Majorin

Auf der Bühne Karin Henkel inszeniert in Hamburg "Minna von Barnhelm"

Sie windet sich unter dem schweren Vorhang durch. Schlotternd steht sie schließlich gebeugt an der Rampe wie ein geprügelter Hund - Jana Schulz, die Darstellerin des Major von Tellheim in Karin Henkels Inszenierung von Gotthold Ephraim Lessings Minna von Barnhelm am Hamburger Schauspielhaus. Mit ihrer XXL-Männerunterwäsche, den viel zu großen Militärstiefeln, dem Dreck unter den Fingernägeln und dem struppig blonden Haar glaubt man kurz, den 20-jährigen Ben Becker zu sehen, einen jungen Mann, dem die Verzweiflung nichts mehr übrig gelassen hat. "Sein oder nicht sein, das ist hier die Frage", presst sie Hamlets Monolog zwischen den schmalen Lippen hervor und legt sich die Pistole an die Schläfe. Sie wird es am Ende des dreistündigen Abends wieder tun - und abdrücken. So erfindet ihre Regisseurin Karin Henkel eine von mehreren Schlusssequenzen des lessingschen Lustspiels, wozu durchaus auch die Hochzeit der zwei durch Krieg und Missverständnisse getrennten Liebenden, Tellheim und Barnhelm, gehört.

Lessings Minna von Barnhelm oder das Soldatenglück wurde 1767 vier Jahre nach Beendigung des Siebenjährigen Kriegs in Hamburg uraufgeführt. Dazu rührte das Lustspiel in fünf Aufzügen trotz seiner gattungsbedingten Heiterkeit zu sehr an den Traumata der Kriegsheimkehrer: Ein invalider Offizier wartet darauf, sich vor einem Kriegsgericht wegen Unterschlagungsvorwürfen zu verantworten. Ehe ein Entlastungsbrief des Königs die Sache klärt und das glückliche Ende gefeiert werden kann, weigert er sich beharrlich, Geld und die Hand der Minna von Barnhelm anzunehmen.

Man mag einen Heinrich George oder Ulrich Matthes als Tellheim im Kopf haben, da ist er nun eine Frau. Katrin Henkel verschärft damit die von Lessing angelegten Spannungen zwischen Ehrbegriff und verweigerter Anerkennung, Glück und Depression, Komödie und Tragödie. Ihr ist Liebe ein permanenter Ausnahmezustand. Wo das Begehren des anderen die lessingschen Tausch- und Beglaubigungsverhältnisse - Geld, Briefe, Ringe - verlässt, klafft ein gewaltiger Abgrund. Nachdem sich der Vorhang geöffnet hat, stolpert, stürzt Jana Schulz nach hinten, wo sich die gemütliche Runde der Darsteller am Küchentisch zum Gesellschaftsspiel zusammengesetzt hat: Friedrichs Schlachten mit drei Würfeln. Doch dass das Schlachten weder 1763 noch 2007 ein Spiel ist, zeigt nicht nur Tellheims verwundeter Arm. Tim Grobes komische Figur Just hat beide Beine verloren. Er rutscht den Abend über auf einem Brett mit Rollen. Tellheims Wachtmeister Werner (Torsten Ranft) ist die rechte Gesichtshälfte entstellt, und Angelika Richters Riccault de la Marlinière glaubt man direkt einem Horrorkabinett entstiegen. Den äußeren Entstellungen entsprechen innere. Jana Schulz spielt ein dünnhäutiges Nervenbündel am Rande des Zusammenbruchs. Das verletzte Selbstwertgefühl ihres Tellheims rührt weniger aus dem erlittenen Ehrverlust als aus den Schrecken des Krieges. Wo sie von verletzter Ehre spricht, erscheint ihr Tellheim wie der ältere Bruder von Kleists Prinz von Homburg. Um das erst gar nicht an sich heranzulassen, hat sich Marie Leuenbergers Minna einen dicken Wanst unter das Hochzeitskleid geschnallt. Ihre Liebe zu Tellheim, das wird früh deutlich, speist sich aus Projektionen. Dass sie mit ihrer Liebe nicht ihn meinen kann, verschärft für diesen Tellheim die existenzielle Krise.

Henkels Regie arbeitet nun keineswegs allein die tragische Seite heraus, sie arbeitet immer wieder mit Brechungen und Reflexionen auf das Medium Theater. So bedient sie mit großer Leichtigkeit auch das Komödiantische. Dazu hat der Bühnenbildner Stefan Mayer eine Matrjoschka-Bühne gebaut: Immer wieder öffnen sich Vorhänge, hinter denen neue Bretter auftauchen, die die Welt bedeuten können. Lessings Wirtshaus heißt hier "Krieg und Frieden", und Marco Albrechts schmieriger Wirt schenkt das Hamburger Hausbier Astra aus, während die Franziska der urkomisch-herben Julia Nachtmann Ordnung in das Leben ihrer Herrin zu bringen versucht. Dass man hier ganz unten und auch ganz oben angekommen ist, zeigt Angelika Richter, die ab und an als Prostituierte über die Bühne staksen muss und dann wieder durch ihre starken Gesangseinlagen Glamour verbreiten darf. Und auch Jana Schulz versucht sich neben ihren viel zu großen Uniformstücken mal mit Cowboykostüm oder Ritterrüstung, wenn sie Minna zum ersten Mal begegnet. Dazu zeigt sie Männerposen, Abbreviaturen, Zeichen, die man so treffend von keinem Schauspieler serviert bekäme. Katrin Henkel ist ein überzeugender und über weite Strecken atemberaubender Abend gelungen.


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