Zurück auf den Sockel

Bühne Ruedi Häusermann inszeniert den Maler Ferdinand Hodler am Schauspielhaus Zürich. Das verstehen nur Vorgeschädigte

Auf dem Höhepunkt des Abends Der Hodler im Schiffbau des Zürcher Schauspielhauses schieben zwei Darsteller gewichtige Projektoren an die Rampe. Das Bühnenlicht erlischt und andächtig werden Dias in die Apparate geschoben. Stille. Auf der Bühnenrückwand erscheinen riesengroß, viel zu groß, Berglandschaften des bekanntesten Schweizer Malers: Ferdinand Hodler (1853 – 1918).

Bis hierin bietet der Theatermusiker und Regisseur Ruedi Häusermann eine bunte theatralische Lecture-Performance zum Leben und Wirken des Künstlers. Ein vierköpfiges Schauspielerensemble trägt in zeitgenössischen Alltagskleidern Texte von Hodler und zu Hodler von Robert Walser bis Peter Bichsel vor, mimt eine aufgeregte Museums-Kuratorencrew vor einer Ausstellungseröffnung, während A-cappella-Einlagen für Auflockerung und ein ebenso schauspielerndes Streichquartettensemble mit eigens für den Abend komponierten Stücken für musikalische Untermalung und Tiefgang sorgen. Da ergibt sich manch hübsch-absurdes Kabinettstückchen in Christoph-Marthaler-Manier. Etwa, wenn sich gleich zu Anfang aus einer brabbelnden Klangsuppe ein Darsteller zum Vortrag eines Walsertextes löst, oder die Violinistin mit einem leisen „Hops, Hops“ über die Bühnenschwellen stakst.

Doch so recht erschließt sich der Abend nur, wenn man sich erinnert, dass die Schweizerische Nachkriegsgeneration visuell Hodler-geschädigt ist. Über Schulbuchillustrationen und unzählige Reproduktionen wird ihr die Geschichte des Landes mit Historienbildern des Berner Malers vermittelt. Diesen Hodler glaubt Häusermann nun austreiben zu müssen, indem er einen zweiten auf die Bühne bringt: Den Hodler, der abseits von Historienbild und Marktinteresse Berge und den Tod seiner Geliebten malt. Es nimmt nicht Wunder, dass in einem halbwegs mit der nationalen Kunstgeschichte vertrauten Publikum die Aufmerksamkeitskurve nach kurzer Zeit auf den Nullpunkt sinkt. Es bleiben Bühnenkaprizen.

Kubistisches Balett

So staunt man über die großen Prospekte, die wie in einer Performance bemalt, später in einem kubistischen Ballett über die Bühne getragen und schließlich zu einem gezackten Ganzen zusammengestellt werden, um die Berge am Genfer See zu imitieren, als hätten wir es hier mit Caspar David Friedrichs Eismeer-Schollen zu tun.

Da ärgert man sich auch schon nicht mehr über die schiefen Diaprojektionen, der angeblich so geschätzten Hodler-Malerei, denn das Bühnenbild hat längst über die gemalten Bilder, der Theatermann über den Maler als Vehikel zur gehobenen Unterhaltung obsiegt.

Und darf man sich dann noch darüber ärgern, dass Häusermanns Hodler-Künstlerbild am Ende nichts anderes macht, als die falschen Künstlermythen des 19. Jahrhunderts vom armen und in der Heimat verkannten Malergenie und Frauenkenner zu reproduzieren? Häusermanns Inszenierung holt den einen Hodler vom Sockel, um den anderen Hodler gleich wieder auf einen anderen Sockel zu setzen. Dazu hat er kurze Stücke fürs Streichquartett geschrieben, die in sehr eigenwilligen Arrangements keine Monumente, keine „Bilder einer Ausstellung“ sein wollten. Es sind vielmehr zarte, ironisch-romantische Capriccios, die Ferdinand Hodlers gemalten Landschaften sehr nahe kommen, ohne sie zu illustrieren.

Wir hätten mehr gesehen, hätten wir mehr davon gehört.

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14:13 18.04.2010
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Ausgabe 15/2021

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