Hessel: Das Pfeifen im Walde

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Es ist noch nicht all zu lange her, da las ich das rassistische Machwerk des Sarrazin. In mühsamer Kleinleserei quälte ich mich durch die Fußnoten der einzelnen Seiten und vergaß dabei ganz, das Hauptwerk zu lesen. Genosse Augstein war da aufmerksamer so brachte er mich doch noch zur Erleuchtung.

Doch nicht nur das, Genosse Augstein hatte auch gleich noch einen Tipp für mich: Hessel lesen!

Hessel, so meinte er, sei der Gegen-Sarrazin. 900.000 Franzosen können nicht irren und viel wichtiger, wenn man da etwas statistisch rumrechnet und so, dann verkaufte der sich ebenso gut wie der Sarrazin.

„Ein Buch der Hoffnung, ein Buch des Aufbruchs, des Optimismus.“

Genosse Hessel sieht das anders. Es ist mehr ein Testament. Das Letzte, was ein 93 Jahre alter Mann der Welt mit auf den Weg geben will. In seinem Falle: Kann.

Das Buch beginnt auf Seite 7. Die Fußnoten enden auf Seite 25.

Hessel macht auch keinen Hehl daraus, dass er ein Kommunist ist. Keiner dieser Modernen, Demokratischen. Nein, Hessel ist von der alten Schule. Das, was ist, ist böse. Wer das nicht sieht, der muss es suchen und sich dann umgehend empören. Es ist auch viel Empörenswertes da. Man sieht es nur nicht, weil die Medien alle manipuliert sind.

Genosse Hessel war beispielsweise in Gaza. Diese armen Menschen da. Aber, so sagt er, es war beeindruckend, wie quietschvergnügt die noch am Strand baden, trotz dieser ganzen bösen Israelis um sie herum.

Und die Hamas, die tut das alles nur wegen der Hoffnungslosigkeit und es ist ja klar, dass Hoffnungslosigkeit keine Hoffnung sprießen lässt. Die Lösung ist also Hoffnung auf Gewaltlosigkeit und schon ist Frieden. Ja, so einfach ist das!

Und wem das noch nicht genug ist, dem sei gesagt, dass die Franzosen, ich betone ausdrücklich, allein die Franzosen, dafür verantwortlich sind, dass die Menschenrechte in der heutigen Form existieren. Den anderen, diesen Siegermächten, war das nämlich alles egal. Na zum Glück gab es den alten Sack!

Hessel lesen, ist wie „Was will der eigentlich von mir?“ denken.

Immer wieder unterbrochen von urzynischen Gedankengängen wie: „Dass Juden Kriegsverbrechen begehen können, ist unerträglich."

In diesem Wust aus Dingen, die er unbedingt empörenswert finden will, geht nur der Grund verloren. Es ist nicht falsch, dass in einer Demokratie dann schlussendlich die Empörung über Dinge, diese ändert. Nur darum geht es in diesem Büchlein nicht. Es ist wild in die Luft ballerndes Wutbürgertum.

Was bleibt?

Hessel verlangt 22 Cent je Seite. Sarrazin nur vier.

Zuerst erschienen auf www.goowell.de


11:21 20.02.2011
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Geschrieben von

mh

Ich bin extrem geil und hochintelligent, da ist mein erheblich gestörter Geisteszustand absolut nebensächlich.
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