Performative Pornologie

Theaterabend im Bordell Die Regisseurin Annette Kuß führt ihre Feldforschung zum käuflichen Sex mit den Mitteln des Theaters an den Entstehungsort zurück

Wir laden ins Bordell", lockt das HAU. Für die Produktion Freudendienste, Mindestalter 18 Jahre, hat das Theaterkombinat Hebbel am Ufer zwischenzeitlich eine neue Außenstelle aufgemacht: Zum Spielort wurde das "Freudenhaus Hase" im Berliner Stadtteil Wedding auserkoren.

Zwar ist es seit 2002 mit Sahra Chase Private Rooms in Köln und Judith Kuckarts Blaubart wartet in Berlin nicht ungewöhnlich, Privatwohnungen und Hotelzimmer und somit intime Räume zu bespielen, doch eine Produktion in einem echten Freudenhaus darf sich immer noch gesteigerter Aufmerksamkeit sicher sein.

Wenn jetzt im Bordell theatralisch aufgearbeitet wird, was dort noch wenige Stunden vorher unvermittelt ausagiert wurde, sexuelle Dienstleistungen nämlich, ist die Publikumserwartung entsprechend hoch und die Gefahr groß, dass die Vermittlung des Reizthemas käuflicher Sex als Theaterperformance misslingt.

Um es aber vorwegzunehmen: Die Theatermacherin Annette Kuß und ihren Akteurinnen ist ohne falsche Sentiments ein beeindruckender Theaterabend zum Thema Sexarbeit gelungen.

Für das Publikum gesellt sich zu der Befangenheit vor dem Spielort zunächst die Beklemmung vor seiner Lage. Hinter der S-Bahnstation Humboldthain links geht es die Hochstraße runter. Nach fünfzig Metern findet sich hinter kahl aufragenden Brandmauern gegenüber einem 1970er-Sozialbau in einem Hof das Ziel - Hinweisschilder fehlen. Ein paar Versprengte warten in der Kälte auf Einlass. An diesem Abend ist es ein gemischtes Häufchen, Männer und Frauen, einige wenige ältere Semester unter den Jungen um die dreißig. Nein, in einem Puff, sei man noch nicht gewesen, nun habe man ja mal Gelegenheit, sich so was mal anzusehen, gibt einer bereitwillig Auskunft. "Doch, ich schon, eher öde", kommentiert ein anderer.

Nach dem Klingeln an der niedrigen Tür wird auch dem letzten Grüppchen geöffnet, dem von drinnen Wärme und ein schwerer, süßlicher, wohl milieutypischer Geruch entgegenweht. Selbst für einen Mietskasernen-Seitenflügel, dem das Vorderhaus weggebombt wurde, nimmt sich das "Freudenhaus Hase" winzig aus. Kleinste Einraumwohnungen und Außentoiletten gehen vom altrosa gestrichenen, mit Nippes bestückten Treppenhaus ab. Entsprechend dichtgedrängt wartet die Theatergemeinde auf der Stiege, bis der letzte Mantel an der Garderobe abgegeben ist und das Licht erlischt. Frauenstimmen werden im Dunkel vernehmlich, Satzfetzen zur Einstimmung: "Die kommen dahin, die wollen abspritzen, die wollen gehen." "Das ist eine Dienstleistung im Wellnesbereich ...". "Der Job ist unheimlich bieder und langweilig ...".

Seit 1996 mit Regiearbeiten am Theater beschäftigt, darunter 2003 eine Co-Regie mit Christoph Marthaler in Zürich, brachte Annette Kuß im gleichen Jahr am Schlosstheater Moers mit Happy Hour ihr erstes Dokumentarprojekt heraus, das sich mit Schönheitswahn und Jugendkult im Alter beschäftigte. Wie bei den Arbeiten des US-Amerikaners Ping Chong oder den deutschen Gruppen Rimini-Protokoll und Lubrikat basierte bereits dieses Projekt auf eigener Recherchearbeit und dramaturgisch aufbereiteten Interviews.

Nach drei vergleichbaren Abenden, der letzte mit Demenzkranken, begann Annette Kuß systematisch im Rotlichtmilieu zu recherchieren, begab sich in die einschlägigen Etablissements, ging zu der Interessenvertretung Hydra und führte Interviews mit Huren, Puffbetreiberinnen, Barangestellten und Freiern.

Annette Kuß´ Feldforschung war dabei mehr auf den alltäglichen Wahnsinn des heterosexuellen Normalverkehrs gerichtet, seinen Tausch- und Abhängigkeitsverhältnissen und so verzichtet ihre Inszenierung sowohl aufs Glamouröse wie aufs Spektakuläre.

Aus einem der Zimmer dringt beschwingte Musik, Schlagzeug, Posaune. Die rund dreißig Zuschauer sind dem genius locus gemäß von zwei geschäftigen Herrn, die Schauspieler Felix von Hugo und Laurens Walter, in kleinen Gruppen auf die Zimmer verteilt worden.

Man hockt zu fünft, zu siebt etwas verloren im flauschigen Möbel Höffner-Ambiente auf der Bettkante, starrt auf Domol-Citrusduftspray-Batterien neben gestapelten Kleenex-Kartons und studiert die Tarife im Keilrahmen bevor die Damen erschienen.

Das sind die Schauspielerinnen Anna Görgen, Agnes Lampkin, Verena Lercher und Claudia Steiger, die als Nicole, Nadja, Yvonne, etcetera die Zimmer besuchen und ihre kurzen Geschichten erzählen werden.

Ruhig an die Wand gelehnt, im überhöhenden, weißen Outfit wie die Kolleginnen, berichtet Verena Lercher wie man über eine Hausbesuchs und Hotelagentur zur Prostitution kam. "Alle, die ich kannte, haben wegen Schulden angefangen", sagt sie und berichtet trocken über den ersten Freier.

Den Darstellerinnen und einer geschickten Dramaturgie ist es zu verdanken - man wechselt die Zimmer, die Stiege wird bespielt -, dass sich der pure Voyeurismus rasch verliert und der Abend zunehmend an Dichte gewinnt. Da ist von Sexpraktiken die Rede, von der vorherrschenden Hilflosigkeit der Kunden, wie von den Wettbewerbsverhältnissen auf dem Markt: "In Berlin bringt der Job gar nichts; es gibt so viele, die in dem Beruf arbeiten, jede zweite Hausfrau". Man erzählt vom Einstieg ins Gewerbe, Erniedrigung und Machtgefühlen und von den eigenen Beziehungsstörungen.

So entsteht das Bild eines Wirtschaftszweigs, dem mit einfachen Entfremdungs- oder kämpferischen Opferdiskursen nicht beizukommen ist. Zu vielfältig überlagern sich seine Funktionen, die Motive seiner Akteure, ganz zu schweigen von den Projektionen, die sich in einer durchökonomisierten Gesellschaft mit kommerzialisierten Frauen- und Männerbildern darauf richten. Und die Übergänge der gewerblichen Prostitution in bürgerliche Beziehungsverhältnisse - auch das macht der Abend deutlich - sind fließend. Dass Annette Kuss vor diesem Hintergrund eine nüchterne und zugleich parteiliche Bestandsaufnahme liefert, bedeutet da schon viel.

00:00 20.01.2006
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