Menschen, die mit Türen schlagen

Bühne In der Inszenierung des Stücks "Die Affäre Rue de Lourcine" in Zürich wird das Bühnenbild fast schon zum Protagonisten

Gerade hatten es sich die Zuschauer vor einer gewaltigen Wand bequem gemacht, auf der ein schickes Video die durchzechte Nacht eines Großstadtspießers illustrierte, da krachte die ganze Wand nach vorn und vor den Augen des verblüfften Publikums stand das komplette Bühnenbild für Die Affäre Rue de Lourcine. Plüschsofa, moderne Schlafkoje, kitschbeflorte Wände samt standesgemäßem Kamin hatte der Bühnenbildner Thilo Reuther so montiert, dass das gesamte Set sekundenschnell in die Horizontale kippen konnte.

Das war in Zürich zur Premiere der Inszenierung eines Klassikers der französischen Komödie und damit des Komödiantischen überhaupt, Eugène Labiches theatralisches Pastiche über Edgar Allan Poes Der Doppelmord in der Rue Morgue durch Sebastian Baumgarten. Für den Theaterpuristen musste der Abend mit dem Auftakt gelaufen sein. Denn einen solchen Kracher würde keine noch so feine Arbeit am Türen schlagenden pièce bien faite mehr überbieten können.

Labiches Stück stammt aus der Mitte des 19. Jahrhunderts – hierzulande blieb die Aufführung in Erinnerung, die Klaus-Michael Grüber 1988 an der Berliner Schaubühne mit Udo Samel und Peter ­Simonischek in den Hauptrollen inszenierte: gehobener Boulevard, ein Erfolg, an den spätere Inszenierungen nicht mehr anknüpfen konnten. Dabei hat Labiches Stück in seiner Logik der Verdrängung und den surrealen Überdrehungen, die die bürgerliche Doppelmoral ad absurdum führen sollen, durchaus Stoff, um Zeitgenossenschaft zu reklamieren.

Lenglumé, ein Pariser Großbürger (großartig unter Grauhaarperückenmatte: Klaus Brömmelmeier, unser Bild rechts), leidet nach Klassentreffen und feuchtfröhlicher Nacht an einem Filmriss. In seinem Bett findet sich Herr Mistingue (Miguel Abrantes Ostrowski, links) und in den Taschen Kompromittierendes. Gegenüber Frau und Dienerschaft muss das verheimlicht werden (Carolin Conrad und alert Jan Bluthardt, der auch den unliebsamen Vetter Potard gibt). Als die Protagonisten aus der Zeitung erfahren, dass in der Nacht ihres Gelages ein Mädchen erschlagen wurde, verdächtigen sie sich gegenseitig des Mordes und das Spiel der Unterstellungen und Vertuschungen nimmt an Schärfe zu. Man schreckt vor weiterem Mord nicht zurück.

Die Affäre Rue de Lourcine lebt nicht von Psychologie und den Charakteren, sondern gewinnt durch Situationskomik und Timing. Und das zeigte Baumgarten mit Brömmelmeier und den anderen in 75 Minuten mit Bravour. Die Lösung der Verwirrungen liegt schließlich in der Erkenntnis, dass die Zeitung, aus der die Mordmeldung stammt, bereits 20 Jahre alt ist.

Sebastian Baumgarten, dem Wanderer zwischen den Welten des Sprech- und Musiktheaters, ging es weniger um diesen Plot. Ausgehend vom anfänglichen Sturz des Bühnenbilds in das Dunkel der Bühne entspann sich in Zürich eine präzise Kooperation aller Gewerke, war das Bühnenbild nicht nur Bühnenbild, sondern diente als Installation. Die Tür-auf-Tür-zu-Dramaturgie Labiches wurde durch ein fein austariertes Zusammenspiel von Videoprojektion (Stefan Bischoff), Lichtregie (Markus Keusch) und Sound (Christoph Clöser), einer ausgefeilten Bühnentechnik und Darstellung gelungenen aktualisiert.

Angesichts solcher Unterhaltungskunst war der Zuschauer als aufmerksamer Betrachter und nicht mehr als der einfühlende Besucher gefragt, der sich in den Figuren wiedererkennen wollte. Vaudeville auf technisch höchstem Niveau.

11:00 12.02.2011
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Ausgabe 15/2020

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