Alter Mythos in neuem Gewande

Psychologie und Freiheit Welche "Wahrheit" darf es heute sein? Rational-klar konturiert oder eher mystisch-Verschwommenes. Eher männlich oder eher weiblich... und was soll diese Einleitung?!!
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Tiefenpsycholgie (C.G. Jung/Neuman) hat sich immer einer Sprache bedient, die versucht hat beides zu transportieren - akademischen Intellekt und abgründige Verhältnisse um Leben und Tod in den "dunklen Winkeln" unserer Seele und Vor-Bewusstseins. Sie hat damit immer auch einen aufklärerischen Anspruch. Meistens ist dies aber (und zu meinem Bedauern) aus "Männer-Sicht" geschehen. Ein Rückblick in Sequenzen.

Kultur und Religion oder "Patriarchale Norm und menschliche Freiheit": "... sämtliche Kulturen aber, die noch nicht die Höhe patriarchaler Verfassung erreicht haben, gelten... als mehr oder weniger - auf jeden Fall aber noch nicht ganz - erwachsen. ... Die patriarchale Kultur - und das bezieht sich vor allem auf die jüdisch-christlich-abendländische Tradition - hat trotz aller eingestandenen Mängel in der Bewusstseinsentwicklung den höchsten Ast erklommen. In diesem Vorgang als entwicklungsnotwendig vorgestellt, wird er zugleich verbindlich gemacht für alle Völker und Kulturen aller Zonen und Zeiten. Diese haben sich folglich messen zu lassen am Bewusstseinsgrad unserer Kultur." ... Für den Bereich der "Ethik" ergibt sich nicht umsonst folgendes: Ahnlich wie den Frauen, wird auch ihnen (andere Kulturen; Anm. d. Verf.) eine eigenständige Bewusstseinsentwicklung abgesprochen - auch Sie werden sozusagen an der Latte des Heldenkampfes und je nach dem Stand seiner Verwirklichung qualifiziert.

So musste sich das indische Denken in der Vergangenheit bspw. sagen lassen, es sei - bildlich gesprochen - noch nicht von der Mutter abgenabelt, sondern kreise noch in seinem Banne, so Professor Hayao Kawai von der Universität Kyoto. In seinem vor einigen Jahren veröffentlichten Artikel fand er nichts dabei zu betonen, dass es "charakeristisch für die japanische Kultur" sei, "... dass die Muttertötung nicht vollzogen habe", wohingegen "das entwickelte europäische Bewusstsein die Muttertötung hinter sich habe." Was bedeutet das für die Ethik, um auf die Ausgangfrage zurückzukommen. Für diesen Bereich (vgl. Neumann) ergibt sich aus allem gesagten folgendes: Auch Sie wird zu einer Angelegenheit des heldischen Bewusstseins. "Der große Einzelne ist auf allen Gebieten stifterisch, d.h. geistig zeugerisch. Er ist als Täter und Held, künstlerisch, wissenschaftlich, philosophisch, religiös und auch ebenso ethisch tätig. Den "die Urfakten der Ethik" entstammen der "Stimme", die im begnadeten Einzelnen spricht (Neumann 1984, S. 52f.). Ethik wird aus seiner Perspektive vornehmlich zu einer Angelegenheit zwischen Vater und Sohn. Nachdem der patriarchale Geist sich symbolisch im Muttermord befreit hat, verjüngt und erneuert er sich beständig im Sohn, wobei der transpersonale Vater-Archetyp sich allerdings aufspaltet in einen konservativ-bewahrenden und einen progressiv-treibenden Aspekt. ... "Der Held" so heißt, in der von Neumann verfassten "Ursprungsgeschichte des Bewusstseins", ist "notwendigerweise der Brecher des alten Gesetzes. Er ist der Feind des alten Herrschaftssystems... und des herrschenden Gewissens und tritt so notwendig in den Gegensatz zu dem persönlichen Vater, der im Umkreis des Sohnes das herschende Kultursystem verkörpert... usw.. Später und abschließend heisst es dann: "Die Tatsache, dass in unserer Kultur das ausschließende und trennende Denken in Entweder-Oder-Schema von Männern propagiert und vorangetrieben wurde, gibt uns weder das Recht, gerade das verbindende Denken als ausschließlich Prärogative des Weiblichen hervorzuheben... . Das Ettiketieren mit "matriarchal" sollte deshalb vermieden werden. "Wobei mit matriarchalem Bewusstsein, ein eherbildhafter Dämmerzustand umschrieben wird, der in Gegensatz gebracht wird zur Taghelle des "solaren", männlichen Bewusstseins."

Denken - ja bitte! Aber nicht um den Preis der "rationalen Verschleierung", als Exklusivität des Einsatzes von Worten, hinter denen "Wahrheiten" zum-Verschwinden-gebracht werden. Ich persönlich werde den eigenen "Mut zur Mystik" niemals auf dem "Opferaltar mächtiger Männer" darbringen. Schon "die alten Griechen" sahen in der sogenannten "Demokratie" eine reine Männerangelegenheit. Das Ausüben von Macht durch Sprache; als Ausdruck männlichen Denkens. Heute nennt man das Politik. Wenn aber Politik und Religion eine "exklusive Exklusion", sprich: Theokratie auf Kosten weiblicher Wahrheiten und Weisheit, zu exportieren und verteidigen sucht, dannist dass der Offenbarungseid jeglicher Zivilisation und damit auch der Religion.

"Wahrheit ist nicht eine Frage von entweder-oder - sondern: von entweder-und-oder."

Rabbi Mendel von Kozk sagt: " Es heisst, die Wege G´ttes seien undurchschaubar. Das ist ganz sicher so. Ich hätte mich auf keinen Fall darauf eingelassen, einem G´tt zu dienen, dessen Wege ganz im Rahmen des menschlichen Begreifens gebieben wären."

Rabbi Jacob Jizchak von Lublin sagte: "Ein G´tt, dem man ausschließlich auf eine einzige Weise dienen könnte - was wäre das für ein G´tt?

Marcus Gundlach, Jahrgang 1968, jüdisch, freischaffender Schreiber, Blogger und Poet.

10:52 17.07.2017
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Geschrieben von

Marcus G. M. Gundlach

Sozialpädagoge (Schwerpunkte: Soziologie, Kriminologie, Politik, Religion) "Die eigene Meinung zu äußern, ist in diesen Zeiten nicht einfach..."
Marcus G. M. Gundlach

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