Der Styx fließt durch Berlin

KANZLERAMT 2 Das Spiel mit den Gesten der Herrschaftsarchitektur

Keine andere Stadt hätte für Max Webers These vom Zusammenhang zwischen heiligem Geist und Geld, der Gnadenwahl Gottes und der Kapitalakkumulation ein sinnfälligeres Bild liefern können als Berlin. Noch während der langen Planungsphase für eine neue monumentale Hofkirche an der nördlichen Spreeinsel und vor deren Weihung zur Hauptkirche des deutschen Protestantismus 1904 entstand auf der gegenüberliegenden Spreeseite - aus Ermangelung eines geeigneten Gründstücks im Bankenviertel der Friedrichstadt - die Berliner Börse. Opferstock und Aktienkurse waren nur durch den Fluss getrennt. Die absolute Grenze zwischen Diesseits und Jenseits, zwischen Himmelreich und Weltgetümmel war konkret geworden: Die Spree war fortan auch der Fluss der Unterwelt. Der Styx floss durch Berlin - zumindest bis zur Nachkriegsbeseitigung der Trümmer der Börse. Bis heute scheint die Spree die einzige wirklich unverrückbare Größe im Gefüge der Stadt zu sein.

Dass Berlin maßlos sei, hat man der Stadt seit jeher vorgehalten. Dass es ihr an einem Maßstab fehle, in der Architektur zumal, bleibt unbestritten. Jede der vergangen fünf Generationen hat ihn nach ihrer Gangart zugeschnitten, zurechtgemacht und zugerichtet. Darum verwundert die Diskussion um den Maßstab und die Monumentalität, Angemessenheit und Anmaßung im Bau des neuen Bundeskanzleramts im Spreebogen nicht.

Wie schon kurz nach der Fertigstellung des alles überragenden, die Raumfügung am Lustgarten sprengende Monstrosität des Berliner Doms im Jahre 1905 zu Recht die Stimmen für dessen baldigen Abriss laut wurden, legen nun schon manche insgeheim das Dynamit unter den am 2. Mai mit der Schlüsselübergabe eingeweihten Bau der Architekten Charlotte Frank und Axel Schultes.

Man sieht ein Neu-Teutonia heraufbeschworen, das seine "Nutzer" prägen wird - und das sind nicht nur der Kanzler und sein Tross, sondern auch wir, die wir uns ein Bild von der Machtzentrale der Republik am Zaun und an den Fernsehschirmen machen werden.

Als schwane den Verantwortlichen Böses, hat der Künstler Markus Lüpertz für den Eingangsbereich ein rundum laufendes Wandbild, die sechs Tugenden, erschaffen und vor die Freitreppe des Foyers als unsere Stellvertreterin eine nackend grübelnde "Philosophin" in Bronze stellen lassen. Wie weiland in Till Eulenspiegels Ahnengalerie des Fürsten ist auf den monochromen Gemälden außer Farben nichts zu sehen.

Diese hilflos-didaktische Intervention der Kunst hätte die Architektur nicht nötig gehabt, denn Frank und Schultes verstehen bei eingehender Betrachtung nicht nur die große Geste zu inszenieren und zu brechen, sondern ihr Bau bringt auch einen aus den Fugen geratenen Stadtraum ins Lot.

Außer der Disposition des Oggersheimer Prinzipalen schien nämlich zunächst nichts für diesen Standort zu sprechen, denn der Bau steht nicht nur auf einem Teil des Geländes des ehemaligen preußischen Generalstabs, der geplanten, 320 m hohen "Großen Halle" von Albert Speer, sondern auch auf dem Grundstück des nach der Wende verworfenen Deutschen Historischen Museums von Aldo Rossi. Doch als vorläufiger Schlussstein des 1993 vorgeschlagenen "Band des Bundes" setzt das Kanzleramt schon heute nicht nur einen gelungenen Kontrapunkt zu der durch Forsters Kuppel mühsam aufgelockerten Masse des wilhelminischen Reichstagsgebäudes und zu den noch im Entstehen befindlichen Verkehrsbauten des Lehrter Stadtbahnhofes im Norden, sondern auch zu den verkitschten Türmen des Kapitals der "Gotham City" (an die sich Batmanfans angesichts Potsdamer Platz und Sony Plaza zwangsläufig erinnert fühlen) am südlichen Tiergartenrand.

Das neue Bundeskanzleramt rückt diskret das städtebauliche Gefüge zurecht, obwohl ihm als Solitär noch das in den ursprünglichen Planungen vorgesehene Widerlager eines Bürgerforums fehlt, welches wesentlich zwei Funktionen erfüllen sollte: zum einen eine architektonische Verbindung zum gegenüberliegenden Paul-Löbe-Haus des Bundestages von Stephan Braunfels herstellen und zum anderen dem Neugierigen das längere Verweilen legitimieren. So monumental der Bau ist, wirkt die Architektur dennoch offen und einladend. Sie spielt mit den Gesten einer Herrschaftsarchitektur, ohne diesen zu verfallen.

Schultes und Franks Bau stellt im Grunde eine manieristische Paraphrase über das barocke französische Adelspalais dar, wie es entlang der Wilhelm- und Leipziger Straße einst auch für Berlin übernommen wurde. Die alte Reichskanzlei im Palais Radziwill könnte den Takt vorgegeben haben. Der Neubau gliedert sich klar um einen von relativ niederen Seitenflügeln gerahmten Ehrenhof, der zur Stirnseite hin durch einen auf acht Stockwerke aufragenden Mitteltrakt abgeschlossen wird - das Leitungsgebäude mit Repräsentations- und Arbeitsbereich.

Gegensätze und Brüche sind in den Bau hinein inszeniert. So setzen sich die auskragenden, mit Schlitzen versehenen Gesimse der Hofseiten als Lichtband zwischen Verwaltungs- und Leitungstrakt durch den gesamten Bau fort, geben sich die Stirnseiten der Seitenflügel geradezu schmucklos und abweisend, ragt der Mitteltrakt trotz seiner kolossalen Ordnung heiter heraus. Bis hinauf in den vierten Stock zogen die Architekten eine Glaswand, vor die 14 organisch geschwungene Stelen gepflanzt wurden; auf einigen Pfeilerriesen sprießen, einer stützenden Funktion entbunden, statt eines Kapitels Bäumchen.

Frank und Schultes gelang es auf diese Weise, den Bau monumental zu gliedern, ohne ihn massig wirken zu lassen, sie leiten den Blick, ohne ihn zu bevormunden. Wo in klassizistischen Gebäuden die Gebälkzone zu erwarten wäre, reißt der Bau eine vertikale Öffnung, aus deren Inneren heraus sich vom achten Geschoss ein Le Corbusier abgelauschtes, segelförmiges Gesims bis zum Dachtrauf schwingt, als könne sich der Bau in die Lüfte heben.

Auch das Innere zitiert Moderne und Barock. Die Stelen pflanzen sich hier fort, ebenso wie das gebauschte Segel des Mitteltraktes in den Decken wiederkehrt. Wie im barocken Schlossbau prägen zwei großzügige Freitreppen das Foyer, das nahtlos in den Kanzlergarten übergeht, während drei übereinanderliegende, amphitheaterähnliche Treppen die oberen Stockwerke verbinden. Der Bau spricht im Inneren gegen jedes absolutistische Gebaren, was der sparsame Umgang mit dem Material noch unterstreicht: Nachbehandelter Sichtbeton, weiße Decken, graugrüner Naturstein im Boden kontrastiert das Türkis der Fensterrahmungen und Geländer, und das Buchenbraun der Einbauten.

Die Büros der Verwaltungstrakte sind zudem um bepflanzte Höfe gruppiert, wodurch einerseits die drohende Eintönigkeit endloser Fensterreihen vermieden wird, andererseits weitere zwanglose Übergänge von Innen nach Außen formuliert sind. Der südliche Flügel setzt sich im Taumel einer unregelmäßig rhythmisierten Kolonnade fort, um an der Spree in einer gewaltigen kreisrunden Öffnung einen Schlusspunkt zu setzen - die Architektur löst sich auf und feiert sich selbst.

Die Spree trennt hier Architektur und Garten, Arbeit und Müßiggang: Wie ein barocker Lustgarten schließt sich auf der gegenüberliegenden Seite der langgestreckte, terrassierte "Kanzlerpark" an - als kleines Arkadien mit Hubschrauberlandeplatz gedacht.

Nach Arkadien, zu Glück und Seelenfrieden gelangt jedoch wirklich nur, wer sich nicht mehr erinnern kann, wer aus dem Fluss des Vergessens getrunken hat. Folgte man dem Bild, wäre die Spree, am Kanzlerbau nun der kleinere Fluss der Unterwelt, die Lethe, aus der vielleicht die ganze selbstvergessene Stadt getrunken hat.

Und auch der Styx fließt, wenn man so will, noch in Berlin, nur etwas spreeabwärts. In Treptow haben Frank und Schultes eine Anlegestelle gebaut, an der man zu gegebener Zeit in Charons Nachen steigen kann: Das vor zwei Jahren eingeweihte Krematorium am Baumschulenweg.

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00:00 04.05.2001
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Ausgabe 41/2021

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