Goldman Sachs: Einschätzung

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„Der Fall Goldman Sachs“ ist ein Ewiger. Die Bank polarisiert durch ihr forsches und arrogantes Auftreten in der Öffentlichkeit. Als „Masters of the Universe“ sehen sie sich gerne und dennoch gibt es auch bei "I'doing God's work" – Blankfeins Leuten einige Zweifel.

Dieser tief sitzende Zweifel animierte Partner bei GS dazu, sich vorsichtshalber Schusswaffen zuzulegen, falls das Proletariat sich erheben sollte. Das war nicht etwa auf dem Höhepunkt der Finanzkrise, als die Wall Street eine bisher ungekannte Protestwelle vor Ihren Türen erdulden musste, es war Ende 2009, als man schon wieder Milliarden verdiente, während landesweit (USA bezogen) die Jobkiller unterwegs waren.

Vom Gebrauch dieser Waffen ist nichts bekannt und die nun von der SEC eingereichte Zivilklage gegen Goldman Sachs, kann damit wohl auch nicht aus der Welt geschafft werden. Rein vom Nutzen her, eine Fehlinvestition.

Der Vorgang

Goldman Sachs wird von der SEC mit einer Zivilklage belästigt.

In den USA sind diese Klageschriften öffentlich. In Deutschland hat sie der Spiegel als Erstes verbreitet. Wer des Englischen mächtig ist und 22 Seiten lesen mag, kann sie hier einsehen:

SEC Anklage gegen Goldmann Sachs (PDF)

Grob gesagt geht es darum, dass Goldman Sachs zu Beginn des Jahres 2007 ein Portfolio aus Kreditausfallversicherungen an seine Kunden verkauft hat.

Etwas technischer formuliert handelte es sich um eine Collateralized Debt Obligation (CDO) mit dem klangvollen Namen „Abacus 2007-AC1“. Darin enthalten waren Credit Default Swaps (CDS), also Kreditausfallversicherungen auf Hypotheken.

Das an sich ist nicht böse, doch soll die Zusammensetzung des Portfolios in Absprache mit der Hedgefondsgesellschaft Paulson & Co. erfolgt sein, die eigens dafür nur minderwertige Kreditausfallversicherungen (CDS) reinpackte. Der verantwortliche Goldman Vice President, auch genannt der fabelhafte Fab (Fabrice Tourre), wusste dies und duldete es. Die Verbindung zu Paulson& Co. soll indes verschleiert worden sein, in dem man vorgab, dass die Zusammenstellung durch die Vermögensverwaltung ACA erfolgte.

Anschließend spekulierte Paulson & Co. mit einer (auf die CDO bezogenen) Kreditausfallversicherung (CDS) gegen die CDO und verdiente eine Milliarde Dollar.

Angeklagt werden Goldman Sachs und Fabrice Tourre.

Der Hedgefonds Paulson & Co., der nichts mit Henry Paulson zu tun hat, wird nicht angeklagt. Dem folgt die Logik, dass Goldman Sachs für den Vertrieb verantwortlich ist.

Nach der Anklage wurde bekannt, dass die SEC weitere Klagen vorbereitet. Davon soll auch die Deutsche Bank betroffen sein.

Die in Deutschland an den Abgrund gedrängte IKB, gerettet durch den Staat, verlor mit diesem Produkt rund 150 Millionen US-Dollar. Die Bundesregierung leitet über die BaFin nun ebenfalls eine Überprüfung des Falls ein. Hierzu wurde Auskunftsersuchen in die Wege geleitet.

Politische Übersicht

Paulson & Co. ist einer der bekannteren Hedgefonds. Man verdiente am Zusammenbruch der CDO und CDS-Märkte, ebenso wie an der Erholung der Bankwerte in den letzten Monaten. Als exklusiven Berater hat man Alan Greenspan engagiert.

Goldman Sachs ist das Aushängeschild der Wall Street. Im amerikanischen Entertainment-Stil inszeniert sich die Bank regelmäßig als Masters of the Universe und ist ein ideales Ziel um ein Exempel zu statuieren. Eine Vielzahl ehemaliger Führungspersonen der Bank besetz(t)en Posten in der US-Regierung und vor allem deren Verwaltung. Der prominenteste Fall ist ex-Finanzminister Henry Paulson. Dementsprechend wird der Bank oftmals eine politische Beeinflussung nachgesagt, z.B. beim Fall der AIG-Rettung.

Bei der US-Börsenaufsicht (SEC) wird der Bereich „Beschwerden, Hinweise und Wiedergutmachung an geschädigten Investoren“ von einem ehemaligen Goldman Sachs Manager, Adam Storch, geleitet. Die Ernennung wurde mit Skepsis betrachtet. Entsprechend groß ist der Druck von außen, Ergebnisse vorzulegen. Im Gegensatz zum deutschen Pendant, der BaFin, zeigte die SEC in der Vergangenheit öfter mal ihre Zähne.

Die US-Regierung unter Barack Obama versucht zur Zeit eine Bankenreform zu verabschieden und stößt dabei auf harten Widerstand der Republikaner sowie der Bankenlobby. Obama fehlt im US-Senat eine Stimme, um die Reform aus eigener Kraft durchzubringen. Kompromisse sind naheliegend. Die Anklage gegen Goldman Sachs kommt somit zum passenden Zeitpunkt. Im November diesen Jahres finden Kongresswahlen statt. Bisher drohten den Demokraten empfindliche Verluste. Wenn die Republikaner bei dieser Gemengelage die Bankenreform blockieren oder abschwächen sollten, könnte sich ihre gute Ausgangsposition erheblich schwächen. Obama selbst will bei einer zu laschen Reform (Verwässerung) sein Veto einlegen.

Die Folgen

Als unmittelbare Reaktion auf die Veröffentlichung der Klage verloren die Aktien von Goldman Sachs am Freitag 12,8%. Der S&P Future verlor 1,3%.

Was die Griechenlandkrise kaum vermochte, schaffte nun eine Klage gegen das Herzstück der Wall Street. Hinter der Reaktion steht nicht nur diese Klage an sich, sondern die nunmehr erhöhte Chance, dass die Bankenreform in einer schärferen Form stattfindet, als ein bisheriger Kompromiss ermöglicht hätte.

D.h. die Regulierung des Derivatemarktes sowie die drohende Einschränkung des Eigenhandels der Banken, durch den vor allem in den letzten Monaten ein Großteil der Gewinne erzielt werden konnte.

Gleichzeitig geraten damit auch andere Regierungen unter Druck, die Finanzbranche schärfer an die Kandare zu nehmen. Das gilt vor allem für Deutschland, welches sich bisher stark gegen Regulierungsmaßnahmen wehrte. Federführend ist hier die FDP, die durch ihren Finanzexperten Hermann Otto Solms gar verkünden ließ, dass man im Nachhinein doch gar nicht mehr feststellen könne, wer die Schuld trage und man diese Schuldfrage deshalb ad acta lege.

Ein besonderes Ziel von Regulierungsmaßnahmen dürfte künftig auf Basis der offenbarten Geschäftspraktiken von Banken wie Goldman Sachs liegen. Exemplarisch seien hier die Hilfen für die griechische Bilanzkosmetik und die Vorgänge um den Börsengang der Berliner Immobiliengesellschaft GSW genannt.

Der Renditekiller „Regulierung“ ist weitaus mächtiger als eine Staatspleite.

Zuerst erschienen auf www.goowell.de

Ergänzung 20.04.2010 um 19:35 Uhr:

Bis zu einer Gerichtsentscheidung können bis zu zwei Jahre vergehen. (Quelle Platow Brief)

Der Platow Brief konzentriert sich ferner auf den politischen Aspekt und sieht in der Klage mehr eine Manipulation der deutschen Politik, die durch den dazugehörigen IKB-Verlust nun unter Druck gerät im Bereich Bankenregulierung aktiv zu werden.

Die Entscheidung zur Klage soll innerhalb der SEC mit 3 zu 2 Stimmen gefallen sein.

Ergänzung 20.04.2010 um 19:43 Uhr:

Erste Einschätzungen zur Klage legen nahe, dass der Erfolg der Klage ungewiss ist, da diese Form der Gegengeschäfte Usus ist. Aus eigener Erfahrung würde ich das bestätigen, daher fällt und steht die Klage mit der Bewertung darüber, ob die Anleger insofern getäuscht wurden, als dass Zusammensetzung eben nicht durch ACA erfolgte. Es wird schwierig sein nachzuweisen. Aus einer Klage gegen Bear Sterns Akteure wurde seinerzeit nichts, obwohl man aus den eMails ebenfalls herleiten konnte, dass ein Wissen über den baldigen Zusammenbruch des Marktes herrschte, während man weiter "ein Produkt" vertrieb.

Ergänzung 20.04.2010 um 21:47 Uhr:

Zur Symbolik noch ein Auszug aus einem Kommentar aus den USA, der die Stimmungslage ganz gut darstellt.

The Securities and Exchange Commission's complaint against Goldman Sachs is playing in the media as the Rosetta Stone that finally exposes the Wall Street perfidy and double-dealing behind the financial crisis. Our reaction is different: Is that all there is?

After 18 months of investigation, the best the government can come up with is an allegation that Goldman misled some of the world's most sophisticated investors about a single 2007 "synthetic" collateralized debt obligation (CDO)? Far from being the smoking gun of the financial crisis, this case looks more like a water pistol.

11:17 18.04.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

mh

Ich bin extrem geil und hochintelligent, da ist mein erheblich gestörter Geisteszustand absolut nebensächlich.
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