in Buchform mit Quellennachweisen, wenn in den kommenden zwei Jahren wie geplant Neuauflagen der Ausstellung folgen sollen.

Dies wäre wünschenswert, denn der Arbeitsgruppe gelang ein differenzierter Blick auf die Vorgänge zwischen den gefälschten Kommunalwahlen am 7. Mai 1989 und der Volkskammerwahl vom 18. März 1990, mit der Alternativen zur D-Mark-Vereinigung ausgeträumt waren. Der Verdienst der Materialsammlung besteht nicht nur darin, die somit begrabenen Alternativen zu dokumentieren und zu erinnern. Vielmehr, und darin liegt Sprengstoff, weist sie deutlich auf die Agenten der Wiedervereinigung im rechten Lager hin. Das passt ebenso wenig ins Historienbild des Commonsense wie die hier wieder aufgeworfene Tatsache, dass ein Großteil der im Wendeherbst politisch Aktiven nicht auf Kohl-Kurs steuerte.

Man muss sich nicht von populistischer Historienkost à la Florian Henckel von Donnersmarck vollsülzen lassen. Noch darf die Interpretation unserer jüngsten Vergangenheit einigen kaum weniger konsensorientiert staatstragenden Institutionen überlassen werden. Der kurze Herbst der Utopie bietet hier ein gutes Gegengewicht, dem eine kräftige finanzielle Unterstützung nur zu wünschen wäre.

Bis 5. Dezember im Haus der Demokratie und Menschenrechte, Berlin, Greifswalder Straße 4. Broschüre 1,50 EUR

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