Immer ich!

38 JAHRE THEATERTREFFEN Die Auswahl feiert die großen Schauspieler und damit das Theater zu Tode

Wer noch nicht gänzlich davon überzeugt ist, dass das Theatertreffen in dieser Form abgeschafft gehört, sollte sich ruhig in den nächsten Tagen in eine der dazu anberaumten Publikumsgespräche wagen. Bis zum 24. Mai bietet sich die Gelegenheit dazu.

Zehn Inszenierungen zwischen Hamburg (zwei aus dem Thalia Theater), Zürich (der Schauspielhauschef Christoph Marthaler) und Wien (die Burg ist gleich vier Mal vertreten) wurden von fünf Juroren zum 38. Theatertreffen nach Berlin eingeladen. Das heißt: Zehn Mal Publikumsgespräch, zehn Mal die Verleihung des "Theater-Oscars", wie die Ehrung der eingeladenen Arbeiten neuerdings auch von der Juryleitung geltungssüchtig apostrophiert wird.

Gleich zum Auftakt hat es den 39-jährigen Noch-Jungregisseur Martin Kus?ej vom Burgtheater erwischt. Er hat Glaube und Heimat des Tiroler Arztes und Mundart-Proto-Blut-und-Bodenautors Karl Schönherr gegen den Strich gebürstet und bildgewaltig in die "Black-Box" des Burgtheaters gesetzt. In Berlin war Kus?ej in der neuen Spielstätte der Berliner Festspiele, der alten "Freien Volksbühne" in der Schaperstraße zu sehen.

Zum Publikumsgespräch im Spiegelzelt war er, kurz zuvor noch gesichtet, abwesend. Also nahm der Schauspieler Martin Schwab, der nicht mit Peyman von der Donau an die Spree wollte, das Ding lustlos mit dem Kommentar in Empfang: "Immer ich!". Anschließend folgten die "Warum-Fragen" der Jurorin und des Publikums, die narzisstischen Selbstdarstellungen der Schauspieler. Spätestens hier wird klar, warum sich Kus?ej rechtzeitig aus dem Staub gemacht hat, denn eine wirkliche Auseinandersetzung mit dem Stück und mit der Aufführung findet nicht statt. Was in Wien einen verhaltenen Skandal verursachte, konnte in Berlin nur noch als kulinarisches Bildertheater wahrgenommen werden, bei dem die Hauptfrage des Publikums darin bestand, wie ein Mundartdichter zu sprechen sei.

Die Dürftigkeit der Publikumsgespräche spiegelt die Dürftigkeit des Theatertreffens wie des deutschsprachigen Theaterbetriebs wieder. Die Situation in Wien mag ob des landeseigenen Phlegmatismus besonders sein, doch stellt das Theatertreffen hier längst kein Forum mehr her, auf dem über die Bühnenbretter hinaus eine Debatte hergestellt werden könnte, zumal das Theater mit allen Mitteln ums Überleben kämpft.

Daran ändert der versprochene Glanz der meisten geladenen Arbeiten wenig. Man setzt mit Zadeks Rosmersholm von Ibsen auf gediegene Menschendarstellung, und freut sich darauf, endlich "die" Winkler, "den" Voss wieder in Berlin sehen zu dürfen. Die musikalischste der vielen in den Theaterhimmel der vergangenen Spielzeit aufgestiegenen Möwen Tschechows unter Luc Bondys Regie stellt geistvolle Ensemblearbeit in Aussicht, das Staatsschauspiel Dresden darf mit dem Fest Michael Thalheimers, indem er das Publikum mit an den Tisch setzt, demonstrieren, dass man doch näher an "die Sache" heran kann als weiland der "Dogma"-Film Vinterbergs, der die Vorlage dazu hergab.

Dabei ist Thalheimers Inszenierung das einzige ehrliche Dokument der ratlosen Suche nach Stoffen und Aufführungsformen, die auf deutschen Bühnen jenseits des Guckkastentheaters zwischen Prosatexten und Clubszene meist glücklos aufgegriffen werden. Die Jury setzte trotzig auf den "Darsteller" und die alten wie die jungen Recken, die ihn recht in Szene setzen können, feinstes Handwerk, kulinarische Leckerbissen eben.

So täuscht das Theatertreffen über die Ratlosigkeit des Theaters hinweg. Im allgemeinen Konsens wird die künstlerische wie konzeptionelle Verkommenheit der meisten Stadt- und Landesbühnen, denen das Publikum zu Scharen davonläuft, dadurch kaschiert, dass man suggeriert, "große" Texte, "große" Schauspieler "große" Macher, oder eines von allem reiche aus, den Laden zu füllen. Die Irritation, die Kontroverse, das Umstrittene, aus dem ein produktiver Anstoß erwachsen könnte, bleibt aus oder außen vor.

So nimmt sich der Hamburger Theaterskandal (der ehemalige Bürgermeister Dohnany forderte öffentlich Texttreue ein) Liliom, die zweite geladene Arbeit des als Entdeckung gefeierten 35-jährigen Thalheimers, in Berlin als solide gemachtes Schauspielertheater aus, das die Protagonisten feiert, doch gerade dadurch den misogynen Bodensatz des Stücks wie der Aufführung vergessen lässt. Die vermeintliche Rettung im soliden Handwerk treibt inhaltlich ins Beliebige und das Theater an den Rand des Bedeutungslosen, weil es sich immer nur selbst bestätigt.

Die Kontroversen auch innerhalb des Betriebes bleiben aus. So hätte man zum Beispiel gerne Stefan Pruchers lärmende Möwe aus Hamburg dabei gehabt. Doch die wird nun in Frankfurt gezeigt. Dort wurde durch die von der Jury Verschmähten rasch das Theaterfestival "Experimenta" wiedererweckt. Doch auch da ist man unter sich. Bedienen die Einen in Berlin die Illusionsmaschine der "Black Box" wird dort - Schluss mit Lustig - der "White-Cube" des Theaters bespielt. Man kommt aus den Kästen nicht heraus.

Daran ändert sich vorerst auch nichts, wenn man wie in Berlin Christoph Schlingensief sein "Rechtsradikalen-Aussteigerprojekt" samt Bustour und Unterstützung der Bundeszentrale für politische Bildung vorstellen lässt. Aber ein Anfang ist vielleicht gemacht: Ein anschließendes Publikumsgespräch ist da nicht vorgesehen.

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00:00 11.05.2001
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Ausgabe 42/2021

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