Wer sehen will, kann hören

erkundungen Premieren der Theatergruppen Forced Entertainment und Gob Squad an der Berliner Volksbühne zwischen Jahrmarkt, TV und Theater

Kein Vorhang, keine Kulisse, kein Requisit, nichts außer dem gähnenden Bühnenportal deutete bei der Uraufführung der englischen Theatertruppe Forced Entertainment auf Unterhaltung. Die Akteure ließen auf sich warten. Aber man war in der Volksbühne. Keiner scharrte mit den Füßen. Man starrte gemeinsam auf die Blackbox und harrte geduldig der inneren Bilder, die sich in Erwartung der Aufführung von The World in Pictures einstellen mögen. Theaterverweigerungstheater, dafür ist die 1984 im Britischen Sheffield gegründete achtköpfige Gruppe um den Regisseur und Autor Tim Etchells seit den frühen neunziger Jahren in der Republik bekannt. Minuten später: Auftritt der ganzen Truppe von links. Verkleidet haben sie sich nicht. Der Darsteller Robin Arthur stellt sich ans Mikro: "Good evenig! Welcome to the show!" Aber auch mit der Show musste man sich gedulden. Vorher war der Kollege Jerry Killick ausersehen, den Zuschauer zum Zuhörer einer lakonisch vorgetragenen Stadterkundung zu machen. "Imagine!" lautete der wiederholte Imperativ von Killicks Erzählung. Die mit dem Titel der Aufführung verbundene Ankündigung, Die Welt der Bilder zu präsentieren, hatte sich abermals in der Einbildungskraft des Publikums herzustellen.

Was an anderer Stelle bemüht und didaktisch wirkt, gewinnt bei Forced Entertaiment durch Lakonie und Witz eine nachhaltige Qualität, die sich auch über die Sprachbarriere hinweg - man spielt ohne Simultanübersetzung auf Englisch - mühelos vermittelte. Jerry, der jungenhafte Erzähler, wurde nach gut fünfzehn Minuten von einem Kollegen mit Langhaarperücke und Neandertalerkostüm abgelöst, um die nächste und längste Sequenz des knapp zweistündigen Abends einzuleiten: Alles auf die Bühne! Das Spektakel beginnt! - Nun gab es wirklich was zu sehen!

Orts- und Szenenwechsel: Eine Woche später folgt im Prater der Volksbühne die Premiere von Me the Monster der deutsch-englischen Gruppe Gob Squad um Johanna Freiburg, Sean Patten und Berit Stumpf, die seit 1994 als Theater- und Live-Act-Kollektiv zusammenarbeiten. Auch Gob Squad will den mündigen, aktiven Zuschauer, doch geht Gob Squad weiter. Während Forced Entertainment auf eine Bühne bestehen und deren "vierte Wand" nie ganz einreißen, verzichtet Gob Squad darauf. Der Zuschauer wird bei ihnen zum Mitspieler erklärt. Noch vor Vorstellungsbeginn wurden im Foyer Fragebögen verteilt, die darüber Auskunft geben sollten, welchem von sechs Monster-Typen man angehörte. So versammelten sich die zu Aliens, Werwölfen, Vampiren, Geistern undsoweiter erklärten Zuschauer in Bert Neumanns Bühnenkasten, um sich nach dem Motto "Gib deinen Ängsten ein Bild!" von den Darsteller-Animatoren ihr dämonisches Persönlichkeitsprofil vortragen zu lassen.

Damit war aber leider bereits nach knapp vierzig Minuten der Höhepunkt des Abends erreicht und die Teilhabe am Geschehen beendet. Denn den als Dämonen geouteten Zuschauern sollte im Weiteren der Weg ins Leben draußen gewiesen werden. Der Auftakt dazu geriet mit dem Auftritt Sean Pattens viel versprechend. Mit gebremstem Charme animierte er hinter einem der zwei Fenster des Zuschauergevierts zum Einüben mitteleuropäischer Begrüßungsfloskeln. Doch dieser Einführung folgte die Austreibung der Zuschauer-Geister, bei der die besten Vorsätze des Theaterkollektivs auf der Strecke blieben. Plötzlich war sie wieder da, die vierte Wand, trübe und undurchlässig. Jeder der Darsteller hatte hinter den Wänden vor einer Videokamera seine Nummer, die in einer gnadenlos drögen TV-Waren-Ästhetik auf die Leinwand im Zuschauerraum übertragen wurde. Man war wieder zum passiven Konsumenten degradiert. Die Chance, den Zuschauer spielerisch mit den eigenen Ängsten zu konfrontieren, war vertan.

Gob Squad delegiert die Regie an jedes Mitglied seiner Truppe, jedoch zu dem Preis, dass die dramaturgische Klarheit einer Produktion verloren geht. Dagegen sorgt bei Forced Entertainment Tim Etchells als Regisseur und Autor für Kontur, ohne dass der kollektive Gedanke der Arbeit aufgegeben wird. Konzentriert und ergreifend geriet daher der inszenierte Leseabend auf der Hinterbühne der Volksbühne, der von Cathy Naden und Robin Arthur bestritten wurde. Exquisite Pain, ein Text der Künstlerin Sophie Calle, betreibt tagebuchartig einen Exorzismus der Erinnerung an Liebe, Eifersucht, Glück und Kränkung. Unmerklich gelingt den Vortragenden eine Verwandlung, die über das bloße Vorlesen weit hinausgeht: Sie verkörpern das Vorgetragene - ein Vorgang, der sich nur in der intensiven Auseinandersetzung von Darsteller und Regie entwickeln kann.

Als der letzte Zottelperücke-Lendenschurz-Neandertalerdarsteller zum The-World-in-Pictures-Spektakel samt einem Requisit auf die Bühne getrottet war, stellte sich Terry O´Connor vor. Hallo, ich bin die Terry, sagte sie, "und jetzt gibt es die ganze Geschichte der Menschheit von Anfang an." Die Truppe stellte nun bühnentauglich und von Terry kommentiert die Menschheitsgeschichte, angefangen von den Neandertalern über die Römer bis zum 11. September 2001, im Schnelldurchlauf vor: Das Ensemble sprang, hüpfte wild durcheinander, warf Kunstschnee von der Leiter, wechselte die Kostüme, trug eine Windmaschine von links nach rechts, rannte den Frauen hinterher und fingerte an der Laptoptastatur herum - rasanter Trash in Kintoppmanier. Das letzte, unvergessliche Wort des Abends gebührte jedoch Jerry. Stellte er mit seinem ersten Auftritt Gegenwart her, sorgte das Spektakel für die Vergangenheit, war er nun für den Blick in die Zukunft zuständig: "Stellen Sie sich vor, in fünf Jahren leben schon einige, die jetzt hier sitzen, nicht mehr." Pause. "In zehn Jahren sicher noch weniger, und in fünfzig Jahren wird es kaum noch einer sein ..." Nach der selbstvergessen-furiosen Bilderflut, konnte einem hier das Lachen im Halse stecken bleiben. Jerry wurde von einem Kollegen unterbrochen: Er solle doch mal was Optimistisches sagen. Jerry wünschte darauf einen schönen Abend und dass die Aufführung gefallen habe. Sie hat gefallen, gerade weil aus der Zerstreuung Ernsthaftigkeit und eine hohe Konzentration hergestellt wurde. Das berührt.

Weitere Vorstellungen: Gob Squad Me The Monster am 10. und 24. Juni im Prater, Kastanienallee 7-9, in Berlin; Forced Entertainment The World in Pictures wieder im Dezember 2006 in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin.


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00:00 09.06.2006
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Ausgabe 16/2021

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