Mark Wallinger in Aarau

Ausstellung Vor Betreten der Installation wird gewarnt: "State Britain enthält Bilder von menschlichem Leiden, welche Kinder und manche Erwachsene erschreckend ...

Vor Betreten der Installation wird gewarnt: "State Britain enthält Bilder von menschlichem Leiden, welche Kinder und manche Erwachsene erschreckend finden könnten." Tatsächlich, was man da im Kunsthaus des schweizerischen Städtchens Aarau zu sehen bekommt, ist starker Tobak.

Zwischen gepinselten Schautafeln mit Parolen wie "Make Peace Not War", Friedensfahnen, blutigen Hemdchen an Wäscheleinen und Teddybären werden Fotos von verstümmelten und entstellten Kleinkindern gezeigt, die im Zuge des Ersten Irakkriegs durch internationale Sanktionen zu geschundenen Opfern wurden.

Zum zweiten Mal hat der 1959 geborene Londoner Künstler Mark Wallinger seinen State Britain aufgebaut. Zum ersten Mal war sie vor einem Jahr im klassizistischen Duveen Saal der Londoner Tate Gallery zu sehen. Dafür bekam Wallinger im Herbst den renommierten Turner Prize zugesprochen.

Was hat das nun im der 15.000-Einwohner-Stadt Aarau im Kanton Aargau zu suchen, fragt man sich unwillkürlich und bekommt keine einfache Antwort. Immer noch wird Mark Wallinger zu den in den neunziger Jahren gehypten Sensation-Künstlern gezählt, die wie Damien Hirst, die Brüder Chapman oder Tracy Emin die Kunst der lauten Provokation eine Schraube weiter drehten. Die Installation Wallingers zeigt auch eine auffällige Nähe zu den schreienden Mahnmalen Thomas Hirschhorns, die sich in auswuchernden Rauminszenierungen ungeniert nahsichtigen Gräuelbildern von Anschlags- und Kriegsopfern aus dem Internet bedienen, um ein medienbetäubtes Publikum wachzurütteln.

Doch näher besehen verhält es sich bei Wallinger anders. Die glänzend kuratierte Werkschau, die in Zusammenarbeit mit dem Kunstverein Braunschweig entstanden ist und dort 2007 in reduzierter Form gezeigt wurde, stellt einen gesellschaftlich und politisch reflektierten Künstler vor, einen, der Haltung und Humor vereint.

Da ist zum Beispiel gleich im Eingangsbereich eine Arrestzelle der Londoner Polizei, wie sie noch bis in die siebziger Jahre an neuralgischen Stellen der Themsestadt zu finden waren. Hier glänzt sie wie ein minimalistisches Objekt aus poliertem Stahl. Der Titel der Arbeit TARDIS (2001) verweist jedoch auf eine seit den sechziger Jahren bis heute produzierte englische Sciencefiction-Serie, in der Dr. Who mit einem solchen Polizeikiosk durch die Epochen fliegt.

Wallinger beschränkt sich nicht auf ein Medium, sondern bedient die Medien nach Inhalten. So begegnet der Besucher gleich im nächsten Saal dem "Union Jack" in den Nationalfarben Irlands - ein Verweis auf die bisher ungelösten Konfliktlinien der Britischen Inseln. Es finden sich Videos - Found- Footage-Arbeiten wie The Fall of Ikarus (2007) oder The Importance of Being Earnest in speranto (1996), in denen er mit einfachsten Mitteln große Themen unpathetisch, direkt und treffend zu thematisieren versteht. Beeindruckend wirkt vor allem seine marmorweiße, lebensgroße Christus-Figur Ecce Homo, die 1999 bis 2000 am Londoner Trafalgar Square aufgestellt war und nun im Lichthof des Aarauer Kunsthauses in direkter Sichtbeziehung zu der 40 Meter langen Protestmeilen-Installation steht. Beide fragen auf ihre Weise nach der Conditio humana.

Wallingers State Britain bildet minutiös das Mahnmal des Aktivisten Brian Haw vor dem Londoner Parlament nach, das am 23. Mai 2007 von der Polizei weitgehend geräumt wurde. Es transformiert einen Protest im öffentlichen Raum in den musealen, bewahrt ihn als Historienbild und fragt nach Wirkmächtigkeit und Möglichkeiten des zivilen Ungehorsams. Schon mit der Ausstellung in der Tate Britain war es innerhalb des Bannkreises aufgestellt, der durch Parlamentsbeschluss 2005 festgelegt wurde. Auch in Aarau, zu napoleonischen Zeiten für ein halbes Jahr erste Hauptstadt der Schweiz, steht es nun im Museum nur wenige Meter vom Regierungsgebäude entfernt.

Mark Wallinger Aargauer Kunsthaus Aarau, bis 16. November. Der Kalalog ist erschienen bei JRP/Ringier in Zürich und kostet 40 Euro

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