Online sein oder nicht

Faust und Hamlet gehen ins World-Wide-Web Überlegungen zum Verhältnis von Internet und Theater

Vielleicht wird die Theatersaison 2000/2001 als diejenige in die Geschichte eingehen, in der das Theater ans Netz ging, in der die Bühne für sich das World-Wide-Web eroberte. Denn wie, so fragen sich manche Theater-Macher schon seit geraumer Zeit, verhält sich das Medium Theater, das im wesentlichen "Live-act", publikumsbezogene Darbietung von Stimme und Körper ist, zum Internet, einem Medium bar jeder Anwesenheit und Körperlichkeit?

Die einfache Feststellung, die Bühne sei Bühne und die Website sei Website, das eine Medium habe mit dem anderen nichts zu tun, ist zumindest dort schon zweifelhaft, wo seit Jahren jedes Stadttheater seinen "Auftritt" im Netz als unumgängliches Marketingmoment versteht und immer mehr Programmhefte und Plakate sich am Web-Design orientieren. Die Feststellung, man reagiere damit lediglich auf veränderte Publikumserwartungen, geht nicht weit genug und sieht darüber hinweg, dass die Menschen ein Medium eben nicht nur nutzen, sondern selbiges wiederum auf Erwartungen Einfluss nimmt und steuert. Längst ist das Internet in Wort und Bild und nicht nur in Hypotaxe und Trashideomatik auf der Bühne angelangt. Renée Pollesch und sein jüngst mit dem Mühlheimer Dramatikerpreis ausgezeichnetes Stück für drei Schauspielerinnen www.slum.de ist ein aktueller Hinweis darauf, dass Wechselverhältnisse zwischen den Medien zunehmen. Genauso wenig wie sich die Literatur, die Bildende Kunst und erst recht nicht das Theater einer Auseinandersetzung mit dem Film verweigern konnten, wird ihnen dies heute mit dem Internet gelingen. Publikum und Macher sind, auch wenn sie das kaum zugeben wollen, längst vom medialen Kreislauf affiziert, dem sie nicht mit der trotzigen Behauptung, Theater sei Theater und Bühne bleibe Bühne, entrinnen können.

Aufs Schmerzhafteste wurde dies durch den Doyen des sozialdemokratischen Weihetheaters der ´68er, Peter Stein demonstriert. Noch im Frühjahr polterte er, es gebe im Internet nur Schweinkram und das Netz tauge einzig zur Verbreitung von Pornografie und Rechtsradikalismus, - nachdem dort keiner Faust-Karten ersteigern wollte. Nun ist der Faust von der ersten bis zur letzten Szene audiovisuell mit Text, Bild und Ton unter der Adresse www.theaterportal.de ins Netz gestellt. Auch hier musste es der "ganze" sein, - das Theater schlägt zurück!

Doch der einfachen Landnahme durch das Theater im Netz scheinen vorerst noch enge Grenzen gesetzt. Die Abspielmöglichkeiten von Videosequenzen beschränken sich derzeit auf Laufzeiten von drei bis fünf Minuten. Die herkömmlichen Anwendungen vermögen in kleinsten Fensterformaten kaum ruckfreie Filmsequenzen mit dem Ton zu synchronisieren. Auch drei Jahre nach der documenta X, als erstmals Live-Performances im Netz direkt übertragen werden sollten, scheiterte die simultane Übertragung von Polleschs www.slum.de im Netz an den technischen Unzulänglichkeiten.

Aber auch wenn die technischen Voraussetzungen bald gewährleisteten, dass audio-visuell befriedigende und beliebig lange "Acts" unabhängig von Sendezeiten von jedem willigen Netz-Benutzer abrufbar wären, so würde nur um so klarer vor Augen treten: Stellt das Medium Theater lediglich Webcam-Filme ins Netz, wird es sich zwar im Medium Internet verdoppelt, aber seinen Ereignischarakter verloren haben.

Denn das Theater lässt sich, wie schon die Auseinandersetzung mit dem "neuen" Medium Film zeigte, ohne Transformation nicht transportieren, - es lässt sich nicht einfach aufnehmen, abschicken und abrufbar machen, ohne dass das neue Medium gestaltend eingreift. Um seine Präsenz in einem "nutzer"-gesteuert organisierten Medium behaupten zu können, muss das Theater seine grundlegenden Bedingungen, die Anwesenheit von Körpern auf der Bühne und im Publikum, im Hinblick auf das Netz hinterfragen.

Einen Beitrag zur Diskussion liefert ein Projekt des Schauspielers Herbert Fritsch in Zusammenarbeit mit der Berliner Volksbühne. Statt die Fragen von außerhalb, vom Standpunkt des Theaters aus beantworten zu wollen, begeht Fritsch mit hamlet_X den umgekehrten Weg: Die Bühne, das Forum des Internets, ist, so der Ausgangspunkt Fritschs, der "Chatroom". Sein unter Millionen von Usern live und anonym flottierendes Chat-Pseudonym hamlet_X, mit dem er sich an den Gesprächen beteiligte, gab den programmatischen Titel für die als Work-in-Progress verstandene Arbeit, die seit zwei Wochen im Internet mit ersten Ergebnissen unter der Adresse www.hamlet_X.de abrufbar ist.

Hinter der Ankündigung, den "ganzen Hamlet" medial aufbereitet ins Netz zu stellen, verbirgt sich eine subversive Strategie, die die interaktiv-technischen Möglichkeiten des Netzes mit schauspielerischen und textlichen Möglichkeiten auszuloten versucht. Shakespeares Drama, Theater und Netz werden hier nicht mehr als isolierte Medien behandelt, die ineinander abbildbar sind, sondern als Momente, die sich in einem interaktiven Feld, einem Medium, in das das "Publikum" einzugreifen aufgefordert ist, kurzzeitig niederschlagen und kristallisieren.

Fritsch hatte bereits vor drei Jahren in einem kleinen Feature mit Hilfe eines Flash Player-Programms vorgeführt, wie Goethes Mailied unter den Bedingungen des Internets präsentiert werden kann. Vor dem Hintergrund einer mit drum-and-base-Soundkulisse unterlegten Webpage können durch Maus-Klick Textpassagen des Gedichtes aufgerufen und in einem auditiven Remix beliebig kombiniert werden.

Die Antwort darauf, inwieweit hier das Theater seinen Körper, den Text, sein Schauspiel und seine subversiv-kritische Kraft im Angesicht des neuen Mediums behaupten kann, ist damit noch nicht gegeben, doch die Frage danach konkret gestellt.

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00:00 13.07.2001
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Ausgabe 41/2021

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