Von der Trägheit des Herzens

Mythos Die Ausstellung "Melancholie. Genie und Wahnsinn in der Kunst" öffnet heute in der Neuen Nationalgalerie Berlin

Bedenkt das Dunkel und die große KälteIn diesem Tale, das von Jammer schallt Brecht, Die Dreigroschenoper

ZWEIFEL - in neonweißen Großbuchstaben setzte vor einem Jahr der norwegische Künstler Lars Ramberg sein monumentales Denkzeichen auf den Berliner Palast der Republik. Im Mai 2005 war der Schriftzug wieder verschwunden. Nun soll auch der Kleinbürgerpalast Stück um Stück aus dem Stadtbild schwinden.

MELANCHOLIE - mit grellroten Großbuchstaben an der Glasfront des Ludwig-Mies-van-der-Rohe-Baus scheint nun ein Jahr später die Neue Nationalgalerie darauf zu respondieren. Nach der MoMA-Manie, dem Spektakel um die Highlights der Moderne, stand sie die meiste Zeit ungenutzt leer. Wer in der Inschrift MELANCHOLIE institutionelle Selbstkritik vermutet, denkt zu weit. Die Staatlichen Museen zu Berlin und der einflussreiche Verein der Freunde der Nationalgalerie rufen wieder zu einem Großspektakel.

Melancholie. Genie und Wahnsinn in der Kunst, der volle Titel des gewichtigen Spektakels, das bis in den Mai das Publikum locken soll, hatte wider Erwarten seiner Initiatoren Jean Clair und Peter-Klaus Schuster, des scheidenden Direktors des Pariser Musée Picasso und des Generaldirektors der Staatlichen Museen zu Berlin und Direktor der Nationalgalerie, an seiner ersten Spielstätte, dem Pariser Grand Palais über 300.000 Besucher angezogen. Berlin erhofft kaum weniger, ist doch mit dem Wort Melancholie ein süßlich-warmes Sentiment aufgerufen, dessen Nachtseite - der lähmende Selbstzweifel, die klinische Depression - vom Boulevard an den Schicksalen eines Sebastian Deißler oder einer Petra Schürmann genussvoll ausgebreitet wird.

Nicht nur der 1961 von dem Heidelberger Psychiater Hubertus Tellenbach klassifizierte "Typus melancholicus" neigt neben zwanghaftem Ordnungsdrang zur behandlungsbedürftigen Schwermut. Konservative Schätzungen gehen davon aus, dass über zehn Prozent der Weltbevölkerung im Laufe eines Lebens an einer schweren Depression erkranken, dem britischen National Health Service zufolge nahezu jeder. Von den jährlich 12.000 Suiziden in der Bundesrepublik geht die Mehrzahl auf depressive Zustände zurück. Doch in Berlin bekommen wir weder die Rasierklinge Adalbert Stifters noch das Jagdgewehr von Ernest Hemingway zu sehen. Und die Schlaftabletten von Maria Schell bleiben ebenso unter Verschluss wie Lithiumtabletten und Fixierbetten der modernen Psychiatrie. Die Kuratoren präsentieren vielmehr einen opulenten Bilderbogen, bei dem es nach dem Katalogwort der Kuratoren um nichts geringeres geht, "als um die Geburt der europäischen Kultur aus dem Geist der Melancholie".

Acht mit erlesenem Objekt- und Bildmaterial ausgestatte Stationen von der griechischen Antike bis ins 20. Jahrhundert - in Berlin um zusätzliche Schaustücke und einen "Epilog" in der Glashalle der Neuen Nationalgalerie erweitert - sollen diese Geburt illustrieren. Tatsächlich wurde die Emanzipation des Künstlers zu Beginn der Moderne produktionsästhetisch eng mit dem schwarzgalligen Gemüt der melancholia verbunden. Die Humoralpathologie, die "VierSäftelehre" schrieb dem Melancholiker außerordentliche Begabungen, besonders im mathematisch-künstlerischen Bereich zu. Die im Mittelalter als Trägheit des Herzens, acedia, zu den "Sieben Todsünden" gezählte Schwermut veredelte sich in Humanistenkreisen des 16. und 17. Jahrhundert zu einer Gabe, die den Dichter, Künstler und Philosophen im gesellschaftlich-sozialen Feld angemessen zu positionieren wusste. "Warum sind alle hervorragenden Männer, ob Philosophen, Staatsmänner, Dichter oder Künstler offenbar Melancholiker gewesen?" fragte mit dem Problem XXX,1 ein Naturphilosoph des 4. Jahrhundert vor Christus, den man damals gerne für Aristoteles hielt.

In Berlin bleibt die Ausstellung, im Gegensatz zur Pariser Schau, in ihren ersten zwei Kapiteln zu Antike und Mittelalter dürftig. Hier fehlt nicht nur die wunderbare Bronze des manisch-depressiv hockenden Ajax aus der Sammlung Ortiz. Wieder bleibt sie sträflich blind gegenüber der jüdischen Kultur. Wo ist die Figur des verzweifelnden Hiob? Dafür glänzt sie in den Abschnitten zur frühen Neuzeit und überzeugt didaktisch bis zu Caspar David Friedrichs Doppelbildnissen Der Mönch am Meer und Die Abtei im Eichwald, die man aus der Alten Nationalgalerie herübergeholt hat. Sobald man jedoch das abgesteckte kunsthistorische Terrain des 19. Jahrhunderts verlässt, wird der ideologische Überbau der konservativen Gegenveranstaltung deutlich.

Die Pariser und Berliner Schau bedient sich zunächst des Kanons des 1964 von Raymond Klibansky, Erwin Panofsky und Fritz Saxel herausgegebenen Kompendiums zur Naturphilosophie Saturn and Melancholy, das Dürers schweren Genius in den Mittelpunkt stellte. 1975 legte Peter-Klaus Schuster in Göttingen seine Dissertation zu Dürers berühmtem Kupferstich vor. Titel: Melencolia I: Dürers Denkbild.. So wie er darin die Spuren der Wirkungsgeschichte des Nürnberger Meisters über das 18. Jahrhundert hinaus verfolgte, breitet er jetzt in Berlin motivische Reflexe von Goya über Caspar David Friedrich bis Georg Baselitz aus.

Doch nicht nur, weil Schuster die Analogie im Figurativen, in der Geste, der Stimmung sucht, verengt er den ästhetischen Horizont. Das Modell des melancholischen Künstlergenies des 19. Jahrhunderts behält für ihn bis in die Gegenwart Gültigkeit. Künstlerische Prozesse sind aber zwischen den Polen "Genie und Wahnsinn" nicht angemessen zu beschreiben. Die Dokumente der Ausstellung zeigen gerade, dass Kunst Arbeit ist, Arbeit, die erschöpft und frustriert und deren Scheitern immer schon programmiert ist. Aber Clair und Schusters Mär vom einsamen, schöpferischen Künstlersubjekt wird schon da mit Lügen gestraft, wo jede Arbeit Auseinandersetzung mit einem vorgängigen Werk darstellt. Die These einer psychosozialen Disposition als Konstante der europäischen Kultur entsprang einem reaktionären Konzept, das den rechten Blick verstellt. Das hat seine innere Logik. Clair und Schuster zählen mit Walter Benjamin zu jenen Historikern, die sich dem Verfahren der Einfühlung verpflichtet sehen. Diese Melancholiker fühlen sich aber lieber in die Sieger ein, um als Sieger weiter zu bestehen, oder, wie Benjamin formuliert: "Die Einfühlung in den Sieger kommt den jeweils Herrschenden allemal zugut." Schuberts Winterreise zum Beispiel oder die Filme von David Lynch, Hiob und Künstlerinnen haben im Kanon der Sieger nichts zu suchen. Dafür ist das dargestellte melancholische Personal auf den vielen Bildern wenigstens weiblich.

Vor dem ersten Entsorgungskommando für den Palast der Republik gab es dort noch für zwei Wochen die Ausstellung "White Cube" und darin all das, was man in der Nationalgalerie selten sieht - Gegenwart. Die wird einem nicht geschenkt durch MELANCHOLIE, sondern durch - ZWEIFEL.

Melancholie. Genie und Wahnsinn in der Kunst. Neue Nationalgalerie, Berlin bis 7. Mai 2006, Katalog 45 EUR


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00:00 17.02.2006
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