Mundplastik und Wurstskulptur

Ausstellung Bevor Rosemarie Trockel mit großen Einzelschauen in ihrem Heimatland geehrt wird, zeigen die Kunsthalle in Zürich und das Kunstmuseum Basel schon mal ihr Werk

Wer weiß, der schwatzt; Wette gegen sich selbst; Angsthase oder Zum schwarzen Ferkel 4 – allein schon die Titel der Arbeiten Rosemarie Trockels verdienten eine Auszeichnung. Dabei hat sich die heute 57-jährige Professorin an der Kunstakademie Düsseldorf über Zuspruch und Anerkennung nie beklagen können.

Als erste Frau bestritt sie den Auftritt der Bundesrepublik auf der Venedig Biennale 1999 allein, betrieb mit dem Kollegen Carsten Höller auf der Documenta X zwei Jahre zuvor ein viel beachtetes Haus für Schweine und Menschen und ist bis heute immer wieder vor allem in Themenausstellungen zu Geschlechterverhältnissen, konzeptueller und materialbestimmter Kunst vertreten – aktuell in der Schau zur rheinischen Gegenwartskunst im Kunstmuseum Bonn (Der Westen leuchtet, bis 24. Oktober).

Nun werden ihr in der Zürcher Kunsthalle und dem Basler Kunstmuseum Retrospektiven ausgerichtet; das Kunstmuseum Bonn wird die Basler Schau der Zeichnungen, Collagen und Buchentwürfe im kommenden Jahr übernehmen, die dortige Bundeskunsthalle plant zeitgleich eine Präsentation aus Beständen der Zürcher Ausstellung Verflüssigung der Mutter.

Das Basler Kupferstichkabinett hat schon früh und systematisch Trockels Arbeiten auf Papier erworben, die als Konstanten in einer von Material-, Medien- und Formwechseln gekennzeichneten Künstlerkarriere gelten können. Über 200 Arbeiten gewähren einen berückenden Einblick in die Werkstatt der Ausnahmekünstlerin.

Grüne Strümpfe

Souverän platziert sie bevorzugt Bleistift oder Tusche auf den fragilen Bildträger, meist figurativ hingebungsvoll wie bei dem liegenden Akt Dazing Nicolas (2000), dem sie mit schnellen Strichen grüne Strümpfe überzieht. Mit Humor und künstlerischer Sicherheit kopiert, collagiert, und transformiert sie Gegenstände in ihre Welt, die immer politisch in unsere hineinragt, ohne ihre Autonomie des künstlerischen Ausdrucks zu verlieren.

In Zürich dann die Arbeiten, die Rosemarie Trockel berühmt und berüchtigt gemacht haben: die monochromen, handgestrickten Wollbilder, die ironisch in der Männerdomäne modernistischer Farbfeldmalerei wildern; ihre Keramikarbeiten, die sich proteushaft mal in weißen Sofaskulpturen mit beigestellten, gerahmten Collagen materialisieren, mal in wuchernden, platinglasierten Wandreliefs oder in surrealistischen Arrangements wie Geruchsskulptur 2 (2006): Keramikbein liegt neben Whiskyglas auf einem Tischchen.

Der Besucher freut sich über die absurden und doch so konkreten Installationen, die kluge, über sechs große Säle der Kunsthalle nach Medien geordnete Dramaturgie: Durch die Wände gebrochene, hohe Vitrinen versammeln fröhlich kleinere Arbeiten wie in einem Völkerkundemuseum, während die Wollbilder, Keramikreliefs und Collagen in Holzkästen – hier knüpft die Zürcher Ausstellung an die Basler an – großzügig präsentiert werden. Und natürlich freut sich der Betrachter auch über die Titel: Mundplastik, ein versilberter Kaugummi, oder eine Wurst aus Gips, die man in Vitrine 3 zeigt: Ich wollte schon immer etwas Besonderes sein, ist mir aber wurscht (Detail).


Verflüssigung der Mutter Rosemarie Trockel in der Kunsthalle Zürich, bis 15. August. Zeichnungen, Collagen und Buchentwürfe Kupferstichkabinett Basel, bis 5. September. Kunstmuseum Bonn, 2. Juni bis 4. September 2011. Der Katalog ist bei Hatje Cantz erschienen, circa 42

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14:18 16.07.2010
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Ausgabe 42/2021

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