Zur Renitenz des A-Topischen

200 Jahre Alexanderplatz In der Berliner Mitte wird wird mal wieder Metropoly gespielt

Man traute seinen Augen nicht. "Sehn´se, das wolln´se uns nu´ als das neue Berlin verkaufen", empörte sich der ältere Herr. Seit Monaten Baustelle, hat der Kaufhofkonzern das einstige Centrum-Warenhaus am Alexanderplatz mit einer bedruckten Bauplane versehen, die ein letztes Mal die auffällige Rasterfassade aus DDR-Zeiten zeigt. Doch die Empörung des Passanten galt einer zweiten Plane, die über das Ostdesign gehängt war: Der Künstler Albrecht Schäfer hatte im Rahmen des Projekts "Berlin Alexanderplatz Urban Art Stories" einen 50 Quadratmeter großen Ausschnitt der von Egon Eiermann entworfenen Horten-Fassaden, in den 1960er-Jahren Ikonen westdeutscher Einkaufsstraßen, appliziert. Sie standen für die Gestaltung der Waben des Kaufhauses am Alexanderplatz Pate. Was für die einen aussah wie die Bauprobe zur neuen Fassadengestaltung, konnte für die anderen als ironischer Kommentar zum Ost-West-Designtransfer gelten - oder aber auch als bitterer Rückblick auf das, was in den vergangenen 15 Jahren durch eine ideologisch aufgeladene Klientelpolitik Westberliner Cliquen am Alexanderplatz und andernorts missriet.

Nun feiert man den 200. Geburtstag des Alexanderplatzes, wie der unregelmäßige Flecken, damals noch im Volksmund der "Ochsenmarkt", seit dem 2. November 1805 mit dem Erlass einer Cabinettsordre Friedrich-Wilhelms III. zu Ehren des russischen Zaren hieß. Wie schon 100 Jahre zuvor, als der Markt und ein anschließendes Exerzierfeld nach der Rangerhöhung Kurfürst Friedrichs III. zum ersten preußischen Monarchen offiziell in "Königsplatz" umbenannt wurde, stellt der Erlass einen der vielen Versuche dar, einem schwer zu regulierenden Ort - damals wie heute polizeilich als "gefährlicher Bereich" eingestuft - die symbolische Ordnung staatlicher Macht zu oktroyieren.

Zu feiern gibt es also eigentlich nichts, auch wenn sich Platzmanagement und Investoren eifrig darum bemühen, Partylaune zu verbreiten. Die Erlaubnis an die Volksbühne, hier das Zelt ihrer "Rollenden Roadshow" aufzuschlagen, spiegelt die Situation des Ortes symptomatisch wieder: In den letzten Jahren gastierte die "RR" in sozial schwachen Randgebieten Berlins. Nun hatte man den Alex entdeckt, suburbanes Feld, mitten in der Stadt, das von hastigen Passanten durchquert, von polnischen Punks und Kids aus der Gegend bevölkert und von orientierungslosen Touristen schnell wieder verlassen wird.

Man ahnt, dass das so nicht bleiben wird. Nicht nur der Koloss von Karstadt rückt weiter auf den Platz. Neue Zäune stecken bisher scheinbar öffentliches Terrain als privates ab, und wo sich einst die dunkle Masse des Berliner Polizeipräsidiums in den Stadtraum schob, kündigt sich ein neues Großprojekt an, das Investoren unter dem klingenden Namen Sonae-Areal goldene Zeiten verspricht, vorerst aber zu den geschätzten 1,9 Millionen Quadratmetern leerstehenden Büro- und Gewerbeflächen in der Stadt weitere 100.000 hinzufügen wird.

Mit dem Abriss des Palastes der Republik im Herbst und der beginnenden Transformation des Alexanderplatzes hat man nun 15 Jahre nach der Wende zur letzten Attacke in der urbanistischen Schlacht um die Hauptstadt geblasen.

Wie steht es um den "öffentlichen" Raum, wenn er, wie am Alexanderplatz geschehen, in privaten übergeht? Von wem und wie wird der städtische Raum definiert, reglementiert und kontrolliert? Was wird wem, wann und wie zugänglich? Das von Petra Reichensperger kuratierte Projekt "Urban Art Stories" hatte im Mai - mit künstlerischen Arbeiten auf dem Alexanderplatz und mit Filmreihen und Vorträgen von Harun Farocki über Barbara Wille und Dirk Möllmann bis hin zu der Gruppe "Binkenlights" in der "Basis" - eine kritische Öffentlichkeit hergestellt. Auf dem Alexanderplatz sorgten nicht nur die von Inken Reinert aufgestellten Anbauschränke "Kompliment" und "Carat" aus DDR-Produktion für Kontroversen um das Verhältnis von Privatheit und Öffentlichkeit. Vergleichbare Diskussionen gab es zur Sound-Installation der Berliner Künstlergruppe "inges idee", die einen Ford Sierra mit wummernder Anlage direkt vor einem Multiplexkino parkte - nicht etwa, wie häufiger bei der Polizei gemeldet, illegal auf öffentlichem Straßenland, sondern auf privatem Grundstück mit Genehmigung des Kinobetreibers.

Historische Bezüge zeigte die Arbeit von Eva Maria Wilde auf. Sie brachte an einem der Leuchtkästen der Entrauchungsanlagen des U-Bahnhofs Schwarzweiß-Fotos zerstörter Stadträume an, darunter Belgrad, das nicht nur 1992 von NATO-Bombern getroffen, sondern bereits im April 1941 durch die deutsche Luftwaffe dem Erdboden gleich gemacht wurde und so das Schicksal der Reichshauptstadt antizipierte. Das verdrängte Trauma des Luftkriegs kehrt im Wiederaufbau deutscher Städte wieder. Am Alexanderplatz wird es signifikant.

Wo hört der Platz auf, wo fängt er an? Erst von weit oben, vom Fernsehturm aus hat man den Überblick. Der Däne Frans Jacobi ließ in seinem Video die Geister von Michael Jackson und Ulrike Meinhof im Aussichtscafé des Turms trefflich über ihre Utopien streiten. Dem Fußgänger erschließt sich der Platz erst wieder aus dem Untergrund mit seinem Leitsystem zu Ausgängen und U-Bahnhöfen. Die Videoprojektion der Dänin Mette Gitz-Johansen machte dies drastisch deutlich, indem sie aufs Pflaster einen von oben gefilmten Ausschnitt hastender Menschen projizierte: Am Alexanderplatz wird der Passant entweder in den Untergrund verbannt oder als Fluggast inszeniert. Damit sich dem DDR-Bürger beim Besuch des Fernsehturms in den ersten Jahren das Fluggefühl tatsächlich vermittelte, waren die dort angestellten Hostessen als Stewardessen kostümiert; - ein öffentlicher Raum war mit dem Alexanderplatz nur behauptet und wurde nur einmal, zum Abgesang der DDR am 4. November 1989, gelebt.


Bereits kurz nach dem ersten Weltkrieg gerät der Alex in den Blick ambitionierter Transformationsbemühungen, die das heutige Debakel vorwegzunehmen scheinen. Als die 1928 gegründete BVG ein Großteil der am Platz liegenden Grundstücke erworben hatte, lobte der Magistrat unter Federführung des Stadtbaurats Martin Wagner einen beschränkten städtebaulichen Wettbewerb aus. Unter dem Primat der Verkehrsregulierung schickte Wagner die PKWs in den Kreisverkehr und den Fußgänger in den Untergrund. Von den eingereichten Entwürfen wurde aber weder der erstplatzierte der Brüder Luckhardt und Alfons Anker mit ihrer stromlinienförmigen Platzfassung, noch der von Ludwig Mies van der Rohe realisiert. Dieser hätte schon vor der Flächenbombardierung des zweiten Weltkriegs tabula rasa für Hochhausscheiben geschaffen. Dank guter Geschäftsverbindungen zu amerikanischen Investoren konnte der zweitplazierte Peter Behrens zwischen 1929 und 1932 seine Geschäftshäuser "Berolina" und "Alexander" als Torbauten nach Westen errichten. Für den U-Bahnbau und Behrens´ halbkreisförmige Platzfassung hatte man gegenüber das klassizistische "Haus zum Hirschen" schon abgerissen. Gebaut wurde dort jedoch nie. Als unfreiwilliges Bild gescheiterter Metropolenträume wurde dort Anfang der 1930-Jahre eine meterhohe Bretterwand errichtet - eine reale Projektionsfläche, auf die man weiter Weltstadtfantasien wirft.

Der Alexanderplatz blieb bis heute die Black-Box, in der für ambitiöse Developer und ihre Planer das Metropolenkino surrt. Unter Regie diverser Bausenatoren und ihres Senatsbaudirektors Hans Stimmann und am Gängelband der Investoren läuft hier seit Beginn der 1990er-Jahre der Film "Metropoly". Das Script dazu lieferte nach einem beschränkten städtebaulichen Wettbewerb 1993 der Architekt Hans Kollhoff. Öffentlichkeit wurde inszeniert, deren Einflussnahme ausgeschlossen. Im Jahr 2000 vom Abgeordnetenhaus abgesegnet, bildet es jetzt die Planungsgrundlage für Abriss- und Umbau. Zehn 150-Meter-Hochhäuser dürfen gebaut werden, wenn es die Nachfrage erlaubt.


Während die DDR-Architektur weiter munter abgeräumt wird, darf Hermann Henselmanns "Haus des Lehrers" - unter Denkmalschutz gestellt und renoviert - vorgaukeln, man gehe mit der DDR-Moderne sorgsam um. Doch der hochpolierte Bau wird einfach mit postmodernen Klötzen zugebaut - nördlich und westlich sind dazu die Claims längst abgesteckt.

Wo vor ein paar Tagen nur Hinweisschilder der Kommune und eine Markierung mitten auf dem Platz ein Privatgrundstück reklamierten, blitzen nagelneue Zäune. Denn Ende Juni ist ein Nutzungsvertrag zwischen dem Eigentümer - dem texanischen Projektentwickler Hines - und dem Bezirk ausgelaufen, der hier ein Streetball-Feld anbot.

Doch man wundert sich, dass hier überhaupt ein privates Grundstück, im Bebauungsplan die Parzelle D4, zu finden ist. Denn die Immobilie würde in großen Teilen mitten auf dem historischen Platz stehen - Jahrhunderte unbebaut, eine der bedeutendsten Freiflächen der Stadt. Doch das besitzt ein strategisches Kalkül: Die Parzelle schließt die Sichtachse zur ehemaligen Stalinallee und schottet den "Peoples-Place", wie der Alexanderplatz bei Kollhoff apostrophiert wird, von seinem "östlichen" Umfeld ab. Man pflanzt ein städtebauliches Feldzeichen auf und zeigt, wer Herr im Hause ist. Der Senat könnte sein Grundstück von Hines zurückfordern. Dazu müsste er aber die städtebaulich und wirtschaftlich unsinnigen Planungen der 1990er-Jahre revidieren.

Aber der Bebauungsplan von Kollhoff bleibt bestehen, auch wenn sich dessen usurpatorischer Planungsstumpfsinn noch in der "Leitidee" zur Freiflächengestaltung des Alexanderplatzes niederschlägt: Bei den mit dem Umbau beauftragten Architekten Gerkan, Mark und Partner heißt es, Ziel sei es "Platz zu schaffen, der ein bürgerlicher Weltstadtplatz bleibt und wird." Man darf gespannt sein, wie die Architekten diese grammatisch-logische Herausforderung gestalterisch meistern werden. Der Baubeginn ist für November avisiert. Während des Projekts "Urban Art Stories" mahnte die dänische Künstlergruppe RACA schon mal Sitzgelegenheiten an. Bei Gerkan, Mark und Partner sind ein paar Bänkchen an den U-Bahneingängen vorgesehen. RACA bot den Passanten zwecks Entspannung dutzendweise Liegestühle an.


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00:00 22.07.2005
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Ausgabe 39/2020

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