Immer die anderen

Leistungsschau alternativ Das Festival "reich und berühmt" erprobt performative Strategien der Subversion

Reich und berühmt, das sind nach den Regeln der Kulturindustrie immer die anderen. Starkult, Fernsehshows und Reklame vermitteln mit dieser Neidformel dem Zuschauer bis in die Kinderstube hinein die Fiktion, ein erfülltes Leben gelinge nur als öffentliche Person oder durch grenzenlosen Konsum.

Mit dem nunmehr zum fünften Mal zeitgleich mit dem Theatertreffen im Berliner Podewil veranstalteten Festival reich und berühmt soll diese Logik im theatralen Bereich - zumindest für die Dauer des Festivals - arretiert, durchgestrichen, aufgehoben werden: Hier geht es nicht um Leistungsschau, um "Oscars", um die großen Macher der etablierten Betriebe, sondern um die Sichtung unterschiedlichster theatraler, performativer und künstlerischer Ansätze zwischen Live-Act, Bühnen-Inszenierung und Medien-Installation. Notwendiger Weise ist hier nicht alles geglückt, versteht sich die Veranstaltung doch als ein Forum, auf dem Arbeiten auch im Versuchsstadium präsentiert werden können. So zeichnet sich reich und berühmt zuvorderst durch eine anarchische Vitalität aus, die Potentiale sichtbar macht.

Die beiden Veranstalterinnen Aenne Quiñones und Kathrin Tiedemann haben diesmal für zwei Wochen 13 höchst unterschiedliche Produktionen und, diese begleitend, Filmabende und Foren an verschiedenen Orten - neben dem Podewil die Staatsbank in der Französischen Straße und der Prater sowie die Sophiensäle - versammelt. Von den Clubräumen und der Lounge im Podewil lädt man zu theatralen Forschungsreisen, Höhenflügen und Abstürzen.

Mit dieser spezifischen Mischung war man gleich am Eröffnungswochenende konfrontiert. In der als Jugendzimmer ausstaffierten Lounge eben noch Becks-Bier schlürfend, in ausgelegten Bravo-Heftchen blätternd und dabei pubertären Lebensentwürfen nachhängend, deren Erfüllung versagt blieben, erlebte der Zuschauer kurz darauf in der Theaterinstallation Terrain! Terrain! Pull up! Pull up! die Konkretisierung der heraufbeschworenen Jugendphantasien in nahezu albtraumhafter Weise: Erstens: der Beruf des Piloten, Lokomotivführer, Held der Lüfte, im katastrophischen Moment, der - zweitens - von Matthieu Carrière, einst reich und berühmt, gespielt wurde.

Da saß er, nachdem man durch einen Fließtext trocken und detailliert über den nun folgenden Hergang des Absturzes des Fluges Boing 953 informiert wurde, zerfurcht und ergraut mit dem Schauspieler Christian Kuchenbruch vor einer riesigen Videoleinwand, auf die das Cockpit eines Flugsimulators projiziert wurde. Das Duo Harriet Maria und Peter Meining ließen nun unerbittlich die Hergänge verschiedener bekannter Flugzeugkatastrophen nachspielen: den Einbruch des Unvorhergesehenen in die Routine des Alltages. Doch die Pointe der Video-Theaterinstallation lag nicht in der Präsentation des Unglücks bis in die letzte Sekunde - die Gespräche kurz vor dem finalen Aufschlag blieben einem erspart - sondern in den Erinnerungsfetzen der Piloten, die aus kurzen Filmzitaten von Achternbusch bis Godard bestanden, wobei es Kuchenbuch und Carrière zugeteilt war, den Dialogpartner im Gegenschnitt mit den Filmsequenzen live zu mimen.

Der Höhepunkt der Veranstaltung war jedoch schnell erreicht und das Prinzip durchschaut - allzu vordergründig und wahllos spulten sich Film- und Livedialoge ab, ohne durch die "Cuts" die behauptete Introspektion oder eine Verdichtung der Gefühlslagen der Protagonisten zu gewinnen.

Blieben die Zuschauer hier noch ziemlich distanziert, wurde beim Auftritt der gehypten Truppe She-She-Popp mit ihrem Stück Rules (Mach dein eigenes Spiel) jede Distanz hemmungslos aufgehoben. Bühne und Zuschauerraum wurden kurzerhand zum Spielfeld erklärt, auf dem sich achtzig Minuten lang ein eher mäßig skurriles Sportstück abspulte, in dem Selbstreferenzielles ("Werden wir es noch schaffen?") und Allegorisches ("Gelingt es der ›Gunst‹ die Endzone zu erreichen?") die Einzelcharaktere ersetzen durften.

Vielleicht hatte man hier und an anderer Stelle doch zu sehr auf die "Reichen" und "Berühmten" der Szene gesetzt: Dass Roberto Ohrt einen Film des französischen Undergroundfilmers Guy Debord vorstellte, war ja prima, dass er selbst jedoch auch noch den Deutschen Text einsprechen durfte, erschien eher überflüssig.

Dass es auch ohne Hype geht, zeigten dann zwei höchst unterschiedliche Arbeiten: Ebenso mit der Katastrophe und deren medialen Aufarbeitung befasst, rekonstruierte die Schweizer Truppe um Anna-Lisa Ellend und Albert Leibel Schauplatz ein fiktives Symposion zum realen Unglück am Mount Everest, bei dem während einer kommerziellen Tour acht Menschen ums Leben kamen. Ein smarter Moderator stellte Sponsoren und Teilnehmer vor, woraufhin die über weite Strecken improvisierte Aufführung ihren irrwitzigen Lauf nahm. Zug um Zug zerfiel die anfänglich ernstzunehmende Helden-, Mitleids- und PC-Rhetorik der "Zeugen" und "Experten" in kabarettreifes, bis zum Schluss diszipliniert vorgeführtes Chaos.

War man hier durch Spielfreude und klischéefreie Nähe zur Sache angesteckt, bestach die Tanzperformance Abgepaust von Dorothea Ratzel und Jochen Roller durch überaus präzises Zusammenspiel und minimalistische Präsentation. Ratzel und Roller vertrauten überzeugend ihrer Körperarbeit, die sie streng gegen den gesprochenen Text setzten. Sprache, Text und Körper wurden so weit voneinander isoliert, dass in den parallel geführten und wiederholten Bewegungen und Tanzsequenzen zu Drum-and-Base von Lars Müggenburg kleinste Verschiebungen eine Spannung zu erzeugen vermochten, so dass sich die erzählte Geschichte einer flüchtigen Begegnung zu einem starken Minidrama verdichtete.

Reich und berühmt sind meist die Anderen. Doch der Festivaltitel setzt deren Gesetzlichkeiten nicht einfach nur außer Kraft, sondern behauptet natürlich einen Teil dieser Eigenschaften auch für sich: Auch wir sind in dem, was wir tun und zeigen reich und berühmt. Die Gefahr, sich darin auszuruhen, ist groß.

Reich und berühmt findet an verschiedenen Veranstaltungsorten noch bis zum 25. Mai in Berlin statt.

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00:00 18.05.2001
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Ausgabe 42/2021

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