Die Lust am höheren Indianerspiel

Zeitgenössisch Friedrich Schillers "Die Räuber" und Martin Heckmanns Gegenwartsdrama "Kränk" am Staatstheater Kassel

Das Theater - eine Welt im kleinen, ein Makrokosmos, in dem die große sich spiegelt, abbildet, überprüft und wiederfindet. Wie dies jenseits von Spiralblock-Posse und regelmäßig wiederkehrenden Feuilletonschlachten ums Regietheater gelingen kann, zeigt manchmal ein Blick weg von den ersten Häusern der Republik in die zweite Liga, zum Beispiel nach Kassel.

Der aus Münster bestellte Intendant des Vier-Sparten-Hauses und Direktor des Schauspiels Thomas Bockelmann setzt nun schon in der zweiten Spielzeit erfolgreich auf eine homogene und engagierte Ensemblearbeit, einen Spielplan, der sich zu über fünfzig Prozent auf Gegenwartsdramatik einlässt und auf thematische Schwerpunkte setzt. "Arm und reich - für alle reicht es nicht?" lautete die Fragestellung, mit der das Schauspiel in seine erste Saison ging. In der jetzigen fragt man nach "Helden, Rebellen, Terroristen".

Am vergangen Wochenende hatten zwei Kostproben dieses dramatischen Reigens Premiere: Kränk von dem 1971 geborenen Martin Heckmann in der Regie Kay Voges und Friedrich Schillers Die Räuber in der Regie der jungen Schirin Khodadadian - zwei höchst unterschiedliche Versuchsanordnungen zum Thema Rebellion in paternatalen Verhältnissen.

Diese "Lust am höheren Indianerspiel" wie es Thomas Mann mit Hinblick auf Karl Moors Ausbruch in den Räubern formulierte, ist Heckmanns Helden Christian, der sich aus Protest gegen den Papa Ernk nennt, gleich anzusehen: Er trägt, wie das weitere Personal des Stücks, Vater, Mutter, die Geliebte und deren Tochter, eine etwas übertriebe Perücke, die ihn nach Winnetou aussehen lässt - comichafte Überzeichnung eines bitterbösen Spiels, das der Bühnenbildner Marcus Lobbes in eine langgestreckte, nach vorne mit Plexiglas verblendete, bis zu den Möbeln und Bilderrahmen hin weiß getünchte Miniaturwohnung versetzt. Dort sitzt der alleinerziehende Vater, sein Sohn und die Besucher, die Decke viel zu niedrig, alles viel zu eng, weit weg von uns. Und doch kommen sie uns sehr nah: Im Wechsel von Mikrofonstimmen und freiem Sprechen baut sich eine Spannung auf, die sich in der räumlichen Beschränkung sprachlich, körperlich brachial entlädt. Die vierte Wand zwischen Zuschauer und Bühne bekommt bei Voges mit der verglasten Schranke des Miniaturraums einen buchstäblichen Sinn. Nur mit der Sprache vermag der Sohn aus diesem verglasten Kasten und dem patriarchalen Diktat zu entfliehen. Um zu sterben, springt er am Ende dagegen.

Martin Heckmanns Kränk in Kassel, die zweite Inszenierung nach der Uraufführung in Frankfurt durch Simone Blattner, lebt weniger durch Story und Plot, als durch den Sprachwitz in Lautverschiebungen und Metonymien. "Horch auf. Hör weg. Hör änders", weist der Held Ernk die TV-sozialisierte postpubertäre Blondine Rosa an, die mit ihrer Mutter zu einem Besuch ins Haus kommt. Boulevardesk überzeichnet nähern sich die Eltern, der Vorgesetzte und die Sekretärin (Axel Holst und Eva-Maria Keller) an, während Ernk in Rosa eine Komplizin findet. Gemeinsam brechen sie in ihre Sprach- und Gedankenwelt aus, Hänsel und Gretel im großen dunklen Wald.

Ohne großen Aufwand wird dies gespielt, indem die beiden Schauspieler Andrea Cleven und Jochen Drechsler vor den weißen Wohnkasten treten. Dort begegnen sie der unzurechnungsfähigen Mutter (Marie-Claire Ludwig). Diese Begegnung verhindert bei Heckmann die Emanzipation des Sohnes. Mit Rosa vermag er nun so recht nichts mehr anzufangen, die ohnehin ihren gemeinsamen Idiolekt, das Kränk, an die Großen verraten hat. Das ausgewogene Verhältnis von Realismus und Überhöhung machten aus dem kleinen Text einen großen Abend.

Ungleich mehr zu stemmen hatte da Shirin Khodadadian - vor allem wenn man davon ausgeht, dass Die Räuber nach den chorischen Dekonstruktionen von Alexander Lang am Berliner Schillertheater und Frank Castorf an der Volksbühne erst einmal nicht mehr zu machen sind, wie in Theaterkreisen gerne geglaubt wird. Khodadadian setzt auf die Jugend und Energie ihrer vorzüglichen Darsteller, die Sprache und auf die für den Autor selbst in Teilen abstruse Versuchsanordnung.

Im Breitleinwandformat hat die Bühnenbildnerin Carolin Mittler in die Documentahalle eine langgestreckte Reihe von hochgewuchteten Podien gestellt. Wie nach einer durchgemachten Clubnacht, der DJ hat schon das Mischpult eingepackt, stehen im Arbeitslicht Stühle herum, Boxen, Kabel liegen auf dem Boden. Doch man will noch nicht nach Hause: Als hätte Schillers Familie Moor und ihre Freunde zu viel Ecstasy geschluckt, beginnt man sich nun gegen die Anmutungen der anderen und den Zumutungen des Lebens zu wehren. Während sich der verstoßene Karl (Nico Link) in manisch-depressiven Schüben mit seinen Jungs ans Ausmisten der verkehrten Welt macht, bleibt der intrigante Bruder Franz (Mike Olsowski) als einziger nüchtern und arbeitet sich zielstrebig ins väterliche Machtzentrum vor.

So zeitgenössisch, intensiv und glaubwürdig hat man die ungleichen Brüder noch nicht gesehen. Die klugen Kostüme Ulrike Obermüllers spielen mit der hippen Markenmode, rücken die Figuren jedoch mit raffinierten Schnitten und wenigen Versatzstücken wie Perücke, Dreispitz, Wams ins 18. Jahrhundert, in die nötige Distanz eines Traumspiels. Der Albtraum, der sich an die Phantasie von persönlichem Glück in einer total kontrollierten (Franz) oder unentfremdeten Welt (Karl) anschließt, entfaltet sich in Kassel nicht zuerst aus Politik, sondern aus Liebe. Wie es am Ende einer durchgetanzten Nacht schließlich nicht darum geht, wer den Putzdienst und den Wochenplan organisieren darf, sondern darum, wer noch welche Frau abschleppen kann.

Bei Schiller gibt es nur eine, Amalia. Sie wird von Therese Dörr gespielt und sie muss zu den großen Entdeckungen des Abends gezählt werden. Alles andere als das liebende blonde Dummchen bei Lang gibt sie die Amalia selbstbewusst eigensinnig mit Zartheit und Ambivalenz. Therese Dörr entzieht sich durch Stimme und nuancierte Gesten der Opferrolle, noch bevor sie im letzten Akt vom geliebten Franz abgestochen werden soll. Doch dazu kommt es nicht. Amalia verlässt einfach die Bühne. Sie wird sich in ihrem Empirekostüm sicher kein Taxi nehmen, aber bei den Zurückgebliebenen die Hoffnung nähren, dass es bald wieder eine Party mit ihr geben wird - die könnte demnächst auch wieder in Kassel steigen.


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00:00 17.03.2006
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Ausgabe 38/2021

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