Ein historisches Ereignis als getarnter Währungskrieg

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Eigentlich ist es tragisch. Da sitzt ein Giovanni di Lorenzo bei Maybrit Illner zum Thema Stuttgart 21 und lamentiert vor allem darüber, dass er in einer Zeit aufgewachsen sei, in der man ständig vom Weltuntergang bedroht gewesen sei. Und irgendwie ist es ja immer noch so und das ist alles ganz schlimm.

Giovanni di Lorenzo ist Chefredakteur der Zeit und damit maßgeblich für die Art des medial-öffentlichen Diskurses mitverantwortlich. Was denkt dieser Mann sich, wenn er genau das beklagt, was er selbst mitgestaltet?

Vermutlich denkt er nur an den Verkauf seines Buches, dessen Namen Maybrit Illner brav mehrmals in der Sendung nannte. Wie wir gelernt haben, verkaufen sich Bücher besser, wenn sie generell dagegen sind, und/oder einfach nur schwachsinnig.

Bei der Skandalisierung im Bereich Finanzen gibt mittlerweile die Financial Times Deutschland den Takt vor. Sie titelte am 6. Oktober 2010: „Die Welt im Währungskrieg“ und selbst die FAZ konnte es sich nicht verkneifen, fortan die Begrifflichkeit des „Währungskrieg“ zu übernehmen und höchst intellektuell, nur wenig intelligent, über „Währungen als Waffen“ zu philosophieren.

Bei der Zeit tut man es nicht unter dem „Weltkrieg der Währungen“ und im Besten Common Sense konzentrierte sich die Berichterstattung auf die großen Vorteile schwacher Währungen auf das Exportgeschäft des jeweiligen Landes. Ganz Mutige verstiegen sich gar darin zu bekunden, dass dies aber eh nicht funktioniere, weil es nur noch um Warenverteilung und nicht mehr um reales Wachstum ginge.

Das Konzept der USA habe ich vor einem Jahr etwas genauer umrissen:

  • Der Dollar wird entwertet und damit auch die gigantischen US-Schulden.
  • Durch die Entwertung werden auch die Auslandsverbindlichkeiten der US-Banken entwertet.
  • Zugleich haben die marktaktiven Banken die Möglichkeit inflationierte Handelsgewinne zu generieren, die ihre Bilanzen entlasten.
  • Die Börsen in Europa steigen, weil die US-Börsen steigen und ein Teil des Geldes hier hinfließt. Der Effekt ist (in meinem Sinne ausgelegt) kurzfristig.
  • Der Goldpreis steigt allein schon wegen der Dollarentwertung und wird ob dieses Anstiegs zu einem brauchbaren Long-Spekulationsobjekt. Zugleich steigt der Anreiz physisches Gold zu kaufen.
  • Die Gesamtwirtschaft zieht trotz allem nicht an und wird lediglich durch die Konjunkturprogramme gestützt. Der Grund, warum man die Zinsen unten halten kann.
  • Da jedes große US-Unternehmen eine angeschlossene Finanzsparte hat, wird auch diesen geholfen. Die Währungsgewinne der Auslandsverkäufe tun ihr Übriges.

Der entscheidende Satz damals war:

Ohne eine Währungsaufwertung in China kann das aber nicht funktionieren. Die Alternative wären unfreundliche Zölle.

Daran hat sich nichts geändert. Das Ziel der USA, unter einer demokratischen Regierung, ist es, eine Inflation in Höhe von 6-8% zu generieren. Das einzig wirksame Instrument hierzu ist das quantitative easing der FED. Alles andere hat bereits versagt.

Wir sind nun ein Jahr weiter und an dieser Gesamtsituation hat sich nicht viel verändert. Geändert hat sich die wirtschaftliche Realität zwischen Europa und Asien, insbesondere zu China. Die Chinesen haben während der Krise ein gigantisches Konjunkturprogramm gefahren und sich so über Wasser gehalten. Dass gleiche galt für Europa, welches nur Kollateralschäden in Peripherieländern hinnehmen musste.

Zugleich gerierte sich in der europäischen und asiatischen Wirtschaft eine Einigkeit darin, dass die Zukunft in Asien liege, insbesondere in China, und man die Krise nutzen müsse, um jetzt die Kapazitäten aufzubauen.

Im Jahr 2008 wurden 27 514 Unternehmen mit ausländischen Investitionen neu genehmigt, was einem Rückgang von 27,35 Prozent entsprach. Das Volumen des real genutzten Auslandskapitals ist um 23,58 Prozent auf 92,395 Mrd. USD gestiegen.

[Im Jahr 2009 wurde] Nach Angaben des zum Handelsministerium gehörenden "Invest in China" (IIC) nur ein kleiner Rückgang von 2,6% auf 90,0 Mrd. US$ verbucht.

In den ersten sieben Monaten 2010 wurden 14 459 Unternehmen mit ausländischen Investitionen neu genehmigt, was einem Zuwachs von 17,9 Prozent entsprach. Das Volumen des real genutzten Auslandskapitals ist um 20,65 Prozent auf 58,354 Mrd. USD gestiegen.

Das Jahresergebnis für 2009 ist umso bemerkenswerter, da im ersten Halbjahr noch ein Rückgang von 20% verzeichnet wurde. Die Direktinvestitionen erklären sich u.a. durch ein Umdenken in der Art der Investition. Früher hat man einfach eine Fabrik hingestellt, was auch immer herstellt und die Ware dann verkauft.

Im Zuge der Krise hat man festgestellt, dass Asiaten, ebenso wie die Europäer, ein paar regionale Eigenheiten und Vorlieben haben. Beim Verkauf von Produkten könnte es also sinnvoll sein, diese zu berücksichtigen um gegenüber der jeweils heimischen Konkurrenz besser darzustehen. Beispielsweise sind Automodelle für den chinesischen Markt etwas länger als ihre europäischen Pendants. In der Folge wird hier nicht nur neu gebaut sondern auch modernisiert.

Chinas größter Handelspartner ist mittlerweile Europa und umgekehrt. Die USA sind vom Wachstum zurzeit ausgeschlossen. Für die USA ist dies umso fataler, da sich die Handelsbeziehungen zwischen beiden Regionen stark ausweiten. Dass gleiche gilt für den Handel mit Russland und Brasilien. Es profitieren hauptsächlich die starken europäischen Staaten, allen voran Deutschland.

Länder ohne exportfähige Waren, d.h. auf Produktion- und Dienstleistung fixierte Staaten, sind die europäischen Verlierer der momentanen Situation. Es sind die Staaten mit einem Handelsbilanzdefizit.

Die Sache mit dem Handelsbilanzdefizit war mal einfach. In einer globalisierten (Finanz)Welt kommen weitere Faktoren hinzu. So wurden seitens der USA in der Vergangenheit, der niedrigen Zinsen wegen, Kredite gerne in YEN aufgenommen und dann in Euro bezahlt. Der ausgleichende Effekt flexibler Währungen konnte somit nicht mehr direkt wirken.

Japan

Im genannten Beispiel fließt das Geld aus dem Dollar in den Yen und von dort aus in den Euro. Das tangiert das Wechselverhältnis zwischen Dollar und Euro nicht mehr direkt. Noch mehr verschiebt sich die Realitätsnähe der Wechselkurse, wenn aus den USA heraus Kredite für Kapitalmarkttransaktionen in YEN aufgenommen werden, deren Sicherheiten nicht nur anteilig in YEN hinterlegt sind oder gar nicht. Dazu erhöht sich die Geldmenge in Japan, das Geld fließt in die USA ab und der YEN wird schwächer. Durch die YEN-Schwäche werden zusätzlich zu den „Ersparnissen“ durch niedrige Zinsen noch Währungsgewinne erzielt und das Geld erzielt weitere Gewinne durch die Anlage bspw. in den Europa.

Japans Export profitiert vom schwachen YEN ebenso wie die Regierung, die dank niedriger Zinsen ihre Refinanzierung günstig hinbekommt. Dass Japan sich derweil zwangsläufig in einer Deflation befindet und darin gefangen wird, ist für die handelnden Personen nur am Rande interessant, denn schlussendlich überlebt das Land trotz eines hohen Verschuldungsgrades nur deswegen.

Es ist die alte Geschichte der Carry-Trades, die vor allem während der Krisenjahre 2007 und 2008 im Markt präsent war. Seit Mitte 2007 befindet sich der YEN in einer volatilen Aufwertungsphase. Die Bewegung von einst korrigiert sich. Die japanische Exportwirtschaft steht seitdem vor einem sich verstärkendem Wechselkursproblem. Der Rezession ist das zuträglich, wodurch die Bereitschaft und Fähigkeit der Japaner schwindet, ihrer Regierung Geld zu leihen. Ein Großteil der japanischen Staatsschulden bestehen gegenüber dem Inland.

Dies ermöglichten auch die Erfolge im Export, die einen Handelsbilanzüberschuss generierten. Brechen diese jetzt ein, wird Japan zunehmend auf Kapital aus dem Ausland angewiesen sein, was zu steigenden Zinsen führt. Bei dem hohen Defizit ist eine Staatspleite dann nicht ausgeschlossen.

In der globalisierten Realität geht der Weg des Geldes um ein „paar“ Ecken mehr, da es zusätzlich noch steueroptimiert transferiert werden will. Die rein vom Finanzmarkt getriebenen Aktionen haben dabei einen wesentlich stärkeren Einfluss als die der Realwirtschaft.

USA und China

Das Problem der USA liegt hingegen in der Realwirtschaft begründet. Ein Großteil der Produktion wurde nach China ausgelagert, da es sich dort so herrlich billig produzieren ließ. Dies begründete den Aufschwung Chinas.

China hat kein flexibles Wechselkurssystem. Die Notenbank kauft entsprechend Dollar, um den Wechselkurs da festzusetzen, wo sie ihn gerne hätte. Damit das Geld nicht einfach nur rum liegt, kauft sie mit diesen Dollars dann US-Staatsanleihen, wodurch die USA wiederum ihre Defizite decken konnten, die u.a. durch diese Entwicklung entstanden. Die dadurch generierte Nachfrage nach US-Staatsanleihen drückte in den USA die Zinsen und ermöglichte, im Einklang mit Deregulierungsmaßnahmen, die Auswüchse im US-Immobilienmarkt.

Nachdem das schiefging, erkannte man in den USA, dass man auch eine starke Realwirtschaft braucht, um auf hohem Niveau existieren zu können. Diese produziert nicht nur fürs Inland, sondern auch fürs Ausland. In beiden Fällen muss sie jedoch zu Preisen produzieren können, die konkurrenzfähig sind. Die Grundvoraussetzung dafür ist, dass die Wechselkurse zumindest fair sind, die Konkurrenz somit also über Qualität und Produktionskosten stattfinden kann.

Dafür müssten die Chinesen ihre eigene Währung aufwerten. Was sie aber ungern tun, da sie sich selbst wirtschaftlich Schaden und bestehende Dollarreserven entwerten. Für die USA besteht hingegen das Problem, dass es keinen sofortigen Effekt haben wird.

China wird nach einer Aufwertung der eigenen Währung weniger Dollar und somit weniger US-Staatsanleihen kaufen. Um dies zu kompensieren, wird die FED das sogenannte „quantitative easing“ ausbauen müssen. Die US-Notenbank wird den Ausgleichsbetrag zur Verfügung stellen müssen, wenn Nachfrageschwächen auftreten und diese Anleihen direkt kaufen.

Damit ist klar, dass die Amis noch lange nicht aus der Phase des „Gelddruckens“ (der Begriff ist symbolischer Natur, da dies alles virtuell geschieht) austreten, sondern gerade erst anfangen.

Der Weg in die Entwertung des Dollars ist gezeichnet. Im Hintergrund wird auch bereits an einem ablösenden Weltwährungssystem gearbeitet.

Bei aller technischer Planung hat der Markt seine eigenen Regeln. Inwieweit das Vorgehen kalkulierbar ist, kann niemand ernsthaft bewerten. Die Risiken für das Gesamtsystem sind unverkennbar und werden uns durch diesen Prozess hindurch begleiten.

Was jedoch zurzeit als Währungskrieg durch die Presse geistert, ist nicht mehr als ein Weg der Findung nach Lösungen. Diesen seitens der Medien kritisch, statt panisch, zu begleiten, würde die Risiken mindern.

Zuerst erschienen auf www.goowell.de

10:59 18.10.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

mh

Ich bin extrem geil und hochintelligent, da ist mein erheblich gestörter Geisteszustand absolut nebensächlich.
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